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Mehr Zeit fürs Leben

Nach Jahren relativer Ruhe bereitet die IG Metall derzeit eine kämpferische Tarifauseinandersetzung vor

Beschäftigte in der Metall- und Elektroindustrie sollen ihre Arbeitszeit in bestimmten Lebenslagen auf 28 Wochenstunden reduzieren können - mit Lohnausgleich durch den Arbeitgeber und unbeschränktem Rückkehrrecht. In einem halben Jahr beginnt die große Tarifrunde, dann will die IG Metall dieses Recht für alle durchsetzen und im neuen Tarifwerk verankern. In Mannheim diskutierten mehr als 800 Teilnehmern diese Woche die Forderungen für eine neue Arbeitszeitgestaltung.

»Kurze Vollzeit« nennt die Gewerkschaft ihr Modell, um Verwechslungen mit dem defizitären Teilzeitrecht in Deutschland zu vermeiden. Eine geplante Reform, die das Rückkehrrecht einführen sollte, wurde von der Großen Koalition gerade erst beerdigt. Nun will es die IG Metall selbst in die Hand nehmen. Die 3,7 Millionen Metallbeschäftigten könnten dann für Erziehung oder Pflege vorübergehend kürzer arbeiten, auch belastende Schichtarbeit soll auf diesem Wege abgefedert werden können. Kürzere Arbeitszeiten muss man sich leisten können. Das ist den Gewerkschaftern bewusst. Deshalb soll zu dieser Arbeitszeitverkürzung notwendig ein Entgeltausgleich gehören, dessen Höhe nach Einkommen gestaffelt sein könnte. Wie oft im Laufe eines Arbeitslebens eine Absenkung möglich sein soll und wie lange, das soll in den kommenden Monaten ausbuchstabiert werden. Im Raum steht beispielsweise eine Dauer von 24 Monaten.

Die IG Metall stützt sich bei ihren Forderungen zur Arbeitszeit auf eine Befragung von 680 000 Beschäftigten, die eine Anpassung an individuelle Bedürfnisse wichtig finden. Sie leiden unter fremdbestimmten Dienstplänen und Leistungsdruck, Arbeit in Schicht, am Wochenende und am Abend, an Überstunden, die dann auch noch verfallen. Viele haben Schwierigkeiten, Kinder, Pflege und Job unter einen Hut zu kriegen. »Da müssen wir Grenzen setzen«, sagt Roman Zitzelsberger, Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, gegenüber »nd«. »Die Beschäftigten wünschen sich mehr Zeitsouveränität.«

Eine kollektive Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden, die linke Gewerkschafter unterstützen, steht hingegen nicht zur Debatte. Die Gewerkschaftschefs sehen dafür keinen Rückhalt. In der Befragung hätten sich die Beschäftigten klar für 35 Wochenstunden als Wunscharbeitszeit ausgesprochen. Denn immer mehr wären froh, wenn sie diese überhaupt einmal einhalten könnten. In vielen Betrieben wird länger gearbeitet als tariflich vereinbart. Bei manchen ist das vertraglich besiegelt, oft sind es schlicht Überstunden. »Die Arbeitszeitkonten laufen aktuell in vielen Betrieben voll, ohne dass die Möglichkeit zum Freizeitausgleich besteht«, so Zitzelsberger.

Die Gewerkschaft will »Selbstbestimmung«, die Arbeitgeber sprechen von »höherer Flexibilität« für Betriebe und ihre Beschäftigten. Sie zielen auf die gesetzlichen Vorschriften zur Höchstarbeitsdauer und Mindestruhepausen zwischen zwei Arbeitseinsätzen. »Der Kunde entscheidet, wann was produziert werden muss - und daher, wann Arbeit geleistet werden muss«, fordert der Chef des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Rainer Dulger, die Arbeitszeitgrenzen weiter aufzulösen. Regelungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben müssten vor allem in den Betrieben gefunden werden.

Auch Gesamtmetall hat sich mit einer Meinungsumfrage gerüstet. Laut einer repräsentativen Umfrage von Emnid können sich demnach 62 Prozent der Befragten vorstellen, länger als zehn Stunden am Tag zu arbeiten und 50 Prozent würden die ununterbrochene Ruhezeit von elf Stunden verkürzen, - allerdings nur, wenn es ihre eigene Entscheidung ist. Die Arbeitgeber interessieren sich auch für die Frage, wer eine befristete Arbeitszeitverkürzung etwa für die Pflege des kranken Vaters bezahlen soll. Als Ergebnis präsentieren sie, dass die Mehrheit diesen finanziellen Ausgleich selbst erarbeiten würde, ein »solidarisches Modell«, in dem alle auf Lohn verzichten, um es einzelnen Kollegen zu ermöglichen, fällt in der Umfrage durch. Die von der IG Metall vorgeschlagene Finanzierungsquelle - die Arbeitgeber - wurde den Beschäftigten in der Umfrage allerdings nicht angeboten.

Die einst hart erkämpften 35 Stunden sind im Westen längst wieder eine Wunschgröße geworden - und im Osten geblieben. Dort müssen die Metallarbeiter noch immer drei Stunden länger arbeiten, weil es 2003 nach vier Wochen Streik nicht gelungen war, die Regelungen aus dem Westen zu übernehmen. 15 Jahre später deutet alles darauf hin, dass es die IG Metall noch einmal versuchen will. Bei der Beschäftigtenbefragung, an der sich auch im Osten Zehntausende beteiligten, erklärten etwa 80 Prozent der Ost-Metaller eine tarifliche Angleichung für »wichtig«. Beim Arbeitszeitkongress in Mannheim machten die Vertreter aus Ostdeutschland deutlich, dass die 35-Stunden-Woche für alle ein bedeutendes Ziel ist. Sie haben es ausgerechnet: Drei Wochenstunden mehr im Vergleich zu den Kollegen im Westen, das ist ein Monat mehr im Jahr und ein ganzes Jahr mehr in zwölf Jahren. Das sehen sie nicht mehr ein. »Bei der Konferenz war der tiefe Wunsch von Belegschaften im Osten, hier endlich aufzuschließen, deutlich zu spüren«, sagt Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall Nordrhein-Westfalen. »Da hat sich etwas geändert seit 2003.« Angesichts der Massenarbeitslosigkeit um sie herum fehlte es den ostdeutschen Belegschaften damals auch an Überzeugung und Kampfeswille. Das hat mit dazu beitragen, dass der Streik verloren ging.

Heute heißt es im kleinsten deutschen Metall-Bezirk, das Ob steht fest, nur das Wie sei unklar. Denn auch wenn es Fortschritte gab, einzelne Belegschaften zu den produktivsten in Deutschland zählen und gerade jüngere Beschäftigte selbstbewusster auftreten - an der alten Tatsache, dass im Osten Tarifbindung und Organisationsgrad erheblich geringer sind als im Westen, hat sich nichts geändert. Das erklärt die Vorsicht. Olivier Höbel, Bezirksleiter von Berlin-Brandenburg-Sachsen, deutet an, die Frage werden von den Betrieben »unterschiedlich bewertet«. Zugleich betont er gegenüber »nd«: »Aber es geht nicht, dass der Langsamste die Geschwindigkeit bestimmt.« Deshalb wollen sie die Tür aufmachen für alle, »den Unternehmen zugleich aber einen Zeitkorridor einräumen«. Im Raum steht ein »Modell der unterschiedlichen Geschwindigkeiten«. Das heißt: Gut organisierte Betriebe würden einen neuen Manteltarifvertrag mit der 35-Stunden-Woche durchsetzen, dem dann nach und nach andere Betriebe beitreten können. Es ginge also zunächst um einige Leuchttürme. Der Vorteil: eine realistische Chance. Nachteil: Es klingt nach Zwei-Klassen-Tarif. Diesmal verliefe die Spaltung nicht mehr zwischen Ost und West, sondern innerhalb des Ostens. Höbel sieht das anders: »Mit einer Spaltung leben wir bereits - in tarifgebundene und nicht-tarifgebundene Betriebe«, sagt er. Das macht ihm größere Sorgen.

Im Westen verfolgt man die Debatte mit Interesse. Klar ist aber auch, dass den Beschäftigten dort die Angleichung nicht so sehr unter den Nägeln brennt. Zugleich betonen einflussreiche IG-Metall-Funktionäre hier nicht ohne Grund, dass ein Anlauf für Arbeitszeitverkürzung nur dort geht, wo man durchsetzungsfähig ist. »Es spricht etwas dafür, es zunächst bei den Leuchttürmen zu versuchen, und in der Fläche später aufzuschließen«, sagt NRW-Gewerkschaftschef Giesler. Die Kollegen im Westen sichern Unterstützung zu, stellen aber auch klar, dass sie die 35 Stunden nicht für den Osten erkämpfen können. »Die Auseinandersetzung muss im Osten geführt und gewonnen werden«, betont Baden-Württembergs IG-Metall-Chef Zitzelsberger.

Wie auch immer die Entscheidung ausfällt - in Ost wie West werden die Metaller für ein neues Arbeitszeitsystem kämpfen müssen. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann verweist darauf, dass die wirtschaftliche Lage der Branche glänzend sei und schon deshalb die Streikbereitschaft seiner Mitglieder hoch. Die konkreten Forderungen, dann auch für die Lohnprozente, will die Gewerkschaft im Oktober aufstellen.

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