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Eine Ode für alle

Am Freitagabend lauschten die G20-Gäste Beethoven und Schiller

  • Von René Heilig, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven ist ein Genuss. Und ein Hit. So eingängig wie anspruchsvoll. Weltkulturerbe eben. Was natürlich ebenso für die Ode an die Freude von Friedrich Schiller gilt, die den letzten Satz inhaltlich komplettiert. Kent Nagano, der Dirigent, ist ein Weltbürger und das Elbphilharmonie-Orchester so motiviert wie kaum ein zweiter Klangkörper in Deutschland. Denn in jedem Ton schwingt Dankbarkeit mit für den gelungenen Bau der Elbphilharmonie. Die zu G20-Zeiten freilich wirkt wie eine Mittelalterfestung auf einer Landzuge.

Merkels Ratgeber haben mit der Auswahl des Stücks sicher nichts falsch gemacht. Die »Neunte« ist, obgleich mit revolutionärem Inhalt versehen, fast für jedermann konsensfähig. Trotz Forderung und Sehnsucht nach Brüderlichkeit wurde sie bei ihrer Uraufführung 1824 in Wien dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. gewidmet. Geht es deutscher? Sicher, doch nicht in Verbindung mit dem sogenannten europäischen Gedanken. Seit 1972 ist die Ode an die Freude Europa-Hymne und erinnert an den euphorischen Gedanken eines nicht nur altkontinentalen Zusammenwachsens. »Seid umschlungen, Millionen«, singt der Chor und auch: »Alle Menschen werden Brüder.« Die, die in diesen Tagen in Hamburg demonstrieren und protestieren - wohl nicht jene, die Scheiben zerschlagen und Autos anzünden -, würden Schillers Text wohl ändern: Heh, ihr Brüder, werdet Menschen!

Schiller selbst war in seinen frühen Jahren ein Revoluzzer. In einer frühen Ode-Fassung forderte er noch die »Rettung von Tyrannenketten«. Ob die Protestierer jedoch »Großmut auch dem Bösewicht« gelten lassen würden?

»Jenseits aller politischen Unterschiede«, so schrieb der Neunte-Monograf Esteban Buch in einer Abhandlung, »vereinten sich die preußischen Nationalisten, deutschen Kommunisten, französischen Republikaner, Wagnerianer aller Länder, Apostel der Nächstenliebe und selbst die Theoretiker der absoluten Musik einhellig um die IX. Sinfonie, die zum Fetisch der abendländischen Metaphysik geworden war.« Ist das so, dann ist die Sinfonie wahrlich geeignet für G20.

Die »Neunte« hat schon zu anderen Anlässen kraftspendend gewirkt. 1988 wurde sie von Demonstranten beim Sturz des Militärdiktators Augusto Pinochet in Chile gesungen. Leonard Bernstein dirigierte sie wenig später nach dem Fall der Berliner Mauer. Wobei man da statt »Freude, schöner Götterfunken« »Freiheit …« sang. Angela Merkel wird sich vielleicht erinnern.

Weiß sie auch, dass Hitler das Stück gelten ließ, obgleich Wagner ihm weitaus näher stand? 1936 sangen 6000 junge Deutsche das Stück zur Eröffnung der wohl verlogensten Olympischen Spiele der Neuzeit. Wie viele von ihnen lebten noch, als der Krieg neun Jahre später endete? 1937 schenkte Goebbels dem »Führer« eine Aufführung zum Geburtstag. Wilhelm Furtwängler dirigierte. Später mussten Häftlinge in deutschen Konzentrationslagern - ihren Tod vor Augen - die »Ode an die Freude« spielen.

Vermutlich weiß Putin, dass Stalin die »Neunte« liebte und meinte, dies sei die richtige Musik für die Massen. Sie könne nicht oft genug aufgeführt werden. Vielleicht ist auch jemand in der Delegation Südafrikas, der sich erinnert, dass Beethovens Meisterwerk 1974 von den Rassisten in Rhodesien geschändet wurde. Die suchten eine Hymne, um die mordenden Militärs anzuspornen. »Ernst, aber nicht schwermütig, würdevoll, aber nicht hochtrabend« sollte sie sein. Ihre Wahl fiel auf die »Neunte«, genauer auf eine Kurzfassung in 16 Takten.

Ehemalige Sportler aus den einst beiden deutschen Staaten werden sich vielleicht erinnern, dass die »Neunte« bei olympischen Siegerehrungen gespielt wurde, um zu verhindern, dass »Auferstanden aus Ruinen«, also die DDR-Hymne, erklang. Und als das neue NATO-Hauptquartier in Brüssel eingeweiht wurde - was wurde gespielt? Genau.

Nein, das alles musste man nicht wissen, um die Aufführung am Freitagabend in Hamburg zu genießen. Vielleicht hätte dieses Wissen sogar Genuss genommen. Schaden kann es jedoch nicht, wenn man weiß, wie zu allen Zeiten Kunst vermarktet und benutzt wird. Dann lässt sich leichter fragen: Warum, wofür und von wem?

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