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Der Marzahner ist ein Thunfisch

Die Band Marzahn und der Filmemacher Maxim Kuphal-Potapenko sind beim Festival »Acht Tage Marzahn« dabei

Alle Marzahner sind wie Thunfische. Sie laufen ziellos über die Marzahner Promenade, stehen grundlos vor dem Freizeitforum herum und laufen in ein Wohnhaus, ohne zu wissen warum. Alle sieben Sekunden, so haben sich Franziska Pester und ihre Schwester das damals vorgestellt, verlieren die Marzahner ihr Gedächtnis, so wie die Thunfische. Die beiden mussten als Kinder im Wäscheraum im neunten Stock des Elfgeschossers in der Franz-Stenzer-Str. 47 oft Schlüpfer und Unterhemden aufhängen und dachten sich vor Langeweile Geschichten zu den Menschen aus, die unter ihnen klein wie Legofiguren hin und her liefen.

Ein paar Tage vor dem großen Auftritt am Sonntag (2. Juli) auf dem Kunstfestival »Acht Tage Marzahn« steht Pester mit ihren zwei Kollegen von der Band Marzahn wieder in dem Wäscheraum, die blauen Plastikschnüre der Leinen reichen ihr heute bis zur Stirn, nicht wie früher, als sie nur auf Zehenspitzen rankam. Eric Boden, der die Samples macht, kniet auf dem Linoleum, das jeden Plattenbau nach 1989 fit für die Moderne machen sollte, und stöpselt Kabel in seinen Mixer und die tragbaren Boxen. Die Band, die sich extra fürs Festival gegründet hat, ist für die Generalprobe im Hochhaus. Es regnet bereits seit vier Stunden, aber wenn man hier oben steht, könnte es auch vier Jahre durchregnen, bis das Wasser zu einem durchsickert.

Aus der Thunfisch-Geschichte und zehn weiteren Marzahn-Erzählungen sind Songs entstanden, die die Band bei »Acht Tage Marzahn« spielen werden, dafür gibt sie exklusive Hochhauskonzerte in dem Haus, in dem Pesters Eltern immer noch leben. In jedem Stockwerk wollen die drei auftreten. Angefangen vor der Haustür mit »Lass mich rein«. »So beginnen doch alle Geschichten in der Platte: Unten klingelt es. ›Hallo? Wer ist da? Biste drinne? Nee? Ick drück nochmal‹«, sagt Pester, die in ihrem alten Wohnhaus bei Nachbarn klingelte, um deren Geschichten zu sammeln und daraus zusammen mit Bastian Meyer Texte zu machen.

Von der Haustür geht es in den Keller, wo sie den »Kellersong« auf einem kleinen Podest zwischen Kalkwänden, Umzugskisten und Alugitterboxen spielen wollen. Die Geschichten, die die BewohnerInnen preisgaben, konservieren ein Lebens- und Wohngefühl, das es so nur im Trabantenstadtuniversum gegeben hat. In »Zeitzone« erzählt die älteste Mieterin, die als erste 1979 in die neu gebaute Platte einzog, von ihren zwei Paar Schuhen, die sie »immer auf Tasche« hatte. Ein Paar, das sie trug, um durch den Modder vor dem Haus zu stapfen, und ein sauberes für die Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit. Die Texte von Pester und Meyer sind unterlegt mit Bodens Synthieklängen. Boden wuchs auch in Marzahn auf, hat seine eigene Radioshow und produziert elektronische Musik. Er nutzt für die Kompositionen der Band Geräusche, die er im Haus aufnahm,wie das Gluckern der Abwasserrohre im Keller oder das Schließen der Fahrstuhltüren.

In dem Lied »Erdanziehung« geht es um einen Mann, der vor Jahren aus Liebeskummer all seine Möbel aus dem siebten Stock des Hochhauses warf. Pesters Stimme, begleitet von trüben Klavierakkorden, klingt da so schön schwer, als hätte man Weill und Brecht mit ihr im Wäscheraum eingesperrt.

Zwei der Geschichten hat die Band auf Platte gepresst. Handabgezählte 30 Exemplare wollen sie auf dem Festival verkaufen. »Wir verstehen uns eher als Improvisationskünstler«, sagt Pester, die zusammen mit Meyer am Wiener Burgtheater mit Christoph Schlingensief arbeitete. »Eine Platte wäre wie ein kleiner Sarg. Die Songs ließen sich dann nie wieder verändern.«

Marzahn ist für sie und Boden ein riesiges Kreativlabor gewesen. Zu den Figuren hinter den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser, die Pester aus dem elften Stock ihres Kinderzimmers beobachtete, erfand sie ständig Geschichten auf Thunfisch-Niveau, drehte Videos für die Theater-AG an der Schule. So fing es an mit der Kunst. »Man kann die Sache ins Negative verkehren und sagen: ›Schöne Scheiße, jetzt stecke ich in der Platte fest und finde alles ätzend‹, oder man dreht es ins Positive und beginnt, mit der Umgebung im Kopf zu arbeiten«, sagt sie.

Für die Interviews mit den Nachbarn kam die Band über ein Jahr lang immer wieder nach Marzahn. Vieles hat sich verändert, die Jugendklubs, wo sie sich kennenlernten, gibt es nicht mehr, sagen Pester und Boden. Die seien jetzt einfach woanders. Kein Grund, sentimental zu werden.

Maxim Kuphal-Potapenko hat die prägenden Jahre seiner Jugend wie Pester und Boden in Marzahn verbracht, wohnte mit seinen Eltern am Parsteiner Ring. In den Bezirk kam er nach dem Zivildienst nur noch selten zurück. Kuphal-Potapenko ist Regisseur und Drehbuchautor, hat in Berlin und Hamburg studiert, ging für ein Drehbuchstipendium kürzlich nach Schanghai, um an seinem Spielfilmdebüt zu arbeiten. Marzahn ist inzwischen weit weg, auch wenn er künstlerisch hier seine ersten Schritte machte, eigene HipHop-Tracks auf Kassetten aufnahm und Flyer für die Konzerte entwarf. »Es gibt eine Menge Leute in der Filmbranche, die sich aus ihrer Herkunft ein besonderes Narrativ basteln. Für mich war das nichts.« Wenigstens ein Film über Marzahn? »Nee. Also die Geschichten im ostdeutschen Plattenbau sind wirklich toterzählt«, sagt er.

Kuphal-Potapenko ist in Moskau geboren. Der Vater, Ökonom und DDR-Bürger, schrieb dort seine Dissertation. Als Kind zog Kuphal-Potapenko mehrfach um, bevor die Eltern nach Marzahn kamen. Seine frühesten Erinnerungen sind Plastiktüten von Kaiser’s, die die Marzahner nach dem Mauerfall wie ein Accessoire ständig bei sich trugen, und der Russenhass in seiner Grundschulklasse, in die er, der kaum Deutsch sprach, gesteckt wurde. »Zweitklässler konnten schon richtig krasse Nazis sein.«

Auf dem Festival zeigt er eine Arbeit, die in China entstand. Für den assoziativen Kurzfilm »Surface Tension« fuhr er in Schanghais Randbezirke, nahm dort Menschen in Alltagssituationen auf und isolierte sie in dem Video vor grauem Hintergrund. »Die Botschaft ist wohl eindeutig«, sagt er. Zwischen die Szenen sind Wörter geschnitten, die in der chinesischen App »WeChat« verboten sind. Die Anwendung nutzen fast 800 Millionen Chinesen. Wörter wie »Tiananmen«, »Massaker« oder »Xitler«, eine Kombination aus Xi Jinping und Hitler, werden aus Chats gefiltert. Die Nachricht kommt nie an, worüber der Sender aber nicht benachrichtigt wird.

Weder Pester noch Boden oder Kuphal-Potapenko wohnen heute noch in Marzahn, dafür war die »Insel«, wie Pester sagt, für sie zu klein. »Aber ich finde, wir sollten was dalassen. Die Zeit hier war zu wichtig.«

Acht Tage Marzahn, 1. - 8. Juli, Ausstellungen und Performances an der Marzahner Promenade, Hochhauskonzerte am 1., 2. und 7. Juli, mit Anmeldung, Programm und Infos unter: www.acht-tage-marzahn.de

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