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Rasiermesser im Hals der Chefin

Syrischer Flüchtling ging in Friseursalon auf die Frau los, die ihn eingestellt hatte

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

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Auch mehrere Tage nach der Messerattacke in einem Friseursalon in Herzberg (Elbe-Elster) ist der Vorfall Stadtgespräch. Der 39-jährige Barbier Mohammad. H., als Flüchtling aus Syrien in die Bundesrepublik gelangt, hatte am Mittwochabend seine 64-jährige Chefin Ilona F. angegriffen und ihr mit einem Rasiermesser in den Hals geschnitten. Ilona F. musste im Krankenhaus operiert werden. Sie schwebte nicht in Lebensgefahr, dies aber nur, weil ein 22-jähriger Syrer dazwischenging.

Die Mordkommission ermittelt wegen eines versuchten Tötungsdelikts. »Wir gehen nach ersten Erkenntnissen davon aus, dass das Motiv in dem Beschäftigungsverhältnis liegen könnte«, erläuterte Oberstaatsanwalt Gernot Bantleon.

Ein für das Wochenende geplantes, von zwei Willkommensvereinen organisiertes interkulturelles Kinderfest auf dem Hof des Herzberger Arbeitslosenzentrums wurde infolge des Verbrechens kurzfristig abgesagt. Bei einem afghanischen Abend am Freitag soll ein Junge aufgestanden sein, und sich im Namen der Flüchtlinge für den Vorfall entschuldigt haben. Mehrere Syrer haben sich bei deutschen Bekannten erkundigt, ob sie das Opfer im Krankenhaus besuchen dürfen und wie sie der Frau helfen können. Andererseits sollen drei betrunkene Deutsche vor einem Supermarkt einer syrischen Familie leere Bierflaschen hinterhergeworfen haben. Nun sorgen sich Flüchtlingshelfer. Bisher war es in der Stadt ruhig und friedlich geblieben.

Bekannte und Kollegen von Mohammad H. sind fassungslos. Sie können sich schwer erklären, wie es zu der Messerattacke kommen konnte. Das hätten sie dem Mann niemals zugetraut, der als ein Musterbeispiel für gelungene Integration galt. Die Bezahlung soll anständig gewesen sein, wobei klar ist, dass angestellte Friseure in Deutschland mit ihren Einkünften in der Regel keine großen Sprünge machen können.

Im August vergangenen Jahres hatte die »Lausitzer Rundschau« berichtet, wie Mohammad H. ein Praktikum bei Ilona F. absolvierte, die ihn dann bald fest einstellen wollte. Seine Familie hatte in der syrischen Hauptstadt Damaskus einen Herren- und einen Damensalon. Der Herrensalon, in dem Mohammad arbeitete, sei im Bürgerkrieg zerstört worden. Friseure werden in Herzberg von allen Salons gesucht, hieß es. Ilona F. überzeugte sich demnach davon, dass Mohammad H. sein Handwerk ausgezeichnet beherrscht. Schnell habe er Stammkunden gefunden. Mohammad H. wollte sich in Herzberg eine neue Existenz aufbauen und seine Frau und die beiden Kinder nachholen, die er sehr vermisste.

Hier liegt - aber das bleibt im Moment Spekulation - möglicherweise ein Schlüssel zum Verständnis der Gewalttat. Im vergangenen Jahr hatte Ilona F. noch geschwärmt. Die »Rundschau« zitierte sie mit den Worten: »Es passt auch menschlich. Mohammad ist zwar ein stolzer Mensch, aber sehr zuvorkommend und umsichtig. Er hilft sogar beim Aufräumen.«

Aus heutiger Sicht klingen hier die späteren Probleme schon an, wenngleich die Ergebnisse der Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft abgewartet werden müssen. Zuletzt habe es Spannungen gegeben, erzählte Ilona F.s Mann Michael nun der »Rundschau«. Mohammad habe zunehmend Probleme gehabt, sich unterzuordnen. Frau und Kinder waren immer noch fern. Gerüchteweise ist in Herzberg nun auch zu hören, es sei Drogenkonsum im Spiel gewesen. Doch Gerüchte gibt es in dieser Sache viele.

Flüchtlingshelfer aus Herzberg berichten, es sei nicht selten zu beobachten, dass Syrer zunächst überglücklich sind, dem Krieg in der Heimat entronnen zu sein, und dass sie sich anfangs große Hoffnungen machen, dass es für sie nun wieder aufwärts geht. Doch dann gebe es Schwierigkeiten mit dem Familiennachzug, das Erlernen der deutschen Sprache falle nicht so leicht, die Bürokratie nerve und es stelle sich heraus, dass es auch in der Bundesrepublik alles andere als ein Vergnügen ist, als Flüchtling zu leben.

Das Ehepaar F. hält es aber auch im Nachhinein betrachtet grundsätzlich für richtig, Flüchtlingen zu helfen. Diese Sichtweise hält sich in Herzberg ungeachtet gehässiger Kommentare fremdenfeindlicher Internetseiten mit Schlagzeilen wie »Syrischer Friseur entpuppt sich als Kopfabschneider«. So ist bei pi-news.de zu lesen: »Die Realität der moslemischen Kopfabschneidertradition hat die Regie übernommen. Am Mittwoch war es mit der Beherrschung und Anpassung an die Zivilisation bei Mohammad offenbar vorbei, der Islamchip im Hirn machte klick.« Kommentar Seite 4

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