Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Schreiben für die gute Sache

Im Kino: »Ihre beste Stunde« von Lone Scherfig

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

Der erste Luftangriff dieses Films beginnt mit Bombenlärm, Staubwolken und stürzendem Gestein, geht über in erleichtertes Gelächter - und endet in stillem Schaudern. Es ist 1940, London erleidet den Blitzkrieg, ganze Stadtviertel liegen in Schutt und Asche, die Bevölkerung macht mit ihrem Leben weiter, so gut es eben geht. Aber im Kriegsministerium ist man besorgt: Durchhaltefilme müssen her, damit Mut und Kampfgeist nicht abebben. Außerdem sollen die USA für diesen Krieg gewonnen werden - und wo erreicht man den Durchschnitts-US-Amerikaner besser als im Kino?

Weil es Frauen sind, Ehefrauen, Freudinnen und Mütter, die ihre Männer in den Krieg ziehen lassen, sollen die Autoren des geplanten Films auch weiblich sein, um ein weibliches Publikum zu erreichen - und zu motivieren. So kommt die Werbetexterin Catrin Cole (Gemma Arterton, ein Bild zerbrechlicher Schönheit und stiller Verunsicherung) zu einem Vorstellungsgespräch beim Kriegsministerium. Und zu einem Job und einer Chance, mit denen sie nicht gerechnet hatte. Nur sind die anderen Schreiber im Team natürlich wieder alle - männlich. Und müssen sich erst daran gewöhnen, dass die Frau in ihrer Mitte nicht zum Kaffeekochen abgestellt ist. Selbst der abgehalfterte Star Ambrose Hilliard (Bill Nighy) hält Catrin bei der ersten Begegnung für eine Autogrammjägerin - schließlich tritt sie mit einem Stapel Papier vor ihn hin. Also zückt er mit professioneller Freundlichkeit den Stift, während sie kam, um eine Dialogänderung zu besprechen.

Zu Hause in ihrem Mietzimmerchen hat Catrin noch ein weiteres Problem: Ihr Malerfreund Ellis (Jack Huston, der wohl letzte Ben Hur der Filmgeschichte) verzweifelt am Leben und seiner Versorgerrolle, weil seine schwarzgraugrimmigen Bilder sich nicht verkaufen lassen. Wehruntauglich ist er auch, einer alten Kriegsverletzung wegen - und nun soll er sich von seiner Frau versorgen lassen! Kein Zufall, dass Ellis sich an »hoher Kunst« versucht - und scheitert. Während der Film selbst mit Haut und Haar im Zeichen der Gebrauchskunst steht - und sein angepeiltes Ziel voll erreicht. Zumindest auf der Zeitebene des Films im Film.

Allmählich wird Catrin sich den Respekt der Kollegen erobern, wie das so ist in solchen Filmen. Man wird lernen, sie weniger nach ihren braven Kragenspitzen und Kurzarmpullis zu beurteilen als nach der Qualität ihrer Drehbuchideen. Ihr Freund wird sich einmal zu oft alleingelassen fühlen und Sorge dafür tragen, dass die Beziehung endgültig den Bach runtergeht. Und mit dem kantigen, hornbebrillten Kollegen - nicht zufällig besetzt mit »Hunger Games«-Schönling Sam Claflin - wird sich eine zarte Romanze entspinnen, die auf professioneller Wertschätzung mindestens ebenso basiert wie auf dem Aussehen der Partner. Also alles wie gehabt in solchen Filmen - denn selbstverständlich hat Claflin schöne Augen hinter den dicken Brillengläsern. Auch trägt die Heldin immer frisch gemachtes Haar spazieren, selbst als ihr ausgebombtes Haus gar kein fließendes Wasser mehr hat.

Aber natürlich ist weiterhin Krieg, und das geht selten ohne Verluste ab. Eddie Marsan, der Hilliards ungarischstämmigen Manager spielt, ein sehr wahrheitsnahes Detail dies, wird irgendwann aus dem Film geschrieben werden müssen. (Helen McCrory als seine Schwester und Geschäftsnachfolgerin macht den Verlust lässig wett.) Auch der zentralen Figurenkonstellation wird es auf recht plumpe Weise an den Kragen gehen. Hier hätte Lone Scherfig, die dänische Regisseurin im Porzellanladen der britischen Nationalmythen, von ihrem vorangegangenen Fehlschlag mit »Zwei an einem Tag« doch vielleicht lernen können, dass das Publikum so etwas meist übel nimmt.

Nicht zufällig vielleicht war die US-Kritik deutlich stärker angetan von diesem Film als die britischen Kollegen. Irgendwas haben die Autorin der Romanvorlage, die Drehbuchautorin und Regisseurin wohl richtig gemacht. Aber leider nicht alles. Mit knapp zwei Stunden ist der Film zudem recht lang - der Trailer zeigt, wie man es in aller Kürze hinkriegt - und nimmt ein paar der besten Gags auch gleich vorweg.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln