Lieber ins Gefängnis als in die Obdachlosigkeit

Frau in Duisburg zündet offenbar Auto an, um in Haft zu kommen

Menschen, die Autos anzünden, handeln aus ganz unterschiedlichen Motiven: Manchmal begründen sie ihre Tat politisch, manchmal ist es pure Pyromanie. Mit einem ungewöhnlichen Fall bekamen es in der Nacht zu Montag Beamte der Duisburger Polizei zu tun. Gegen zwei Uhr nachts riefen Anwohner die Polizei, nachdem sie von einem lauten Knall geweckt wurden. Am Ort des Geschehens angekommen, fanden die Beamten ein brennendes Auto vor – direkt daneben wartete bereits die mutmaßliche Brandstifterin. Sie gab sich nach Angaben der Polizei Duisburg als Täterin aus und lieferte ihnen auch die Begründung: Sie könne sich ihre Miete nicht mehr leisten, sie wolle ins Gefängnis, weil sie dort wenigstens ein Dach über dem Kopf habe. Die Polizei nahm sie zumindest für die Nacht in Gewahrsam, wo sie vernommen und anschließend einem Haftrichter vorgeführt werden sollte.

Das Phänomen, dass Menschen Straftaten begehen, um ins Gefängnis zu kommen, ist nicht neu. Obdachlosen wird vor allem in den Wintermonaten der Gefängnisaufenthalt als Motiv unterstellt – die Situation in der Haft sei allemal besser als auf der Straße, wo im Extremfall der Tod droht. Auch bei älteren Menschen rückte die Thematik in den letzten Jahren stärker in den Fokus. Zum einen, weil aufgrund der demografischen Entwicklung und der steigenden Lebenserwartung die Zahl älterer Menschen, die kriminell werden generell steigt. Zum anderen, weil dort soziale Faktoren eine stärkere Rolle spielen: das Gefängnis erscheint ihnen im Vergleich zu ihrer Lebenssituation, die oft von Altersarmut und Vereinsamung bestimmt ist, als der bessere Ort. Dort ist die Versorgung der Elementarbedürfnisse sichergestellt und dort sind, so zynisch es klingen mag, tatsächlich mehr soziale Kontakte möglich, als in ihrem sonstigen Alltag.

Über den psychischen Zustand der 20-Jährigen aus Duisburg ist bisher nichts bekannt und soll auch nicht spekuliert werden. Es sagt allerdings einiges aus, dass, ohne ihre Tat selbst in irgendeiner Weise zu verharmlosen oder zu relativieren, ihr Motiv auf Anhieb nicht unplausibel erscheint. stf/nd

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