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Böse Burschen und gute Jungs

Aru und Bardet versuchen ganz unterschiedlich, Favorit Froome zu knacken

  • Von Tom Mustroph, Périgueux
  • Lesedauer: 4 Min.

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Böse Burschen können herrlich lachen. Fabio Aru sitzt am Sonntagnachmittag in Chambéry auf der Rolle und fährt sich nach dem furiosen Bergdrama im Jura die Muskulatur wieder locker. Ein Knirps von etwa sieben Jahren kommt vorbei. Aru lässt ihn an sich heran und zieht ihm mit überraschender Zartheit seine eigenen Rennhandschuhe über die kleinen Finger. Der Junge weiß nicht recht, was mit ihm geschieht: Er wirkt erstarrt von soviel Ehre und Aufmerksamkeit, und gleichzeitig ist ihm die unbändige Freude anzusehen. Aru macht das Geschenkespielchen nicht das erste Mal. Bereits am Sonnabend kam ein anderer kleiner Junge in den Genuss, nun ja, der verschwitzen Handschützer in den italienischen Meisterfarben.

Während Aru diese Zeremonie in Chambéry absolviert, erzählt er Journalisten auch seine Version der Attacke auf Chris Froome am Mont du Chat. Der Brite hatte dort die Hand gehoben, um einen Defekt anzudeuten. Just in dem Moment trat Aru an, in den Fernsehbildern unmittelbar hinter Froome fahrend und vom Schatten des ausgestreckten Armes fast noch berührt werdend. Aru löste sich auch von der Gruppe, zögernd nahmen andere die Verfolgung auf. Dann wurde Tempo herausgenommen und lebhaft diskutiert. »Ich habe später erfahren, dass Richie Porte sich dafür einsetzte, dass man das Gelbe Trikot achtet und nicht bei einem Defekt davon fährt. Danke Richie!«, sagte Froome später.

Aru nun meinte, immer noch dem kleinen Fan die Handschuhe überstreifend und ins unschuldige Lächeln ein freches Grinsen hineinspielend: »Ich habe gar nicht mitbekommen, dass Froome den Materialwagen rief. Ich hatte mir lange vorgenommen, an genau dieser Stelle zu attackieren, denn sie ist die geeignete. Erst als sie mir von meinem Teamfahrzeug aus signalisierten, dass Froome einen Defekt hatte, erfuhr ich davon. Und wir hielten dann ja auch alle an.«

So recht glauben mochte man dem Schlingel Aru die Geschichte nicht. Immerhin hielt er aber an, auch weil er nicht das Standing eines Alberto Contadors hat, dem andere Fahrer in wilder Hatz folgten, als der 2010 am Port de Bales einen Kettenschaden des in Gelb fahrenden Luxemburgers Andy Schleck ausnutzte. Das war das »chain gate« Contadors, eine Polemik über Unfairness, Monate, bevor ihm wegen Dopings der Gesamtsieg genau dieser Tour aberkannt wurde.

Aru umschiffte die Defektaffäre, bevor sie sich zur echten Affäre auswachsen konnte. Er profitierte auch davon, dass Chris Froome seinerseits mitteilte, er hätte selbst gar nichts von der Attacke des Italieners mitbekommen. »Ich war total darauf konzentriert, schnell zu meinem Materialwagen zu gelangen«, meinte der Brite. Rivalen, die sich gar nicht mehr bemerken, weil sie so aufs eigene Tun fokussiert sind? Das überrascht. Und es scheint, als sei der Radsport im Zeitalter des Autismus angelangt.

Gute Jungs hingegen sind ernst. Nur ein melancholisches Lächeln umspielte den Mund von Romain Bardet, als er mit frischem Hemd in Chambéry seinem Teambus entgegen rollte. Der Franzose war - noch vor Aru -der Hauptheld dieser neunten Etappe. Sein Team Ag2R hatte das Feld komplett auseinandergenommen. Drei Mann der Truppe waren in der Fluchtgruppe des Tages vertreten. Sie hatten bis zum letzten Berg Aussichten auf den Tagessieg, konnten aber auch ihrem Kapitän Unterstützung geben. Der Rest des Teams entfesselte auf der Abfahrt vom Col de la Biche und auf dem Anstieg zum Grand Colombier ein solches Teufelsrennen, dass manchem Kontrahenten die Puste ausging und andere die Balance verloren.

Bardet selbst entwischte Froome dann auf der Abfahrt vom Mont du Chat, dem letzten Gipfel. »Ich hatte genug Zeit, mir die Fahrweise bergab der anderen anzusehen und dann selber härter in die Kurven zu gehen«, meinte Bardet cool. Mit seinem Können auf der Abfahrt setzte er sogar Froome unter Druck. Im Flachstück vor dem Ziel wurde er dann zwar von einer Fünfergruppe um Froome und Aru eingeholt und verpasste so den Tagessieg. Daher auch der melancholische Anflug im Gesicht des Burschen. Aber er hatte sein Motto »Wer nicht wagt, der nicht gewinnt« eindrucksvoll umgesetzt. Bergauf kann er übrigens auch attackieren, wie er kurz am Mont du Chat zeigte.

Mit Aru, der sich auch vor dreckigen Tricks nicht scheut und immerhin schon den Etappensieg auf der Planche des Belles Filles holte, bildet der tollkühne Abfahrer Bardet eine Art Komplementärzange, die dem Dauertoursieger Froome in Zukunft noch arg zusetzen kann. Beide wissen, dass sie diese Tour gewinnen können. Das allerdings nur, wenn sie zuvor Chris Froome zermürben. Diese Konstellation bietet Spannung für die kommenden zwei Wochen.

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