Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Die Pforte zum Archiv

Kino-Ikone Wim Wenders hat im Berliner Schillertheater mit Georges Bizets »Perlenfischern« sein Operndebüt gegeben

Als Daniel Barenboim vor 16 Jahren mit Doris Dörrie »Così fan tutte« auf die Bühne der Staatsoper Unter den Linden brachte, gab es dafür nicht nur Lob. Die Filmfrau hatte sich wohl zu freimütig über ihr gerade erst erwachendes Verhältnis zu Oper geäußert. Aber eine kurzweilige Inszenierung war es allemal - und bislang sogar ihre beste.

Dass Generalmusikdirektor Barenboim nach neuen Regietalenten sucht und sein Intendant Jürgen Flimm ihn gewähren lässt, spricht für die Offenheit der beiden alten Opernhasen. Es hätte ja auch gut gehen können, jetzt mit Wim Wenders. Das Risiko wurde durch den Medienrummel im Vorfeld ausgeglichen. Außerdem: Wer, wenn nicht Berlin mit seinen drei großen Opernhäusern, sollte sich so ein Experiment denn leisten? Wenn Wenders inszeniert - und parallel zu den laufenden Proben erzählt, wie er ausgerechnet auf Georges Bizets Opernerstling aus dem Jahre 1863 gekommen ist -, dann schafft es Oper sogar mal wieder in die Kultursendungen des Fernsehens.

Falls sich auf diese Weise wirklich ein Kinogänger, der mit dem Musiktheater sonst nichts zu schaffen hat, zu einem Opernbesuch verführen lässt, wäre das ein Gewinn. Nur müsste man ihm im Falle der »Perlenfischer«, die jetzt in der Ausweichspielstätte der Staatsoper Premiere feierten, sagen: Das, was du da zu sehen bekommst - sofern du nicht sanft entschlummerst -, hat mit dem multimedialen Gesamtkunstwerk Oper, wie es die Leute mitunter provoziert oder beglückt, rein gar nichts zu tun.

Wenn die Sopranistin, die die Rolle einer auf Keuschheit eingeschworenen Priesterin auf einer Südseeinsel zu singen hat, auf leerer Bühne ein Pathos der Gesten zelebriert, die Hände ringt, die Arme in die Luft wirft und mit ihrem üppigen Abendkleid herumwirbelt, wie man es von den Aufnahmen der Callas kennt, dann läuft das wohl nur bei Wenders unter Oper. Dass er als Filmemacher auf die Idee kommt, einen Vorspann und dann Orientierungshilfen wie die Nummer des jeweiligen Aktes und der Tableaus auf einen Zwischenvorhang zu projizieren, liegt auf der Hand. Wenn es die derart versprochenen eindrucksvollen Bilder denn nur wirklich gäbe! Gerne auch opulent illustrierend. Oder gegen den Strich. Ganz egal. Nur irgendwas, das mehr als Herumstehen und ab und zu Hin- und Herlaufen ist.

Im Schillertheater gibt es jetzt nichts dergleichen. Und weil da viele Leerstellen bleiben, fängt man an, sich darüber zu wundern, wieso der Chor gebannt aufs Meer blickt und die Ankunft der Wunderpriesterin Leïla erwartet. Und warum diese Priesterin dann an der Seite eines alten Herrn mit Bart und im Pilgerlook (es ist Wolfgang Schöne als Nourabad) von hinten kommt. Und man fragt sich, was das wohl für eine Insel sein muss, auf der die meisten Bewohner rothaarig sind. Und man staunt über die Vehemenz, mit der sie die fremde verschleierte Frau erschlagen wollen, als sie das Keuschheitsgelübde bricht. Zumindest singen sie davon und heben vielsagend die Arme.

Bei einem solchen Ausbremsen wenigstens noch finstre Miene zum (kaum vorhandenen) bösen Spiel zu machen und sich dabei im Laufe des Abends mit dem Gesang bemerkenswert zu steigern, ist die Leistung des von Martin Wright einstudierten Staatsopernchores, die Beifall verdient. Wie natürlich auch die Staatskapelle und Barenboim, der hier erstmals die »Perlenfischer« dirigierte. Er sorgt im Graben dafür, dass Francesco Demuro (als Nadir) und Olga Peretyatko-Mariotti (fabelhaft sicher als Leïla) sich am Ende doch noch kriegen - nicht ohne dass die beiden bei einem heimlichen Rendezvous erwischt und beinahe vom ganzen Dorf erschlagen würden. Das wird nur dadurch verhindert, dass der Chef des Ganzen, Nadirs Jugendfreund Zurga (nobel kernig: Gyula Orendt), im letzten Moment jene Perlenkette Leïlas erkennt, die er einst seiner Lebensretterin umgehängt hatte, und das Dorf in die Ablenkung treibt.

Vielleicht war der Abend aber gar nicht die große Opernschlaftablette, sondern eine gegen die Konvention gerichtete Parodie? Sollte damit womöglich einer glaubwürdigen Menschendarstellung auf der Bühne ein Tor geöffnet werden? Das hatte einst schon Walter Felsenstein gemacht. Ein solches Portal ist immer noch der Haupteingang, begreift man die Oper als Gesamtkunstwerk. An diesem weit geöffneten Tor ist Wenders aber offensichtlich vorbeigelaufen. Stattdessen hat die Pforte zum Archiv mit den erledigten Vorgängen genommen.

Nächste Vorstellungen: 30. Juni, 2. und 4. Juli

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln