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Zu Ehren des großen deutschen Barock-Komponisten wurde in Magdeburg eine wahre »Telemania« zelebriert

  • Von Irene Constantin
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Mach den Telemann lebendig, mach, dass sich die Leute für ihn interessieren«, so lautete die Aufforderung des Historikers und Beigeordneten für Kultur der Stadt Magdeburg, Matthias Puhle, an Marco Reiss, Geiger und begnadetes Organisationstalent. Und Reiss, für ein Jahr zum Magdeburger »Telemania«-Intendanten ernannt, machte.

Vom 336. Geburtstag des neben Bach und Händel dritten großen deutschen Barockkomponisten am 14. März bis zu seinem 250. Todestag am 25. Juni hatten Reiss und sein Team vielfältigste Veranstaltungen ersonnen. Es gab die Telemann-Straßenbahn, in der man mit Kammermusik durch die Stadt fahren konnte, es gab Vergnügungsfahrten auf der Elbe von Magdeburg nach Hamburg, es gab Ausstellungen, Puppentheater, Kindertheater und beinahe sogar ein Telemann-Jazzkonzert mit Till Brönner, wenn nicht das jüngste Sturmtief die Pappeln im Stadtpark so sehr gefetzt hätte, dass tagelang niemand in den Park durfte.

Schließlich, sagt Marco Reiss, gab es Leute, die von sich aus kamen und fragten, ob sie auch irgendwas zu Telemann machen könnten. Einer war der Biologe Dr. Klaus Vogler, geigendes, schauspielerndes und singendes Multitalent. Sämtliche 50 »Sing-, Spiel- und Generalbassübungen« Telemanns spielte, sang und kommentierte er; jede Vorstellung ein unterhaltsamer Marathonlauf mit Perücken, Requisiten und Instrumentalbegleitung. Lisa Grunwald und andere Jugendliche im Freiwilligen Sozialen Jahr haben »Telemann in Pop« produziert. Das Musical wurde von ihnen getextet, komponiert, die Besetzung gecastet, die Aufführung organisiert. Inhalt: Wie würde ein Mensch wie Telemann heute klarkommen, einer, der mit zwölf, ohne jede Ahnung, schon eine Oper komponiert hatte?

Zuerst musste der Magdeburger Predigersohn jedoch das Reisen lernen. In Clausthal Zellerfeld und Hildesheim wurde er zur Schule geschickt. Eigentlich sollten ihm dort die musikalischen Flausen ausgetrieben werden, aber in Leipzig ließ er endgültig das Jurastudium sausen und wurde Musiker. Es folgten Anstellungen in Sorau und Pless im heutigen Polen, in Eisenach und Frankfurt am Main, ehe er sich als musikalische Autorität für seine restlichen 46 Jahre in Hamburg niederließ. Paris war der Ort großer Gastspielerfolge.

In allen diesen Städten gab es Außenposten der »Telemania«. Wichtiger als der reisende war jedoch der geistig weltläufige Telemann. Ihn interessierten Literatur und Naturwissenschaften, und während Bach stilistisch sein eigenes Denkmal wurde, hörte Telemann auf die Musik um sich herum. Sein Spätwerk, komponiert, als Mozart schon auf der Welt war, lässt die Klassik nicht nur ahnen, sondern deutlich vernehmen. Dafür, dass er dazu ein angenehmer Mensch war, sprechen seine witzigen poetischen Texte und eine eigentlich frustrierende Episode: Seine zweite Frau betrog ihn und ließ ihn nicht nur wegen eines Liebhabers, sondern auch auf einem mächtigen Spielschuldenberg, sitzen. Statt zum Gespött zu werden, fand er Sponsoren, die etwa die Hälfte der Schulden für ihn bezahlten. Den Rest schaffte er durch immensen Fleiß. Danach legte er sich einen Garten an.

Neben viel Ungewöhnlichem organisierte Marco Reiss auch großartige Konzerte. Internationale Spitzeninterpreten wechselten sich mit weniger bekannten, ebenfalls barock-kompetenten Musikern ab. Eine Seelenfreude die Biederitzer Kantorei mit einer großen, für Paris komponierten Motette. Mein Highlight kam aus Thüringen. Vier ausgezeichnete Solisten, der Chor der Schlosskapelle Saalfeld und die Merseburger Hofmusik musizierten unter Leitung von Michael Schönheit das Oratorium »Der Tag des Gerichts«. Es sang und rauschte mannigfaltigst und entfaltete pures Suchtpotenzial.

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