Von Stephan Fischer

Kopflose Herzen und herzlose Köpfe

Drei Bücher - drei verschiedene Perspektiven zu den Themen Flucht und Migration

Flüchtlingslager in Irak
Flüchtlingslager in Irak

Flucht und Migration sind globale Phänomene, die die Geschichte der Menschheit immer geprägt haben. Aktuell sind laut Zahlen der UNO weltweit über 65 Millionen Menschen auf der Flucht. In Deutschland war das Thema lange nicht präsent, bevor es ab 2015 umso heftiger auf die politische Agenda trat, den Diskurs zeitweise vollständig beherrschte und das politische Klima im Land schlagartig veränderte. Plötzlich waren jene, die sonst weit weg waren, hier. Plötzlich war Lampedusa in München und Berlin.

Pietro Bartolo ist Arzt auf Lampedusa - dort, wo sich auch schon lange vor 2015 eine der größten menschlichen Katastrophen unserer Zeit abspielte. Fast täglich kommen Menschen auf dem kleinen Eiland im Mittelmeer an, wenn sie noch leben, gehören sie schon zu den Glücklichen. Aber was für ein Glück ist das? Bartolo berichtet von nigerianischen Frauen, deren Haut zu 90 Prozent verbrannt ist. Von Männern, Frauen und Kindern, die schon vor ihrer Überfahrt Unvorstellbares erlebt haben: Folter, Ausbeutung, Vergewaltigungen und Verstümmelungen. Und immer wieder Tote. »Ich habe hier in Lampedusa alles gesehen« - ein kurzer Satz, ein ganzer Absatz. »Manchmal meine ich, ich schaffe es nicht. Dieses Tempo durchzuhalten, vor allem aber das Leid, so viel Schmerz zu ertragen. Man gewöhnt sich nie an die toten Kinder«, schreibt Bartolo. Der sich selbst den Schmerz von der Seele schreibt, ohne das Werkzeug zu besitzen, »um die Wunden der Seele zu heilen«.

Eingeflochten in seine Biografie, hat Bartolo eine schreiende Anklage geschrieben. Er kann nicht anders, ihn treibt »der nackte und wehrlose Instinkt der Brüderlichkeit«. Aber er schreibt auch als Europäer: »Wenn wir an die Tausenden von Flüchtlingen denken, die jeden Tag an unseren Küsten ankommen, fällt es uns schwer, ihnen eine Identität zu geben, sie als Personen zu erfassen und nicht nur als bloße Nummern.«

Und dann waren die Grenzen im Sommer 2015 offen, und viele der Hunderttausenden bekamen nicht einmal mehr eine Nummer zur Registrierung bei ihrer Ankunft in Deutschland. Sie wurden von einer Welle der Hilfsbereitschaft und Willkommensgrüßen an den Bahnhöfen fast erdrückt. Kaum einer derjenigen, die beispielsweise am Münchner Hauptbahnhof winkten und klatschten, hat wahrscheinlich an diesem Höhepunkt der Euphorie nur ansatzweise erahnen können, wie schwer die Mühen der Ebenen würden, die dem folgten. Ann-Kathrin Eckardt war nicht am Münchner Hauptbahnhof. Die Journalistin betreute auch schon vorher ehrenamtlich Flüchtlinge. Sie hat ein sehr offenes Buch über ihre Erfahrungen geschrieben. Sie war im Sommer 2015 nicht euphorisch. »Nicht mehr«, schreibt sie. »In den ersten Monaten als Flüchtlingshelfer macht man nämlich einen ziemlich guten Deal. Man gibt ein bisschen Zeit, ein wenig Geld, ein paar ausrangierte Klamotten. Man bekommt: Dankbarkeit, einen erweiterten Horizont und endlich wieder Platz im Kleiderschrank. Aber es bleibt nicht so.« Dann kommt der Frust: über die Bürokratie, aber auch auf die Geflüchteten, die sich nämlich nicht immer so verhalten, wie sich das die Helfer vorstellen und wünschen.

Eckhardt geht die Herausforderungen und Probleme durch, vor die die deutsche Gesellschaft aufgrund der großen Zahl der Flüchtlinge gestellt wurde. Da ist die »antizipatorische Erwartung« vieler von mehr Kriminalität - die durch die Ereignisse der Silvesternacht 2015/16 in Köln und durch Anschläge in Würzburg, Ansbach und Berlin noch befeuert wurde. Da sind die falschen Erwartungen vieler Helfer an Pünktlichkeit und Dankbarkeit der Flüchtlinge, aber auch an die immer noch überforderten Behörden. Da sind ebenso die unrealistischen Erwartungen der Flüchtlinge an das Leben in Deutschland - mit denen auch gegenüber den Daheimgebliebenen nicht aufgeräumt wird. Und so prallen oft falsche Erwartungen aufeinander, was dann für alle in Ernüchterung endet.

Die Autorin bleibt jedoch nicht an diesem Punkt stehen. Sie dekliniert Probleme und Chancen bei den Themen Wohnen, Spracherwerb Bildung und Kultur durch und bleibt dabei immer konkret. Beispiel Handschlag: In Deutschland gilt es als unhöflich, ihn zu verweigern, für viele Muslime gilt er zwischen Unverheirateten als unsittlich und ist ausschließlich Verheirateten vorbehalten. Genau hingucken, hinhören, nicht durch rosarote Brillen, aber auch nicht von oben herab, möglichst ohne Projektion eigener Wünsche und Vorstellungen auf den anderen - dann kann Kommunikation und vielleicht auch Zusammenleben gelingen.

Was da im Kleinen von Ärzten wie Bartolo und ehrenamtlichen Helfern wie Eckhardt geleistet wird, ist groß - aber in der globalen Perspektive nur Flickschusterei in einem hoffnungslos veralteten und letztlich kaputten System. Alexander Betts und Paul Collier forschen seit Jahren zu Flucht und Migration. In »Gestrandet« konstatieren sie, dass die globale Flüchtlingspolitik gescheitert ist - und machen Vorschläge, was stattdessen zu tun sei. Die Genfer Flüchtlingskonvention der UNHCR, das UN-Flüchtlingshilfswerk, ist als temporäre Lösung aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs entstanden und etablierte sich im Zeichen des Kalten Krieges. Nach dessen Ende verstetigte das UNHCR Praktiken wie die Lagersysteme, die Lösungen in Migrations- und Flüchtlingsfragen eher behindern, statt zu befördern. Für die heutigen globalen Flucht- und Migrationsprozesse sind diese Systeme nicht mehr funktionsfähig. Flüchtlinge haben drei Bedürfnisse: Rettung, Autonomie und Ausweg aus einem Schwebezustand. De facto haben sie drei schlechte Möglichkeiten: jahrelanges Lagerleben, Armut in Städten, in denen sie vom offiziellen Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, oder lebensgefährliche Reisen durch Wüsten und über Meere. Ein Kerngedanke von Betts und Collier lautet, Asyl nicht nur als humanitäres Problem, sondern auch als Entwicklungsproblem zu verstehen: »Schlicht gesagt, es geht nicht nur darum, Flüchtlinge in alle Ewigkeit mit Nahrung, Kleidung und Obdach zu versorgen. Vielmehr muss es darum gehen, die Selbstständigkeit der Flüchtlinge durch Arbeitsplätze und Bildung wiederherzustellen und das insbesondere in den Entwicklungsländern.« 90 Prozent der Geflüchteten leben im eigenen Land oder in Nachbarstaaten. Gerade die europäische Politik konzentriert sich wie paralysiert auf die restlichen zehn Prozent, kürzt Gelder etwa für Libanon oder Jordanien - und zieht so paradoxerweise immer mehr Menschen an, die sie dann durch Zäune und Mauern abzuwehren versucht.

Colliers und Betts faktenreiche Darstellung liest sich wie ein politischer Krimi, wenn sie darlegen, wie vor allem Europa in den letzten zehn Jahren zwischen »kopflosem Herz« und »herzlosem Kopf« schwankte. Aus einer Brüsseler Farce, den nicht zu Ende durchdachten Schengen- und Dublin-Systemen, wurde eine griechische Tragödie auf Lesbos. Und deren Opfer werden bis heute auch in Lampedusa beerdigt. Eine schonungslose Bilanz.

Pietro Bartolo/Lidia Tilotta: An das Leid gewöhnt man sich nie. Salztränen. Mein Leben als Arzt auf Lampedusa. Suhrkamp. 170 S., br., 10 €.

Ann-Kathrin Eckardt: Flucht und Segen. Die ehrliche Bilanz meiner Flüchtlingshilfe. Pantheon, 240 S., br., 14,99 €.

Alexander Betts/Paul Collier: Gestrandet. Warum unsere Flüchtlingspolitik allen schadet - und was jetzt zu tun ist. Siedler. 333 S., geb., 24,99 €.

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