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Leben ohne Gewalt ist in weiter Ferne

In Bolivien sind Feminizide weiter ein großes Problem, da das Gesetz zum Schutz der Frauen nur teilweise wirkt

  • Von Knut Henkel, Cochabamba
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die gehetzt wirkende, nach Hilfe suchende junge Frau auf dem großen, grünen Schild in der Calle Baptista von Cochabamba fällt schon von Weitem ins Auge. Sie hält eine bolivianische Flagge vor die Brust gepresst, die Haare wehen und in dicken Lettern steht FELCV darunter - »Polizeieinheit gegen die Gewalt an Frauen«. Der Polizeistation im Zentrum von Cochabamba steht Marcelo Via Roldán vor: »Unsere Einheit wurde gegründet, um die Gewalt gegen Frauen auszumerzen. Das ist unser zentraler Auftrag, die mit der Verabschiedung des Gesetzes 348 Realität wurde«, erklärt der Polizeioffizier. Hinter ihm hängt das Plakat eines Frauenhauses, das Schutz verheißt, neben ihm auf dem Schreibtisch seines Büros, welches in einem altersschwachen Gründerzeithaus untergebracht ist, liegt ein Exemplar des rund einhundert Seiten starken Gesetzes.

Gewalt gegen Frauen ist in Bolivien eher die Ausnahme als die Regel. 104 Frauen wurden 2016 bestattet, weil ihnen Männer, meist Ehepartner oder Ex-Liebhaber, Gewalt antaten. Dagegen ist die Regierung in La Paz mit dem Gesetz 348 aktiv geworden. Es wurde bereits am 9. März 2013 in La Paz verabschiedet und soll den bolivianischen »Frauen ein Leben frei von Gewalt garantieren«. Mit diesem Gesetz sind auf die Polizei vollkommen neue Aufgaben hinzugekommen. Prävention gehört dazu und in Cochabamba hat man den Beamten einen psychologischen Dienst zur Seite gestellt - mit ersten Erfolgen.

»27 der 104 Feminizide fanden in Cochabamba statt und unsere Pflicht ist es, diese Zahl auf null zu senken. Mit guter Ermittlungsarbeit, aber vor allem mit Prävention und Engagement«, erklärt der Polizeioffizier Via Roldán. In der Dienststelle des Endvierzigers werden derzeit Kampagnen entwickelt, um an Schulen und in Jugendtreffs aufzuklären, zu informieren und präventiv aktiv zu werden. »Es geht darum, die patriarchalen Strukturen, den omnipräsenten Machismo und das Frauenbild in Frage zu stellen«, sagt Mabel Alanes, die Sozialarbeiterin der Dienststelle. Die junge Polizistin Patricia Pinaya nickt zustimmend. Beide sind in die Präventionsarbeit involviert, ermitteln aber auch, wobei es zu Mabel Alanes Aufgaben gehört, den Kontakt zu den Opfern zu erleichtern, sie zu betreuen und ihnen psychologische Hilfe zu vermitteln. Das funktioniert nach einigen Anlaufschwierigkeiten immer besser. Je ein bis zwei Psychologen arbeiten in direkter Nachbarschaft der Polizeiwachen, in sogenannten Servicepoints (SLIM) und kümmern sich um Opfer und Täter.

In aller Regel geht die Gewalt gegen Frauen nicht von Fremden, sondern von Vertrauten aus und manchmal haben die Frauen ein Martyrium hinter sich. So wie Gabriela Andrés Soviaguía, die ihren Ex-Freund 2015 bei einer Party kennenlernte und angetan war von dem gut aussehenden Kerl, dem sie ihre Telefonnummer anvertraute. Aus der Affäre wurde mehr. Nach ein paar Monaten zog sie zu ihrem neuen Freund, der alsbald begann, sie zu kontrollieren. »Er wollte mir vorschreiben, was ich anziehen darf und was nicht. Das Essen, welches ich für uns und seinen Vater, der im gleichen Haus lebt, kochte, war nicht gut genug. Wir stritten immer häufiger«, erinnert sich die 29-jährige Frau. Sie ließ sich zwar einschüchtern, aber nicht alles gefallen und eines Abends rief sie die Polizei, nachdem ihr Freund ihren Kopf gegen eine Wand geschlagen hatte. »Er ist unberechenbar, rachsüchtig und sitzt jetzt im Gefängnis«, erklärt sie und macht kein Hehl daraus, dass sie Angst vor seiner Entlassung hat. Darüber müssen die Richter entscheiden. Positiv ist aus ihrer Perspektive, dass sie nicht auf sich gestellt ist. »Ich erhalte Unterstützung von meiner Psychologin, mit der ich mich einmal pro Woche treffe. Das hilft mir, mein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen«, sagt sie und fährt fort: »Etwas mehr Solidarität unter uns Frauen wäre auch nicht schlecht.«

Mangelnde Solidarität ist ein Defizit, ein anderes ist die Reproduktion der traditionellen Geschlechterrollen. »Die sind längst obsolet, denn der Mann ist schon lange nicht mehr der Alleinverdiener, trotzdem versucht er seiner Frau, alles und jedes vorzuschreiben. Wir brauchen mehr Respekt zwischen den Geschlechtern«, kritisiert Marlen Heredia. Sie ist Psychologin, bildet sich dank der Schweizer Hilfsorganisation »Interteam« gerade weiter. Sie arbeitet in einem Servicezentrum der Stadt, wohin die Ermittlungsbehörden Opfer wie Täter schicken, um sie zu therapieren. Das funktioniert in einigen Fällen wie bei Serafin Quispe Pama, der seine Beziehung gerettet hat und dem seine Frau bescheinigt, ein »neuer Mensch zu sein«.

Für den Ombudsmann für Menschenrechte in Cochabamba, Nelson Cox, ist allerdings mehr nötig, um auch langfristig Erfolg zu haben. »Wir müssen die Köpfe erreichen, denn wir reproduzieren die Gewalt auf allen Ebenen - das ist ein Grundproblem«, so der Jurist. Vielerorts fehlt es nach wie vor an den nötigen Mitteln. So ist die Polizeistation in der Calle Baptista in einer baufälligen Villa untergebracht. Erst im März hat sie nach zweijähriger Wartezeit zwei Einsatzfahrzeuge erhalten, klagt Polizeioffizier Marcelo Via Roldán. Das Gesetz 348 trägt zwar erste Früchte, aber das darin festgeschriebene Ziel, ein Leben ohne Gewalt für alle Frauen, liegt noch in weiter Ferne.

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