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Ganz bescheidene Ziele

Der G20-Gipfel in Hamburg wird kein großer Wurf. Wie auch?, fragt sich René Heilig und findet, dass auch kleine Schritte zu einer besseren Welt ihren Wert haben

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Als 2015 klar war, dass Deutschland den nächsten G20-Gipfel ausrichten wird, war die Welt - nein, nicht gut - aber noch halbwegs in der gewohnten Ordnung. Aus heutiger Sicht jedenfalls. Im Weißen Haus saß noch Barack Obama. Über diesen Friedensnobelpreisträger lässt sich zwar allerlei Negatives sagen, nicht jedoch, dass er der erste US-Präsident war, dessen IQ unter dem eines Meerschweinchen rangiert. Vor zwei Jahren war auch nicht vorstellbar, dass Brasilien einen Präsidenten zum Gipfel schicken wird, der wegen seines korrupten Verhaltens schon mit einem Bein im Knast steht. Damals regierte in Brasilien noch Dilma Rousseff. Mit absoluter Mehrheit, wenn mich die Erinnerung nicht trügt. 2015 waren auch noch nicht alle Hoffnungen auf eine EU-Mitgliedschaft der Türkei gestorben. Nur wenige warnten damals, dass der Kurdenhasser Recep Tayip Erdogan dem Größenwahn näher ist als einer halbwegs berechenbaren Politik. Und wer hätte vor zwei Jahren gedacht, dass sich die deutsche Kanzlerin und der chinesische Präsident auf einer umweltpolitischen Wellenlänge treffen? Damals war das asiatische Riesenreich allenfalls in den deutschen Schlagzeilen, wenn es um Produktpiraterie oder nicht atembare Luft ging.

Natürlich tobte 2015 schon Krieg in Syrien. Und er war schon damals brutal. Doch die USA und Russland verschwendeten noch keinen Gedanken daran, sich gegenseitig vom fremden Himmel zu schießen. Und die EU? Es knirschte schon, doch von einem realen Brexit war keine Rede. Auch die Neuen aus dem Osten bremsten aufkommende Aufmüpfigkeit. Damals war man in Brüssel sogar optimistisch, dass man das Problem mit den Flüchtlingen in den Griff kriegen werde. So oder so, aber auf jeden Fall gemeinsam.

Zwei Jahre Weltgeschehen machen den Unterschied. Wer damals noch gehofft hatte, dass man international der Herrschaft des Rechts ein wenig näher kommen könnte, muss sich eingestehen, dass mehr denn je das Recht des Stärkeren gilt.

Natürlich hat Schwarz-Rot noch und noch Kritik verdient. Und doch: Sollten wir in dieser Situation nicht ein wenig froh sein, dass Deutschland jetzt Gastgeber der G20 ist? Man stelle sich den Gipfel jetzt in Ankara vor. Oder in Riad. Selbst Moskau und Peking wären keine Adresse, an der man halbwegs brauchbare Makler treffen könnte. Und solche braucht man dringender denn je. Ob Merkel die Kraft und das Geschick dazu aufbringt, werden wir bald beurteilen können. Und klar ist: Durch noch so geschicktes Verhandeln innerhalb enger gesellschaftlicher Grenzen ändert man nicht das System. Natürlich schafft man weder die NATO noch den Hunger oder die Bildungsnot in der Welt ab. Nein, die Ziele sind bescheidener. Es geht erst einmal »nur« darum, kleine Schritte zu gehen, um der Menschheit ein Fortbestehen zu sichern. Vielleicht ja auch, um ihr die Selbstbefreiung von der selbst geschaffenen Knechtschaft zu ermöglichen. Irgendwann.

Protest gegen das Bestehende ist - man erlebt es vielgestaltig in Hamburg - erst produktiv, wenn man mit überzeugenden Argumenten Alternativen vorbringt, um so Politik voranzutreiben. Man muss Mehrheiten für Vernunft schaffen und dafür den kleinsten gemeinsamen Nenner finden. Das ist banal. Stimmt. So banal wie schwer. Jüngst hat Außenminister Sigmar Gabriel gesagt, er verstehe Menschen, die verzweifelt und wütend sind ob der Kriege, des Hungers und der Ungerechtigkeiten in der Welt. Auch er sei unzufrieden damit, wie die Welt momentan funktioniert.

Man kann ihn für einen typisch verlogenen Sozi halten und Steine gegen seine behelmten Büttel werfen. Oder man erinnert sich daran, dass Gabriel drei Kinder hat, denen er - wie jeder Vater - eine Welt mit sauberem Wasser, sauberer Luft und ohne Krieg und Seuchen hinterlassen möchte. Auch er weiß, Klima ist nicht teilbar. Ein »Weiter so« ist nicht drin. Denn es wird keine Arche geben, auf die sich die Menschheit retten kann.

Nach der schon zu Beginn der Verhandlungen absehbaren Pleite des Gipfels wäre es dringend geboten, illusionslos über vorerst nationale Gemeinsamkeiten beim Versuch eines gemeinsamen Überlebens der Menschheit zu reden. Doch es ist Wahlkampf. Der verläuft zu platt, um über neue Grundfarben deutscher Politik nachzudenken. Dennoch, so scheint es auch aus Hamburger G20-Sicht, wirkt Rot-Rot-Grün doch noch einen Hauch frischer als das ewig gewohnte Schwarz.

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