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Blumen wachsen aus Kanonen

Maurice Druon erfand »Tistou mit den grünen Daumen«

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

Ein »grüner Daumen«? Das heißt, manche haben mit Pflanzen Glück. Aber bei Tistou aus dem Buch von Maurice Druon (1918 - 2009) ist es wirklich Zauberei. Und das nicht nur für die häusliche Fensterbank. »Tistou ist mit dem Kleinen Prinzen verwandt«, urteilte die Jury für den Deutschen Jugendliteraturpreis. 1943, als das berühmte Buch von Saint-Exupéry erschien, tat Druon seine ersten Schritte als Schriftsteller. 1948 erhielt er für seinen Roman »Die großen Familien« den Prix Goncourt.

Dass der Deutsche Taschenbuchverlag jetzt dieses kleine Meisterstück von 1957 noch einmal entdeckte, das bereits 1959 schon mal in deutscher Übersetzung erschien, hat wohl auch mit Zeitstimmungen zu tun. »Sagt Nein zum Krieg - aber sagt es mit Blumen.« So steht es auf der Banderole aus Pergament und mag zunächst befremden. Schön wär’s, wenn man die vielen Brandherde in der Welt einfach mit Blumen löschen könnte. Aber das Titelbild von Jacqueline Duheme (von ihr stammen auch die filigranen, vom Jugendstil inspirierten Illustrationen im Buch) lässt ja keinen Zweifel daran: Hier handelt es sich um ein Märchen.

Wie schön wäre es, wenn … Solche Gedanken hatte wohl auch der Autor dieser zauberhaften Geschichte. Um einen kleinen Jungen geht es, der durchaus freundliche Eltern hat. Allerdings verdanken sie ihren Reichtum der Produktion von Kanonen.

Madame Mama ist blond und zart und duftet wie ein ganzer Blumenstrauß. Monsieur Papa liebt das »Prächtige und Glanzvolle«. Sogar die Pferde sollen wie Edelsteine blitzen. Auf die von ihm gezüchtete johannisbeerfarbene Rasse ist Papa besonders stolz. Mehr noch auf den Sohn. Kein Zweifel, dass er zu Großem berufen ist. Schließlich soll er einmal die Fabrik übernehmen, durch die das unbedeutende Städtchen Kimmelkorn in der ganzen Welt bekannt ist.

Das Märchenhafte beginnt indes schon damit, dass Tistou bereits nach seinem dritten Schultag vom Lehrer mit einem Brief nach Hause geschickt wird. Wer tut das mit einem Fabrikantensohn? Er sei »ein äußerst ungewöhnlicher Knabe - völlig anders als die anderen Kinder«. So sei es »leider nicht möglich«, ihn weiter zu unterrichten. Was dem voranging und wie man sich in dem »funkelnden Haus« nun um Tistous Werdegang sorgt, der nun eine eher praktische Ausbildung erhalten soll, ist lustvoll fabuliert.

Mit Befremden blickt Tistou auf die Erwachsenenwelt. Von seinem eigentlichen Talent wissen nur er selbst und der Gärtner Schnurrebarbe. Was er mit seinem Daumen berührt, wird nämlich zur Blumenwiese. Und dieses Kunststück gelingt ihm bald sogar mittels seiner Gedanken. Zunächst vielleicht aus Verschönerungswillen, bald jedoch wird klar: Es geht um die Rettung der Welt. Beginnend mit dem Gefängnis und der Barackensiedlung am Stadtrand bis hin zu einem Wüstengebiet, um das sich zwei Mächte streiten. Was es denn dort so besonderes gebe, fragt Tistou. »Erdöl!«, sagt Herr Trommelpfiff, der Papas engster Mitarbeiter ist. »Und was wollen sie mit dem Erdöl?« »Sie wollen es haben, damit die anderen es nicht bekommen. Sie wollen es, weil man unbedingt Erdöl haben muss, um Krieg führen zu können.«

Einfache Fragen, einfache Antworten: Wenn das Gefängnis nicht so hässlich wäre, würden die Gefangenen vielleicht nicht versuchen wegzulaufen, fröhlicher werden und besser, überlegt Tistou. Und warum haben sie keine Arbeit?, fragt er angesichts des Elendsviertels. Da muss Abhilfe her. Und dann erfährt er auch noch, dass seines Vaters Fabrik beide Kriegsparteien beliefert. »Ein abscheuliches Geschäft«, sagt Tistou und bekommt von Trommelpfiff eine Ohrfeige dafür. Bekümmert, dass sein Sohn so »wenig Veranlagung für die Leitung eines so großen und schönen Unternehmens« zeigt, war Monsieur Papa freudig überrascht, als er Tistou um die transportfertigen Gewehren und Kanonen herumschleichen sah.

Was folgt, ist lustig-turbulent, und Kinder lernen nebenbei eine Menge Pflanzen kennen. Am Ende jedoch fiel Maurice Druon offenbar nichts anderes ein, als das engelhafte Kind verschwinden zu lassen wie den »kleinen Prinzen« - auf einer Blumenleiter.

Maurice Druon: Tistou mit dem grünen Daumen. Illustriert von Jacqueline Duheme. Aus dem Französischen von Hans Georg Lenzen. dtv. 142 S., geb., 16,95 €.

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