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Was einst als schön galt, ist nur noch hohl

Das Kammerensemble Neue Musik setzte seine Konzertreihe »Die Welt nach Tiepolo« fort - Teil 3: Asien

Solch eine vierteilige Folge will durchgehalten sein, in möglichst gleichbleibender Qualität, in klarer Sinngebung und größtmöglicher Vielfalt. Das Kammerensemble Neue Musik Berlin (KNM) und seine Musikerinnenfreunde bemühen sich sehr darum. Es gelang bisher Fantastisches, aber es gibt naturgemäß auch Fehlstellen, ebenso wie etwas, das nicht reinpassen will, das aufgesetzt wirkt. Der Gegenstand ist groß und anspruchsvoll.

Konzipiert und programmiert hat die Serie Thomas Bruns, der Leiter des KNM. Ideen wie die seine sind selten im Bereich der Neuen Musik und darum besonders schätzenswert. »Die Welt nach Tiepolo« meint die Welt heute im Gestern und die gestrige im Heute. Spannend, diese Konstellation, und ihre musikalische Ausarbeitung äußerst reizvoll. Die ersten beiden Konzertfolgen bewiesen es mit geringen Abstrichen.

Tiepolo ist jener Maler mit Vornamen Giovanni Battista, der um die Zeit, als der große Johann Sebastian Bach starb (1750), für die Würzburger Residenz das weltgrößte Deckenfresko schuf. Darauf sind die seinerzeit bekannten vier Kontinente dargestellt, ein jeder im Verfall begriffen. Was einst als schön galt, sagen Farben- und Figurenwerk des Bildes, ist nur noch gipsern und hohl und brüchig. Die meiste Fläche ist wolkenreicher Himmel. Unter ihm gleichsam das späte Rom, in dem die Götter und Fürsten so gewöhnlich wirken wie die übrigen Gestalten. In dem die Sonne thront, aber die Damen in Seide und Samt gefangen scheinen zwischen mit Staub bedeckten Büchern und toten Gräsern.

Nach »Amerika« und »Europa« in den ersten beiden Konzerten stand nun das im Fresko rätselvoll erscheinende »Asien« im Mittelpunkt. Schöner Augenblick: Hugues Dufourt, Komponist und Philosoph aus Frankreich, war selbst anwesend und stellte sich den Fragen von Lisa Benjes von der Initiative Neue Musik Berlin. Sein vierteiliges Werk auf die vier Kontinente des Tiepolo ist Kernstück des ambitionierten Projekts. Zehn Jahre habe er an dem Zyklus komponiert. In einem weiteren Gespräch äußert der Komponist auf die Frage nach »seiner Sicht auf das Schicksal der Menschheit«: »In der Darstellung der Kontinente häufen sich Symbole für untergegangene Zivilisationen. Die Pyramiden und die Reste von Säulen aus allen Zivilisationen sind Bilder einer rätselhaften Vergangenheit. Und ich entdecke in diesem Fresko überall Köpfe von Philosophen, die in ihren Spekulationen verloren sind. Das gesamte Fresko wirkt auf mich wie ein Tagtraum.« Dass sich derlei Gedanken in Hugues Dufourts Teil »L’Asie d’aprés Tiepolo« für Ensemble höchst sinnfällig umsetzten, gehört zu den Glanzpunkten des Abends.

Zu Beginn kam von Giacinto Scelsi »Manto« für singende Violaspielerin. Die gab Kirstin Maria Pientka und bot ein technisches Meisterstück. Was Scelsi mit »Manto« meint, ist unbestimmt. Das Stück, gespickt mit spieltechnischen Raffinessen, vielstimmig, polyphon angelegt, elektronisch angereichert, führt womöglich in nahöstlich-vorderasiatische Klangzonen, aber das ist nicht sicher.

Danach das genannte Dufourt-Stück für Holzbläser, Streichtrio, Klavier und Schlagzeug. Es ist dreiteilig. Der angstbesetzte erste Teil mit dem kompletten Ensemble hört nicht auf zu rumoren und zu bedrängen. Der zweite Teil inkarniert ein schweres Adagio. In tiefe, dunkle Bereiche dringen Piano und Bassklarinette, dazu Schläge auf Marimba, Tamtam wie der Serie gestimmter Kuhglocken mit ihren asiatischen Färbungen. Geltung erhält eine Art Gesang der Schlepper mit schmerzenden Körpern und Gesichtern, wie sie Repin gemalt hat. Der dritte Teil siedelt an der Grenze des Erklingenden. Bassklarinette (Theo Nabicht) und melodiebildendes Schlagzeug (Alexandre Babel) flüstern lange fast unhörbar einander zu. Fahl, endlos leer endet das bedeutende Werk.

Folklore, gemischt mit westeuropäischen Spielgewohnheiten, brachte Fang-Yi Lins »Der Qualm aus dem fernen Land« für Vokalisten, Sitar, Erhu und Ensemble. Hier trafen sich Schöpfer aus verschiedenen asiatischen Kulturen.

Das Schluss-Stück, »hitonokiesari« des Japaners Masahiro Miwa und des Deutschen Martin Riches, führte ferne regionale Rituale, gebunden an eine »Singmaschine«, mit europäischen Bläserkulturen zusammen. Zwei Quintette stehen horizontal in gehöriger Entfernung zueinander und musizieren völlig autonom. Einmal schlagen fünf im Kreis um einen Glaszylinder mit an Seilen auf- und abgehenden Kolbenstücken herumsitzende Musiker mit farbigen, von Hand zu Hand gehenden Papierrollen auf ihre Knie. Immer die gleichen Rhythmen. Hinter ihnen der »Singmaschinen«-Mann. Zum anderen blasen fünf Holzbläser sich in eine Welt gereihter Toninseln hinein, gleichfalls ritualisierte Musik, mit kaum nennenswerten stimmlichen, akkordischen Veränderungen. Darunter laufen Geräusche der »Singmaschine« des Martin Riches. Kurioses Gebilde. Drei große hohle Holzbohlen auf Böcken bilden den Resonanzraum, dem zuletzt »Gesänge« wie aus dem Kontrafagott entfahren. Die Bläser gehen vorzeitig ab. Der Rest verneigt sich von der Maschine.

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