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Offene Wunden nach dem »Lübecker Brandanschlag«

1996 starben zehn Menschen in einer Flüchtlingsunterkunft / Einer der damaligen Ermittler hat dazu ein Buch veröffentlicht, das ihm Kritik einbringt

  • Von Emma Gottwald und Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 7 Min.

Am 18. Januar 1996 starben zehn Menschen bei einem Feuer in einer Flüchtlingsunterkunft in Lübeck. Auch 21 Jahre später sorgt die Brandnacht und die ihr folgenden Ermittlungen für politische Kontroversen. Neuster Stein des Anstoßes: Ein Buch von Heinrich Wille. Er ermittelte damals als Staatsanwalt zu dem Anschlag in der Hafenstraße. Der oder die Täter konnten nie verurteilt werden.

Im Visier waren zunächst vier Jugendliche aus dem rechten Milieu, angeklagt wurden sie aber nicht. Die Staatsanwaltschaft änderte nämlich die sogenannte Verdachtslage und beschuldigte fortan einen Bewohner der Unterkunft – ein Vorgehen, das immer wieder kritisiert wurde. Auch vor dem Hintergrund der NSU-Morde, bei denen ebenfalls vorrangig im Milieu der Opfer ermittelt worden ist, forderten zivilgesellschaftliche Initiativen, Journalisten und Politiker eine Wiederaufnahme der Ermittlungen und kritisierten die ihrer Meinung nach »auf dem rechten Auge blinden« Behörden. Wille äußert sich nun in seinem Buch »Der Lübecker ‘Brandanschlag’« zu den Vorwürfen und bezeichnet sie als »Verschwörungstheorie«. Er wirft Medienvertretern vor, sie würden die Tat »politisch instrumentalisieren«.

Vor dem Buchladen in der Lübecker Königsstraße, in dem Wille sein Buch Ende Juni vorstellt, hat sich eine Menschenmenge versammelt. Unter den Demonstranten finden sich viele junge Menschen, aber auch solche, die den Brandanschlag vor 21 Jahren und die darauf folgenden Ermittlungen in Lübeck selbst miterlebt haben. Zu der Kundgebung hat das »Lübecker Flüchtlingsforum« eingeladen. Sie klagen an, dass die Täter des damaligen Brandanschlages nie zur Rechenschaft gezogen worden sind und in den Ermittlungen ihrer Ansicht nach Opfer zu Tätern gemacht worden sind. Und sie klagen Heinrich Wille an, einen Anteil an den rassistischen Ermittlungen zu haben und meinen, er würde bis heute das Versagen der Staatsanwaltschaft leugnen. Das Bündnis hat sich 1996 in Reaktion auf den Brandanschlag in der Hafenstraße gegründet. Vor dem Buchladen haben sie ihre eigene Lesung organisiert. Die Teilnehmer der Veranstaltung, die gegen die Buchvorstellung des ehemaligen Staatsanwaltes Heinrich Wille protestieren, verlesen Texte, in denen die Brandnacht von den damaligen Bewohnern geschildert wird.

»Ungeklärte Fälle sind seine Spezialität«

Nach und nach treffen die ersten Besucher ein, die für die Lesung von Wille gekommen sind. Sie alle müssen sich durch die Demonstranten schlängeln, um in den Buchladen zu gelangen. Bei Beginn des Vortrages von Heinrich Wille sitzen etwa 30 Menschen im Raum. Es gibt Weißwein, von drinnen kann man durch die Glasfront des Ladens die Kundgebung sehen. Einer der Anwesenden war damals Leiter der Justizvollzugsanstalt und hatte deshalb direkt mit den beschuldigten Bewohnern des Hauses zu tun. Wille sei ein alter Bekannter, es wäre einfach nett vorbeizukommen, sagt er zu seiner Motivation, an der Veranstaltung teilzunehmen. Ungeklärte Fälle seien Willes Spezialität, fügt er lächelnd hinzu. Er spielt damit auf den Fall Uwe Barschel an, in dem Wille ebenfalls als Staatsanwalt ermittelt hatte. Mit dem neuen Buch wolle Wille sich »auf seine Weise rehabilitieren«, vermutet er.

Dann betritt Wille die Bühne. In weißem Jackett steigt er die Treppe hinab. Er referiert seine Erkenntnisse. Grundthese: Immer wieder wird der Fall politisch instrumentalisiert. Die Ermittlungen sind damals korrekt abgelaufen, auch wenn niemand verurteilt werden konnte. Die vier Männer aus der rechten Szene hätten zwar zum Teil Geständnisse abgelegt, diese seien aber nicht glaubwürdig gewesen. Medien und Politiker hätten aufgrund ihrer eigenen Vorurteile immer wieder tendenziös berichtet. Und die Geschehnisse instrumentalisiert, so Wille.

Die Brandnacht und die Ermittlungen

Die Fakten: Es war der folgenschwerste Brandanschlag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschlands. In dem ehemaligen Seemannsheim in Lübeck waren Geflüchtete überwiegend aus dem Nahen Osten und Afrika untergebracht. Gegen drei Uhr in der Nacht stand das Haus in Flammen. Menschen verbrannten bei lebendigem Leib, andere erstickten. Einige konnten über die Fenster den Flammen entkommen oder wurden von der Feuerwehr vom Dach des brennenden Hauses gerettet. In einem Punkt war man sich nach der entsetzlichen Nacht in Lübeck einig: Feuerwehr, Polizei Staatsanwaltschaft und die regierenden Politiker waren davon überzeugt, dass das Feuer gelegt worden ist. Der oder die Täter tragen die Verantwortung dafür, dass zehn Menschen gestorben und weitere 38 Personen teils lebensgefährlich verletzt wurden.

Am Tatort, während der Brand noch nicht gelöscht war, nahm die Polizei die Personalien von drei Männern auf, die das Feuer und die Löschaktionen beobachteten. Alle drei waren der rechten Szene zuzuordnen. Maik W., der sich auch gern »Klein-Adolf« nannte, war den Behörden bekannt, da er Hakenkreuze gesprüht hatte, Dirk T. war 1992 an den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen beteiligt. Ein zusätzlich belastendes Indiz waren Brand - und Sengspuren an Händen, im Gesicht, an den Haaren und Wimpern bei einigen der Jugendlichen.

Es sah nach einer schnellen Lösung des Falles aus. Doch dann änderte die Staatsanwaltschaft ihre Verdachtslage. Ein Sanitäter meldete sich bei der Polizei. Er erzählte, er habe in der Brandnacht einen Bewohner des Asylbewerberhauses behandelt. Dieser soll »Wir waren‘s« zu ihn gesagt haben. Von da an ermittelte die Staatsanwaltschaft hauptsächlich gegen den vom Sanitäter benannten Bewohner des Hauses. Soweit die Tatsachen. Um alles andere herrscht ein erbitterter Streit in der beschaulichen Hansestadt. Der Vorwurf, die Ermittlungen seien rassistisch geführt worden, ist fast so alt wie die Ermittlungen selber. Schon 1996 meinte das »Lübecker Flüchtlingsforum«, der Bewohner des Hauses, den die Staatsanwaltschaft im Fokus hatte, sei unschuldig und forderte die Staatsanwaltschaft dazu auf, die Ermittlungen gegen die rechten Jugendlichen weiterzuführen.

Auch nach 21 Jahren dauert der Konflikt um die damaligen Ermittlungen an

Vor dem Buchladen, auf der langsam kleiner werdenden Kundgebung, steht Christoph Kleine. Er hat die erbitterte Auseinandersetzung zwischen Staatsanwaltschaft Polizei und Zivilgesellschaft miterlebt. »Es war der folgenschwerste Brandanschlag in der Geschichte der BRD«, meint er und empört sich: »Der Fall ist durch das skandalöse Vorgehen des leitenden Staatsanwalt vertuscht worden. Das haben wir schon 1996 rassistische Ermittlungen genannt.« Gegen die Lesung des ehemaligen Ermittlers Wille protestiere er, weil es ihn wütend mache, dass dieser »noch heute vergeblich versuche, sich von den Vorwürfen reinzuwaschen«.

Wie reagiert man, wenn nach über 20 Jahren immer wieder Kritik an den eigenen Ermittlungen laut werden? Wenn einem Blindheit und Rassismus vorgeworfen werden und damit eine Mitschuld an der mangelnden Aufklärung? Heinrich Wille ist in den Angriff übergegangen. Er inszeniert sich als Opfer einer Medienkampagne, die objektive Fakten nicht zur Kenntnis nehmen will. Und nicht an die Unschuld von den damals jugendlichen Rechten glauben will. Es ist das eine, die Kritik an den eigenen Ermittlungen abzuwehren. In dem recht holprig geschriebenen Buch - es fehlt eine erkennbare Struktur der Darlegung - erwehrt sich Wille den erhobenen Vorwürfen und schildert seine Sicht der Dinge. »Tränen dürfen nicht den Verstand vernebeln«, schreibt er. Versäumnisse räumt er nicht ein.

Auf dem rechten Auge blind?

Die Frage, ob in den damaligen Ermittlungen Fehler gemacht worden sind, ist in der Retrospektive für Außenstehende schwer zu beantworten. Viele Journalisten haben Leerstellen in den Ermittlungen dargelegt. Wille ist mittlerweile pensioniert, es steht ihm frei sich zu den Vorwürfen zu äußern. Schwierig an der Position von Wille ist aber, dass er sich vehement gegen eine erneute Untersuchung der Vorfälle wehrt. Immer wieder fordern zivilgesellschaftliche Initiativen eine Wiederaufnahme der Ermittlungen.

Nach der Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrund hat man in vielen Bundesländern (Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen und Thüringen) parlamentarische Untersuchungsausschüsse eingesetzt, die den Fehlern von Polizei und Geheimdiensten nachgegangen sind. In Schleswig-Holstein fehlten einem solchen Unterfangen für den Fall Lübeck bisher die parlamentarischen Mehrheiten. Und das trotz der klaffenden juristischen und politischen Wunden, die die Brandnacht in der Hafenstraße gerissen hat. Dass Heinrich Wille in seinem Buch eine erneute Untersuchung der Vorfälle für eine »unsinnige Forderung« hält, lässt vermuten, dass die Lehren, die die deutsche Justiz dringend aus den Ermittlungen gegen den Nationalsozialistischen Untergrund ziehen muss, noch nicht zu Heinrich Wille durchgedrungen sind.

Heinrich Wille: Der Lübecker »Brandanschlag« Nie aufgeklärt: Der Tod von zehn Asylbewerbern. Ein Lehrstück von Medien, Vorurteilen und Lügen. Vitolibro 2017. 164 S. ,br., 12,95 Euro.

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