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Fassaden als Brandbeschleuniger

Hochhaus in Wuppertal wegen Mängel beim Brandschutz geräumt / Diskussion erreicht Politik

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 4 Min.

»Das Haus ist kaputt? Muss es jetzt abgerissen werden?«, fragen zwei Kinder am Dienstagabend einen Feuerwehrmann und eine Polizistin an der Absperrung vor dem Hochhaus auf der Hilgershöhe in Wuppertal. Beide nehmen sich Zeit, die Fragen zu beantworten. Sie erklären, die Menschen müssten nur aus »Vorsicht« aus dem Haus. Es gäbe keine Gefahr, nur wenn es brennen würde, könne es gefährlich werden. Sie erläutern, wenn »die Firma, der das Haus gehört« die Verkleidung entfernt, könnten die Menschen wahrscheinlich schnell zurück. Was denn eine Verkleidung sei, wollen die beiden Jungs wissen. Die sei dazu da, damit das Haus »schöner aussieht«, sagt die Polizistin, woraufhin ihr einer der Jungen entgegnet: »Das ist aber doch hässlich.« Er lacht und geht mit seinem Freund weg, um wieder Fußball zu spielen.

Die Räumung in Wuppertal verläuft ganz entspannt. Am Vormittag habe man sich entschieden, das Gebäude zu räumen, erklärt Jochen Braun vom Bauamt der Stadt. Dann seien die entsprechenden Vorkehrungen getroffen worden. Feuerwehr, Polizei und Ordnungsamt mussten Mitarbeiter bereitstellen. Bei den Stadtwerken wurden Busse bestellt. Die Ausländerbehörde organisierte die Verteilung von Ersatzwohnungen. Braun erklärt, wegen der »Flüchtlingssituation« habe die Stadt derzeit »glücklicherweise« genügend möblierte Wohnungen, die leer und sofort bezugsfertig seien. Am Nachmittag wurden dann die Hausbewohner informiert.

Wie sie von der Räumung erfahren haben, schildern die Bewohner unterschiedlich. Bei einem älteren Paar hat ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes am Nachmittag geklingelt. Die Lage sei geschildert worden, dann habe man 20 Minuten zum Packen gehabt. Ein junger Mann erzählt, er habe im Internet von der Räumung gelesen, dann sei er »mal runter« gegangen. Jemand von der Feuerwehr habe ihm gesagt, er solle das Notwendigste aus der Wohnung mitnehmen. Nach einer Dreiviertelstunde sei er fertig gewesen. Mit einem Rucksack und zwei vollen Taschen steht er am Dienstagabend vor dem Haus. Er kann die Entscheidung verstehen, im Haus gäbe es schon grobe Mängel, nur für die alten Leute sei die Situation hart.

Glücklich ist die Stadt mit der Entscheidung natürlich nicht. Am Mittwoch erklärt eine Stadtsprecherin gegenüber dem »nd«, beim Bauamt sei das Haus seit 2010 schon sehr präsent. Die Eigentümer hätten oft gewechselt. Immer wieder hätte man gefordert, die Fassade zu entfernen und eine automatische Brandmeldeanlage zu installieren. Nach der Katastrophe von London habe man in diesem Punkt eine Neubewertung vorgenommen. Nun würde man alle Hochhäuser im Stadtgebiet überprüfen.

Bundesweit hat der Brand im Londoner Grenfell Tower, bei dem 80 Menschen starben, eine Diskussion ausgelöst. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) kündigte erste Schritte zur Überprüfung insbesondere von Gebäudedämmungen an. Aus Niedersachsen und Bremen gibt es Vorschläge, sich länderübergreifend mit dem Problem zu befassen.

Bevor jedes Bundesland mögliche Konsequenzen prüfe, solle sich eine Arbeitsgruppe mit dem Thema beschäftigen, forderte der Sprecher des Bremer Bauressorts, Jens Tittmann. Erst einmal müsse man aber abwarten, was die Ursachen für den Brand in London waren.

Auch die deutschen Feuerwehren fordern Konsequenzen. Der Leitende Branddirektor der Frankfurter Feuerwehr, Reinhard Ries, sagte der Deutschen Presseagentur, man könne nur hoffen, dass der Brandschutz nach der Katastrophe von London endlich ernst genommen werde. In Frankfurt habe es 2012 und in Duisburg 2016 ähnliche Vorfälle gegeben. Nur sei der Schaden nicht so groß gewesen. Ries fordert nicht-brennbare Verkleidungen und einen Brandriegel zwischen jeder Etage. Die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren fordert schon seit Jahren zwei baulich getrennte Rettungswege und Überdrucklüftungen für Treppenhäuser. Dann könnten diese nicht mehr verrauchen.

In Wuppertal würde den Bewohnern des Hochhauses die kleinen Außenbalkone bei einem Fassadenbrand zum Verhängnis werden. Nur über sie kommt man in das Treppenhaus. Einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass die Menschen bald zurück in ihre Wohnungen können, gibt es. Die Eigentümer-Firma Intown hat sich telefonisch bei der Stadt gemeldet und angekündigt, die Fassade »kurzfristig« zu entfernen. Wirklich optimistisch klingt die Stadtsprecherin allerdings nicht, als sie sagt, »wir sind zunächst mal froh, dass wir in Telefonkontakt standen«. Für Schnelligkeit steht Intown nicht unbedingt. Das Berliner Unternehmen besitzt im ganzen Bundesgebiet Wohn- und Geschäftshäuser. Aus Dortmund und Hannover gibt es immer wieder Beschwerden über Mängel an Gebäuden, die dem Unternehmen gehören. Für eine Stellungnahme zu der Räumung in Wuppertal war bei Intown niemand zu erreichen.

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