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Zu jedem Gipfeltreffen Gegendemonstrationen – muss das sein?

»Nein!« sagt Tom Strohschneider

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 3 Min.

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Alle paar Jahre grüßt das linke Murmeltier: Mit der Kraft, die nach Gipfelprotesten noch übrig ist, beugt man sich über das Ergebnis ereignisreicher Tage und versichert sich, dass kapitalismuskritische Politik mehr sein müsste, als in Abständen ein öffentliches Schaulaufen der Radikalität zu veranstalten. Bis der nächste Gipfel kommt, der nächste Gegengipfel, das nächste Großbündnis der Gipfelkritik.

Ganz allgemein spricht vieles für linke Demos. Und was die Polizei dagegen in Hamburg in Stellung bringt, ruft sogar nach engagierter Verteidigung des Versammlungsrechts. Zum Glück gibt es viele Stimmen, die sich so äußern. Mehr noch: Die öffentliche Debatte ist bisher von diesem Thema dominiert. Nicht zum ersten Mal. Ob in Heiligendamm oder bei Blockupy: Kritik am Gebaren der Polizei machte die Schlagzeilen.

Das aber führt zu einer thematischen Verschiebung. Die Kritik an den kapitalistischen Verhältnissen, an globaler Ausbeutung und G20-Krisenpolitik spielt in der öffentlichen Wirkung der Proteste kaum noch eine Rolle. Es geht vorderhand um bürgerrechtliche Fragen. Das ist gut und richtig so - aber von den inhaltlichen Ansprüchen der linken Szene ziemlich weit weg. Während viel übers Campen debattiert wird, redet kaum einer über die politische Ökonomie globaler Zustände.

Das liegt auch daran, dass sich die linke Szene mit ihrem Gipfelhopping auf die Logik der Anderen einlässt, ja einlassen muss: Es wird gegen etwas protestiert, bei dem Anlass, Ort und das mediale Setting nicht die bestimmen können, die Kritik äußern wollen. Wer auf die Produktion von Bildern setzt, muss wissen, wer an ihnen noch herummalt und dabei den größeren Pinsel hat. Grellere Farben allein helfen dagegen nur begrenzt.

Man sollte also das linke Murmeltier ernster nehmen: Es gibt eine praktische Kritik jenseits des öffentlichen Schaulaufens der Radikalität. In jedem kleinen Streik, in jedem Akt der Solidarität von unten, in jedem Gespräch zwischen Leuten, die bisher ihr gemeinsames Interesse nicht entdeckt hatten, steckt sehr viel von dem, was die NoG20-Aufrufe anmahnen. Oder sogar mehr. Gerade in Zeiten, in denen Linke wieder gern über Klassenpolitik reden, darüber, dass es Bewegungen der Vielen braucht, die ihr »Nein« nicht auf Plakaten herumtragen, sondern im Betrieb, in der Nachbarschaft auch leben, gemeinsam in Konflikten um Würde und Rechte, in einer Praxis also, die auch dann wichtig ist, wenn daraus keine Schlagzeilen zu machen sind, wäre etwas weniger Demo und etwas mehr Politik im Alltag einen Versuch wert. Klar: Das ist anstrengender als ein paar Tage im Gipfelstress. Aber vielleicht auch erfolgreicher.

Zu jedem Gipfeltreffen gibt es Gegendemonstrationen – muss das sein? »Ja!« findet Elsa Koester

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