Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Kein Ball

16.30 Uhr, vor der Kita nebenan werden die Kinder abgeholt. Zwei Steppkes werfen sich auf dem Gehweg einen kleinen, schwarzen Ball zu. Nein, ist gar kein Ball. Sieht jetzt auch die Mutter. »Leon-Lucas! Lass das sofort los!«

Leon-Lucas schaut in seine Hand: Es ist aus Plaste, fühlt sich an wie Knete, und man kann toll damit werfen. »Loslassen! Das ist kein Ball! Das ist bähhh!« Leon-Lucas beginnt zu weinen. Dramen, wie sie sich in Berlin täglich abspielen. »Kein Ball?«, hört man ihn noch mit rotzverklebter Stimme jammern, während ihn seine Mutter wegzerrt.

Wir, die wir mit der Berliner Stadtökologie vertraut sind, könnten Leon-Lucas aufklären. Bei seinem Wurfobjekt handelte es sich um die Hinterlassenschaften eines Beutelschweins - einer invasiven Spezies, die sich hier rasant ausbreitet, aber nicht mit der australischen Beuteltierfauna verwandt ist. Vielmehr handelt es sich beim Beutelschwein (homo cumcanem porcus) um eine Mutation moderner Metropolen, einen Stadtschädling, bald ähnlich lästig wie Ratten, Tauben, Miniermotte oder AfD-Wähler.

Beutelschweine werden bis zu zwei Meter groß und haben sechs Beine, von denen vier zu einem Hund und zwei zu einem Menschen gehören. Beide leben in chimärenhafter Symbiose. Physiognomisch ist das Beutelschwein kaum von einem Hund-Herrchen/Frauchen-Gespann zu unterscheiden. Eine perfekte Mimikri! Erst nachdem der caniforme Anteil Stoffwechselendprodukte auf dem Gehweg platziert hat, gelingt die Distinktion, zeigt es arttypisches Verhalten: Herrchen oder Frauchen zieht einen schwarzen Plastikbeutel hervor, führt eine Hand hinein, greift die noch warme Kacke vom Hundi auf und dreht den Beutel auf links, um ihn anschließend zu verknoten. Bis hierhin gleicht das Verhalten der Spezies »vorbildlicher Hundebesitzer«. Nun aber fällt dem Beutelschwein auf, dass es eine kleine Tüte mit Hundekacke in der Hand hält: »Ihgitt! Wie ist das in meine Hand gekommen? Das ist ja eklig! Das lass ich sofort los!«

Zurück bleibt ein schwarzes, stinkendes Beutelchen: auf dem Gehweg, im Park, auf dem Friedhof oder Kinderspielplatz. Verhaltensforscher (also ich) haben herausgefunden, dass die intellektuellen Fähigkeiten eines Beutelschweins selten weiter als 80 Meter reichen. Weiter ist der nächste Mülleimer der BSR nie entfernt. Wahrscheinlich liegt eine frontal-temporale Hirnschädigung im Dreckslappen vor. Der Kopf des Beutelschweins ist menschlich, sein Hirn jedoch auf der Stufe noch nicht stubenreiner Welpen stehengeblieben.

Natürliche Feinde hat das Beutelschwein nicht, eine Bejagung durch Mitarbeiter des Ordnungsamtes (homo somnum) wurde nicht beobachtet. Fang- oder Abschussquoten sind zu diskutieren. Zudem gibt es seitens prominenter Verhaltensforscher (also von mir) Überlegungen zur Domestizierung von Beutelschweinen, z. B. sie analog zur Welpenerziehung mit der Nase in ihre noch warmen Hinterlassenschaften zu drücken. Bis das fruchtet, empfehlen wir Berliner Kitas die Anschaffung des Kinderbuchklassikers: »Der Gehweg, der wissen wollte, wer ihm auf die Platte gemacht hat«.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln