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Anschwellender Marschkörper

Die Gerechtigkeits-Kolonne des türkischen CHP-Vorsitzenden Kilicdaroglu erreicht am Sonntag Istanbul

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Als der Abgeordnete der Republikanischen Volkspartei (CHP) und Journalist, Enis Berberoglu zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, reichte es dem Vorsitzenden der CHP, Kemal Kilicdaroglu. Er setzte sich eine Baseballkappe auf, nahm einen Stecken, an dem ein rundes Schild mit der Aufschrift »adalet« (Gerechtigkeit) befestigt war und versprach, damit von Ankara nach Istanbul zu laufen - 423 Kilometer in der prallen Julihitze.

Man konnte Zweifel haben, ob der 68-jährige Vorsitzende und sein Tross aus gut hundert Getreuen, darunter viele ältere Funktionäre, weit kommen würden. Und wen würde die Sache überhaupt interessieren, wenn man Kilicdaroglu mit seinem Schild einfach ziehen lassen würde? Wohl aus solchen Überlegungen heraus entschloss sich die Regierung, den Marsch nicht zu verbieten. Sonst ist man gegen die Opposition durchaus nicht so nachsichtig.

Doch Kilicdaroglu hielt durch und sein Zug wurde immer größer. Es wurden 1000, es wurden 10 000 ... Und im gleichen Maße schwand die Gelassenheit im Regierungslager. Regierungsnahe Medien behaupteten, es marschiere in Wirklichkeit nicht Kilicdaroglu, sondern die meiste Zeit ein Doppelgänger an der Spitze des Zuges. Kilicdaroglu schlafe unterwegs heimlich in Luxushotels usw. Ein angeblicher Fotograf der staatlichen Nachrichtenagentur AA verbreitete Fotos von vermummten Demonstranten mit einem Bild des PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan, die neben Knüppeln auch Kilicdaroglus Schild mit der Aufschrift »Gerechtigkeit« in Händen hielten. Fotoshop.

Nach anfänglichem Schweigen äußerte sich auch Präsident Recep Tayyip Erdogan immer drohender zu dem Zug. »Sie säen Wind und werden Sturm ernten«, versprach Erdogan, der sicher nicht wusste, dass er die Bibel zitierte. Schließlich erhöhte Erdogan die Zahl der Terrororganisationen, für die Kilicdaroglu angeblich marschiere, von einer auf drei.

Das ist mehr als politische Rhetorik, Staatsanwälte machen aus solchen aus der Luft gegriffenen Behauptungen des Präsidenten rasch Anklagen. Kilicdaroglu droht damit das gleiche Schicksal wie Enis Berberoglu. Dafür hat der wegen seiner schwachen Haltung gegenüber Erdogan oft kritisierte Oppositionsführer an Ansehen gewonnen. Plötzlich ist er der Mann aus dem Volke. Kommentatoren fällt ein, dass er als Sohn eines kleinen Beamten in einem winzigen Dorf tief in den Bergen Anatoliens geboren wurde. Seine oft kritisierte Passivität erscheint auf dem Marsch als Besonnenheit. Eine Gruppe Erdogan-Anhänger stellt sich in den Weg und schreit: »Receeeep Taaaayyip Erdogaaaan!« Doch der Zug bleibt gelassen, man spricht mit den Leuten, verteilt mitgebrachte Aprikosen, die Provokateure verlaufen sich. Mittlerweile ist der Zug ohnehin so groß, dass er sich nur noch mit Gewalt aufhalten ließe. Es gibt auch einfach sehr viele, die meinen, dass es der Türkei an »adalet«, an »Gerechtigkeit« fehle. Dies ist übrigens das erste Wort im offiziellen Namen von Erdogans AKP. Eine »Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt« haben seine Anhänger einst für Erdogan gegründet, als er noch der »kleine Mann aus dem Volke« war, den die kemalistischen Eliten verhindern wollten.

Die Verhältnisse stehen nun auf dem Kopf und mehr als das. Seit dem Militärputsch von 1980 hat es nicht so viele Verhaftungen aus politischen Gründen und wohl noch nie so viele Entlassungen gegeben. Erst am Mittwoch wurde die Vorsitzende der türkischen Sektion von Amnesty International, Idil Eser, unter dem Vorwand festgenommen, Mitglied in einer »bewaffneten Terrororganisation« zu sein. Der Begriff straft sich selbst Lügen, denn er zeigt, dass in der Türkei sogar gänzlich unbewaffnete Gruppen oder vermeintliche Gruppen »Terror« begehen können.

Am Sonntag wird der Zug für Gerechtigkeit in Istanbul erwartet. Es wird wohl eine große Kundgebung geben, weniger wahrscheinlich einen Showdown mit der Staatsmacht. Am Montag werden Enis Berberoglu und andere politisch Verfolgte noch immer im Gefängnis sitzen. Doch die Opposition ist aus der Schockstarre nach Erdogans knappem und wohl etwas frisiertem Sieg beim Referendum im April erwacht. Selbst im Regierungslager gibt es Dissidenten, die einen Marsch für Gerechtigkeit nicht pauschal verurteilen wollten.

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