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Manipulation im Minirock

In der Serie »Gypsy« wird die Psychotherapie zum Schlachtfeld menschlicher Machtspielchen

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Die Psychotherapie, Filmemachern muss man das immer und immer wieder einbläuen, ist ein sehr empfindliches Pflänzchen. Standesgemäß geht ein Therapeut nur behutsam, gar defensiv vor. Zuhören gern, beratschlagen auch, aber Vorhaltungen, Tadel, gar Eingriffe ins Patientenleben? Das kostet Expertise, Zutrauen, Heilungschancen und schnell auch mal die Zulassung. Insofern ist Jean Holloway auch keine Psychotherapeutin, sondern das, wozu sie der Streamingdienst Netflix im Titel seiner neuen Serie erklärt: eine »Gypsy«.

Wörtlich übersetzt mit »Zigeunerin«, ist damit eine Wahrsagerin gemeint, die in ihre Schutzbefohlenen förmlich einbricht, statt sie zu therapieren. Man kennt das bereits von der HBO-Serie »In Treatment«. Vor sieben Jahren auf 3sat zu sehen, erforschte der famose Gabriel Byrne darin als Psychotherapeut Paul Weston die Seelen der psychisch Kranken auf seiner Couch. In 106 mehrheitlich abgeschlossenen Kammerspielen kriecht er - bildlich gesprochen - regelrecht in sie hinein. Aus medizinischer Sicht war das totaler Blödsinn, aber so fabelhaft inszeniert, dass es dafür weltweit Lob hagelte.

Womit wir in der fiktionalen Gegenwart von Jean Holloway wären. Die nämlich hat das gleiche Diplom wie Weston an der Wand ihrer Praxis, bricht darunter ebenfalls fast jede Regel ihres Studiums, tut dies aber mit einer Intensität, die süchtig macht. Süchtig nach der fortlaufenden Geschichte, süchtig aber auch nach der Hauptdarstellerin. Denn die ist keine Geringere als Naomi Watts. Spätestens seit ihrem endgültigen Durchbruch in David Lynchs Mystery-Drama »Mullholland Drive« aus dem Jahr 2001 gilt die Australierin als Inbegriff der harmlosen Schönheit in Naturblond, die es faustdick hinter den Ohren hat.

Und nun also »Gypsy«, ein extravagantes Geschöpf ihrer Branche. Statt den Patienten ernsthaft zu helfen, verschafft sie sich über den Umweg ihrer Bezugspersonen Eintritt in deren Existenz, um - ja was eigentlich? Diese Jean besitzt nämlich ein Geheimnis, für deren Lösung sich Showrunner Lisa Rubin alle Zeit der Welt nimmt. Womöglich hat es mit zwanghafter Eifersucht zu tun, die die atemberaubende Assistentin ihres erfolgreichen Mannes Michael (Billy Crudup) auslöst. Vielleicht hängt es auch mit jenen Medikamenten zusammen, von denen Jean abhängig zu sein scheint. In jedem Fall ist keineswegs geklärt, wer eigentlich die größeren Probleme hat: Therapeutin oder Patienten.

Aber darum geht es auch gar nicht in den zehn Teilen der ersten Staffel. Es geht darum, wie Menschen Menschen manipulieren, aus welchem Grund, zu welchem Preis. Es geht also, wie Jean zu Beginn aus dem Off berichtet, um eine »Kraft, die stärker ist als der freie Wille«: Verlangen, Sehnsucht, Triebe. Um all dem Ausdruck zu verleihen, wühlt zwar auch diese Serie ein bisschen oft im Klischeekasten der sexualisierten Gesellschaft. Jean ist viel zu aufreizend angezogen, um ihrer Aufgabe Glaubwürdigkeit zu verleihen; selbst in den USA dürften Psychotherapeutinnen kaum Minirock mit Highheels kombinieren, wenn sie die Beziehungsprobleme ihrer Gegenüber besprechen. Überhaupt sind die meisten Protagonisten ein wenig zu schön, um wahr zu sein - allen voran natürlich Naomi Watts.

Doch im Gegensatz zum deutschen Fernsehen, wo dieser Automatismus der Handlung vielfach im Weg steht, verleiht es der Atmosphäre hier eine Sterilität, die dem Inhalt Struktur gibt. Schließlich handelt er von Isolation selbst im engsten Umfeld und wie sich das Individuum der Gegenwart daraus zu befreien versucht. Anders als hierzulande, wo Psychologen meist überdrehte Freaks sind wie zuletzt Professor T., bleibt das Innere dieser »Gypsy« lange Zeit Auslegungssache einer Kamera, die auch im dichtesten Close-up niemals Nähe erzeugt. Ob dieses Prinzip zehn Teile hält, bleibt abzuwarten. Die ersten drei machen Lust auf mehr.

Verfügbar auf Netflix

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