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Grand Départ der Oberschicht

Die Tour de France in Düsseldorf löst Kontroversen aus

  • Von Tom Mustroph, Düsseldorf
  • Lesedauer: 6 Min.

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So ganz hat die Euphorie Düsseldorf noch nicht erfasst. Natürlich sind Anzeichen für den Start des berühmtesten Radrennens der Welt in der Stadt zu sehen. Räder sind klassisch gelb angemalt. Plakate in der Hauptfarbe der Tour de France zieren auch so manche Wand. Die Teampräsentation am Donnerstagabend füllte trotz dunkler Regenwolken immerhin den Burgplatz. Tags zuvor hatte das noch anders ausgesehen. Da kam das meiste Gelb noch von den Regencapes der Besucher eines Robbie-Williams-Konzerts in der Messe, unweit des temporären Hauptquartiers der Tour. In der Innenstadt ist das Radrennen für die meisten Einwohner und Gewerbetreibenden vor allem deshalb ein Thema, weil sie auf die Straßensperrungen für den Zeitfahrkurs vorbereitet sein wollen.

Ihre Haltung findet sich recht gut in einer Umfrage der Rheinischen Post wiedergegeben. Ihr zufolge ist nur ein gutes Drittel der Befragten (37,6 Prozent) damit zufrieden, dass die Tour 2017 an diesem Sonnabend in Düsseldorf startet. 28,7 Prozent waren dagegen, dem restlichen Drittel ist das Megaevent egal. Gründe für die eher karge Zustimmung findet das Blatt auch. Den erwarteten elf Millionen Euro Ausgaben stehen nur etwa acht Millionen Einnahmen gegenüber. Kritisiert wird auch, dass der Zeitfahrkurs durch die Innenstadt vor allem durch die Viertel der Begüterten und Bevorzugten führt. Abiturientenquoten von 70, 80, teils gar 97,3 Prozent in den durchfahrenen Sozialräumen listet die Zeitung auf. Düsseldorfer Durchschnitt sind 49,2. Die Farbe gelb erfährt bei dieser Analyse auch eine neue Aufladung. Die Stadtviertel, durch die die Tour führt, weisen durchweg einen höheren Zweitstimmenanteil für die FDP im Vergleich zum Schnitt auf. Eine Vernachlässigung der ärmeren und stärker von Migranten bewohnten Viertel wird beklagt.

Aufbruchstimmung herrschte dagegen vor allem bei den direkt Beteiligten. Düsseldorfs Stadtdirektor Burkhard Hintzsche erhofft sich vom Tourauftakt eine größere Lust der Bevölkerung, auch im Alltag aufs Velo zu steigen. Das sei ein Grund für die Bewerbung beim Tourveranstalter ASO gewesen und hätte auch seine Wirkung bei der seinerzeit »sehr knappen Entscheidung im Stadtrat« für die Tour gezeigt, erinnerte sich Hintzsche am Rande der Präsentation des deutschen Rennstalls Sunweb.

Dessen Teamschef Iwan Spekenbrink stellte bei der Gelegenheit seine Truppe als »Motor für den deutschen Radsport« vor. Herzstück seien die Talenttage, bei denen Sunwebs Trainer die besten Teenager herausfiltern und gezielt fördern möchten. Fernziel sei es, einen deutschen Kandidaten für Rundfahrtsiege auszubilden.

Bei der aktuellen Tour bietet Sunweb aber nicht einmal einen Fahrer gleich welcher Nation für das Gesamtklassement an. Tom Dumoulin, Sieger des Giro d’Italia 2017, erholt sich noch von den Strapazen der Italienrundfahrt. Kapitän Warren Barguil ist zudem durch eine Sturzverletzung ausgebremst. »Ich freue mich, dass ich überhaupt hier sein kann. Mein Ziel ist ein Etappensieg in den Bergen«, meinte der Franzose. Wegen dessen Trainingsrückstand ist nun der Australier Michael Matthews der Spitzenfahrer. Für ihn wurde ein Sprintzug zusammengestellt.

Der konkurriert dann mit den anderen »Schnellzügen« der deutschen Stars Marcel Kittel, André Greipel und John Degenkolb. Auch der zweite deutsche Rennstall, Bora hansgrohe, setzt auf die Ankünfte der schnellen Männer. Weltmeister Peter Sagan soll dabei dann am Schluss die Arbeit seiner Helfer vollenden.

Im Mittelpunkt steht in Düsseldorf aus deutscher Sicht aber Tony Martin. Der Zeitfahrweltmeister hat auf den Coup hin trainiert, sich in der Heimat mit einem Auftaktsieg das Gelbe Trikot zu holen. »Das wäre ein Traum«, meinte er vorab. Zur Erfüllung dieses Traums hat er zuletzt noch ein paar Neuigkeiten wie die Position des Lenkers getestet.

Der Grand Départ in Düsseldorf ist auch für die mittelfristige Entwicklung des Radsports in Deutschland wichtig. Nach Jahren des infrastrukturellen Niedergangs, der durch die Dopingaffären vor allem von Jan Ullrich und seines Teams Telekom, aber auch den Dopingfällen beim zweiten deutschen Rennstall Gerolsteiner bewirkt wurde, steigt nun wieder die Akzeptanz. »Als wir vor drei Jahren in den Radsport einstiegen, fragten uns Vertriebsleiter großer Firmen noch, ob wir wahnsinnig seien. In letzten Zeit kommen aber verstärkt Anfragen«, skizzierte Willi Bruckbauer, Hauptsponsor vom Bora-Team, gegenüber »nd« den Wandel. Er sieht aber auch weiterhin noch Zögern bei den Marketingchefs der ganz großen Unternehmen. »Sie sehen vor allem das Risiko, bei einem Dopingfall ihren eigenen, gut bezahlten Job zu verlieren«, hat er beobachtet.

Gelingt der geplante Imageschub durch Düsseldorf aber, entsteht eventuell eine neue Radsporteuphorie, die mittelfristig eine Investitionswelle auslösen könnte. Ähnlich sieht man das bei Alpecin, dem neuen Co-Sponsor des Katusha-Teams. Unternehmenssprecher Marcel Klöpping sieht die gewachsene Akzeptanz des Radsports auch als Ergebnis der Arbeit der aktuellen deutschen Profigeneration. »Sie haben nicht nur Erfolge geholt, sondern sich auch öffentlich für ihren Sport eingesetzt. Sie haben ein positives Signal aus der Wirtschaft verdient«, meinte er. Klöpping bezog sich dabei in erster Linie auf Tony Martin, Marcel Kittel, André Greipel und John Degenkolb, die auch in den Jahren der TV-Abstinenz Siege einfuhren und sich für sauberen Radsport einsetzten.

Wie fragil die Situation dennoch ist, wurde in Düsseldorf ebenfalls deutlich. Der deutsche Radsport wirkte wie ein Patient, um den sich ein internationales Ärzteteam mit einer Mischung aus Besorgnis und Hoffnung kümmert. Spekenbrink, niederländischer Chef bei Sunweb, redete von der »Aktivierung des deutschen Radsports«, den sein Team leisten wolle. Ganz so, als handele es sich um ein lethargisches Individuum, dem mal auf die Sprünge geholfen werden müsse. Claude Rach, Projektentwickler beim Tourorganisator, verwies darauf, dass 80 Prozent aller Deutschen mindestens einmal jährlich aufs Rad stiegen. Das sei die Zielgruppe, die die ASO begeistern will - mit dem Tourstart in Düsseldorf, aber auch der 2018 Jahr wiederbelebten Deutschlandtour. Und natürlich zielen die Sponsoren, die der ASO die Tour finanzieren, auf eben diese 80 Prozent aller Deutschen, die mehr oder weniger radaffin sind, als potenzielle Käufer ihrer Produkte.

Das Volk ist also Kunde für die Radsportorganisatoren. Und für Stadtväter wie Hintzsche ist es ein Subjekt, das erzogen werden soll: zu mehr Radfahren in diesem Fall. Das Erziehungs- und Aktivierungsobjekt scheint sich aber noch zu sträuben. Laut einer Studie war wenige Wochen vor Tourstart nur jedem Fünften hierzulande bewusst, dass die Frankreichrundfahrt dieses Jahr in Deutschland beginnt. Wohl und Wehe des Grand Départs hängen daher von einer starken Leistung Tony Martins ab. Gewinnt er das Zeitfahren, ist die Tour in aller Munde - und nicht nur Thema jener ehemaligen Abiturienten, an deren Haustür der Kurs vorbeiführte.

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