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Im Zentrum des Himbeerreichs

Martin Leidenfrost über Obstbauern, die sich wegen sinkender Erzeugerpreise auch mal mit der Staatsmacht anlegen

  • Von Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 4 Min.

Serbien ist eine Weltmacht im Himbeeranbau, und mit 20 Millionen Kilo Jahresproduktion ist die westserbische Gemeinde Arilje seine »Red Gold Capital«. Die 5000 Ariljer Himbeerbauern, die oft weniger als einen Hektar Anbaufläche haben, stellen ein dauerndes Unruhepotenzial dar. Wenn ihnen die Großhändler, wie etwa zu Beginn der aktuellen Ernte, für das Kilo nur einen Euro zahlen, gehen sie demonstrieren. 2011 brachen tausend Himbeerbauern auf Traktoren nach Belgrad auf, ein Großaufgebot der Polizei blockierte die Ausfahrten aus der Stadt, da warfen sie eben einen Polizeikombi in ihren rauschenden Fluss Rzav. Samt drinsitzenden Polizisten, einer wurde schwer verletzt.

Dann ist da die politische Lage Serbiens, die so schwierig zu durchblicken ist wie in kaum einem Land. Der starke Mann Aleksandar Vučić, gerade ins Präsidentenamt gewechselt, wird von der EU und Russland, von China und den Emiraten hofiert, im Inland werfen ihm aber Dauerdemonstranten den Aufbau eines autoritären Staates vor. Es ist dies vor allem ein Medienkrieg: Die Pro-Vučić-Medien sehen auf der Gegenseite eine übermächtige Front von Pro-Soros-Medien. Vučić begann als Nationalist, somit wäre dies eine Lagerbildung nach ungarischem Muster. Verwirrend daran ist nur, dass Vučić eine neoliberale Politik wie aus Soros’ kühnsten Träumen macht.

Der Medienkrieg ist brutal. Vier der fünf Revolverblätter rühren Vučić nicht an, nur das Gossenblatt »Kurir« hetzt gegen ihn. Plötzlich ist da eine Chance herauszufinden, welche Seite mehr lügt. Am 13. Juni übernehmen das Schundblatt »Informer« und die seriöse »Politika« eine Verlautbarung des Innenministeriums: Der aktuelle Artikel des »Kurir« über Zusammenstöße zwischen Himbeerbauern und Polizei sei in Wahrheit sechs Jahre alt, der »Kurir« hänge also Vučić ein Problem der damaligen Tadić-Regierung an.

Ich fahre nach Arilje. Ein angenehm kühles Kleinhügelland, die Himbeergärten könnte man von weitem für Weinberge halten. »Wenn der Rzav rauscht« - so heißt eine Tourismusbroschüre auf Englisch. Zitat: »Für die Menschen in Arilje stellt der Rzav unser Spa-Center dar, mit all seinen schönen Whirlpools und Stränden, er ist unser Heiler, Symbol des Lebens und Ort zum Wachsen aller Generationen.« Ich rede mit vielen Ariljern über den versenkten Polizeikombi, niemand äußert auch nur das geringste Mitleid. Meine fromme Zimmerwirtin ruft aus: »Bei dem Himbeerpreis!«

Am frühen Abend sitzt ein Dutzend Männer mit Bier vorm Tante-Emma-Laden. Beinahe alle haben Himbeergärten, und meine Frage nach den Zusammenstößen löst fast einen Zusammenstoß unter ihnen aus. Ein Gemeinderat der Šešelj-Nationalisten verteidigt Vučić mit der gewagten Behauptung, unter Tadić sei der Kilopreis auf 50 Cent gefallen. Die Folge ist Gerempel. Zwar will keiner Vučić direkt angreifen, die meisten finden aber: »In der Himbeerfrage ist es nicht besser geworden.« Wer ist schuld, frage ich, dass der Preis dieses Jahr trotz der kleinen Erntemenge so miserabel ist? »Der liberale Kapitalismus«, sagt der Šešelj­Mann, »nicht Jeffrey Sachs gelesen?« Vladimir, Rentner und Himbeerbauer, widerspricht: »Am Preis sind die Besitzer der Kühlhäuser schuld. Die mischen außerdem minderwertige Himbeeren aus Polen dazu, die nur 8 Prozent Fruchtgehalt haben, unsere haben 14 Prozent. Und die Regierung erlaubt das!«

Den Rest des Abends werde ich auf eine Weise mit serbischer Gastfreundlichkeit umschmeichelt, dass es zum Schämen ist. Vladimir nimmt mich in seinen Brombeergarten mit und kostet am frisch gemauerten Brunnen viele Fruchtsirupe durch, bis er mir die besten schenkt. Im Dunkeln, zwischen Statue der Himbeermaid und Kirche, luge ich auf eine beleuchtete Holzveranda, und schon gießt mir der junge Pope aus einer edlen Glaskaraffe Slibowitz ein. Ich bekomme Kirschen, eine König-Dragutin-DVD, die Reproduktion eines Freskos und das letzte Exemplar des bedeutendsten Buches des pazifistischen Bibliothekars geschenkt.

Vor der Heimfahrt will ich noch Himbeeren kaufen. Ich spreche eine pflückende Himbeerbäuerin an. Sie läuft ins Haus und kommt mit zwei vollen Paletten heraus. Geld nimmt sie keines, »trink einen auf mich!« Zum Schluss noch die Auflösung des Rätsels: In der Himbeerfrage lügt die Vučić-Presse mehr. In Arilje bestätigen mir einige, dass sie sich nicht nur 2011, sondern auch kurz vor dem 13. Juni 2017 »leichte Zusammenstöße« mit der Polizei geliefert haben.

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