Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Drückende Wolken, knarrende Böden

Der Schriftsteller und Nichtmitmacher Ror Wolf wird 85. Soeben ist ein Band mit sämtlichen seiner Gedichte erschienen

Ein uns bekannter Dichter, ein aus dem thüringischen Saalfeld stammender Herr Wolf, schreibt nun, von einer größeren Öffentlichkeit unbeachtet, schon seit Jahrzehnten Gedichte. Seine Gedichte unterscheiden sich von den Gedichten anderer dadurch, dass sie gut sind. Das weiß aber nicht jeder. Deshalb werden von den allermeisten Gedichtliebhabern schlechte Gedichte gelesen. Im Fernsehen tun sie ja immer so, als seien die schlechten Gedichte gute. Das liegt selbstverständlich daran, dass die im Fernsehen von Literatur keine Ahnung haben. Aber auch das weiß nicht jeder.

Doch wenden wir uns wieder Herrn Wolf zu. »Zu den bekanntesten deutschen Schriftstellern gehört er heute wohl eher nicht«, erklärt uns die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, »aber zweifellos zu den bedeutendsten.« Ror Wolfs Gedichte sind nicht nur perfekt gebaute Sprachkunstwerke, sondern auch Werke von unermesslicher Weisheit, die das Wesen des menschlichen Daseins erschöpfend zu erklären imstande sind, immerhin eine ganz erstaunliche Leistung, bedenkt man, dass diese selbst von der Philosophie, die für derlei eigentlich zuständig wäre, bisher nicht erbracht wurde: »Erst fällt man aus einer Straßenbahn, / dann stürzt man von einer Leiter, / und wenn man daran nicht sterben kann, / dann lebt man eben so weiter.«

Das dritte Gedicht des hier zitierten Gedichtzyklus »Fünf Kalendergedichte« (1980) schließlich belässt es nicht bei der klaren Analyse der gesellschaftlichen Gegenwart (erste zwei Verse), sondern verweist auch auf die - wenn auch nur vage, so doch mögliche - Existenz eines gelingenden, eines richtigen Lebens (letzte zwei Verse): »Das Leben ist zuweilen trist, / so ist das halt im Leben, / und was im Leben nicht so ist, / wird noch bekanntgegeben.«

Ror Wolf hat uns auch wie im Vorübergehen das schönste, klarste, lehrreichste, vernünftigste und stilistisch gelungenste aller jemals in deutscher Sprache verfassten Gedichte geschenkt. Das, denke ich, wird sich noch herausstellen; vielleicht schon in wenigen Minuten, womöglich aber auch nie. Es heißt »Wetterverhältnisse« und es lautet wie folgt: »es schneit, dann fällt der regen nieder, / dann schneit es, regnet es und schneit, / dann regnet es die ganze zeit, / es regnet und dann schneit es wieder.«

Doch nicht nur das Wetter, wenngleich es hier im Gedicht als ebenso heitere wie säuberlich geordnete Abfolge unwirtlicher klimatischer Vorgänge erscheint, ist vor allem unberechenbar und schlecht, auch das Leben ist es. In nicht wenigen Versen Wolfs hat man es mit einem fortgesetzten Scheitern zu tun, entfaltet sich eine aus den Fugen geratene Welt, zuweilen herrscht blankes Entsetzen. Das Ungemach trifft hauptsächlich eine von Ror Wolfs zentralen Figuren, Hans Waldmann, die im Laufe mehrerer Gedichtzyklen einiges zu erdulden hat: »Und sein Leib, von Kleidern schwarz umhüllt, / wird vom schweren Regen überspült, / und die Wolken drücken ihn ganz hart / an den Rand, wobei der Boden knarrt. // Jemand schlägt ihn auf den Hut, von hinten: / Das Zergehen, das Zerfließen, das Verschwinden. / Später kann man es noch einmal sehen: / Das Verschwinden, das Zerfließen, das Zergehen.« So geht das recht häufig zu in Waldmanns Dasein. Doch keine Bange, im nächsten Gedicht ist wieder mit ihm zu rechnen: »Wie, sagt Waldmann, wird es weitergehn? / Nun, mein Herr, das werden wir schon sehn.«

Nicht nur Gedichte hat der Dichter, von dem wir hier sprechen, verfasst, auch Hörspiele, Prosastücke und Romane. Hmm. Was hat es eigentlich mit dem Romanlesen auf sich? »Verwöhnt durch ihre bequeme Lektüre, schrecken, sagt Lemm, Romanleser vor Büchern, die zu denken geben, zurück, überhaupt vor dem Denken. Zusammenfassend glaubt Lemm sagen zu können: Das Romanlesen schadet nicht viel, aber es nützt auch nichts.« Soweit erst einmal Lemm, eine Figur Ror Wolfs. »Jemand erzählte mir, dass ich verschwunden sei.« Das sind so Ror-Wolf-Sätze.

Die Romane, die von fantasielosen Menschen immer wieder ausschließlich der Fantastik, der grotesken Komik oder der formalistischen Sprachspielerei zugeordnet werden und die lustige und sonderliche Titel tragen, werden vom selben Schicksal ereilt wie die Gedichte: Hier und dort werden sie bisweilen von aufgeschlossenen Menschen gelesen, denen die Grasswalserböllsche Tränensackliteratur zu bleiern, zu schwerfällig und zu betulich ist und die öde Trivialliteratur der Jüngeren zu schematisch und zu kunstlos zusammenklabustert. Wolf hingegen erzählt sein eigenes Wolfsches Universum, »ohne sich in den ausgedienten Erzählmustern fett großmeisterlich zu aalen und durch onkelhaftes Geraune brillieren zu wollen«, wie die Schriftstellerin Brigitte Kronauer einmal treffend festgestellt hat.

Man liest also die tragikomische, nicht nur in formaler Hinsicht einzigartige Prosa Wolfs, doch begreifen viele Leser deren Schönheit ebenso wenig wie die der Gedichte. Der Leser, der dumme, er liest einen Satz und speichert während der Lektüre brav die darin vermeintlich enthaltenen Informationen ab, wie er es gelernt hat. Der Leser fragt nur danach, was warum geschieht und ob es einen möglichst rasch überprüfbaren Sinn ergibt, nie aber danach, wie und warum das klingt und ob es schön ist. Der Leser kann nicht die anrührende Perfektion der sprachlichen Form wahrnehmen, er registriert nur das vordergründige Geschehen. Dabei - noch einmal Brigitte Kronauer - suchen Ror Wolfs Sätze nicht, wie die Sätze anderer dies zumeist tun, »ein bereits möbliertes Zimmer ab, sondern errichten eine Welt und verschlingen sie«. Ror Wolf selbst sagt: »Die Komposition tritt an die Stelle der durchgehenden Handlung, und darum ist jeder Satz so wichtig wie der andere.«

Nicht zu vergessen: Der Mann, der von den Medien beständig als der »große Außenseiter« bezeichnet wird, weil er ein Solitär ist, ein »Nichtmitmacher« in der Literaturindustrie, hat in den 60er Jahren nebenbei auch das Genre der Fußballliteratur erfunden, für die er jahrelang recherchiert hat, »auf Tribünen und Stehkurven, in Fanclub-Kneipen und an den Rändern der Trainingsplätze, wo man die wirklichen Experten trifft, die Naturdarsteller dieses nie zu Ende gehenden Total-Theaters Fußball« (Wolf).

Mittlerweile bekommt der bedauernswerte Mann jedes Jahr einen dieser schrecklichen Literaturpreise, mit denen seine Bleibe schon völlig zugestellt sein muss, aber selbst diese Art der fortgesetzten Demütigung hat ihn nicht zum schlechten Dichter werden lassen. Der Mann hat Format. Der Leser hat ein Recht darauf, zu erfahren, dass Ror Wolf heute 85 Jahre alt wird. Das ist aber ganz unbedeutend, sodass ich mir jedes weitere Wort über ihn ersparen werde.

Ror Wolf: Die Gedichte. Mit einem Nachwort von Friedmar Apel. Verlag Schöffling & Co., 576 S., geb., 25 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln