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Berliner Ironie

Andreas Koristka über eine die Kunden über alle Maßen liebende Werbekampagne der hauptstädtischen Verkehrsbetriebe

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Berliner Verkehrsbetriebe fahren seit einiger Zeit eine Imagekampagne. Ihr Name lautet »Weil wir dich lieben«. In ihrem Rahmen wurde vergangene Woche ein neues Werbevideo präsentiert. Dafür tat das dem Land Berlin gehörende Verkehrsunternehmen das, was Verkehrsunternehmen am besten können: Es mietete die Deutsche Oper an.

Nun muss die Frage erlaubt sein, warum ein landeseigener Betrieb, der in Berlin für all jene ziemlich konkurrenzlos ist, die sich momentan gerade keinen neuen Porsche Cayenne leisten können, eine teure Werbekampagne fährt. In anderen Orten der Republik käme man vielleicht auf die Idee, das Geld in zusätzliche Busse zu stecken. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die Kampagne als durchaus nützlich. Man muss nämlich wissen, dass die BVG eine Führungsebene hat. Deren Mitglieder kann man nicht gerade als prekariatszugehörig bezeichnen. Die Managerin Sigrid Nikutta zum Beispiel verdient eine knappe halbe Million Euro pro Jahr.

Da ist es natürlich ärgerlich, wenn die Unterschichtler, die täglich in Berlin zu ihren Jobs in den Backshops, Würstchenbuden und Callcentern pendeln, einem ständig in den wohlhabenden Ohren liegen, weil das eigene Unternehmen so erbärmlich schlecht ist. Da wird sich doch tatsächlich über den Zustand der Fahrzeuge, zu geringe Taktung und jährlich steigende Fahrkartenpreise beschwert. Oder es wird über prügelnde Fahrkartenkontrolleure genörgelt, die als Mitarbeiter privater Sicherheitsunternehmen so wenig verdienen, dass sie privat wahrscheinlich selbst schwarzfahren müssen.

Offensichtlich haben die Kunden der BVG eines nicht verstanden: Dass es die Berliner Verkehrsbetriebe überhaupt gibt, ist schon Segen genug! Es ist ein Almosen für all jene, die zu dämlich sind, um in unserer schönen sozialen Marktwirtschaft vernünftig mittun zu können. Eine milde Gabe an alle, die volkswirtschaftlich gesehen eher von geringem bis gar keinem Nutzen sind, weil sie die heimische Industrie nicht mit Autokäufen stärken können. Ist man selbst einer von ihnen, dann hat man besser das Maul zu halten!

Um das diesen Leuten ein für alle mal klarzumachen, hat die BVG für viel Geld von den Oberarschgeigen, Quatsch, den Kreativköpfen der Werbeagentur Jung von Matt ein Video drehen lassen, das die Fahrgäste wieder auf Originalmaß zurechtstutzt. Im Stile einer Arie tragen dort »Fahrgäste« ihr »Leid« vor. Ein Penner beschwert sich, dass er nicht schlafen kann, weil die Bahn so ruckelt, ein drogenabhängiger Clubgänger kritisiert die Verschmutzung in der U-Bahn, eine Mutter mit schreienden Kindern findet die Bahn zu laut und eine ältere Dame im Pelzmantel schimpft über die zu hohen Fahrpreise. Man ahnt, wie sehr die Verantwortlichen im Unternehmen die frechen Beschwerden ihrer Fahrgäste gewurmt haben müssen.

Trotzdem bewahrt die BVG Haltung. Denn das Video ist natürlich »ironisch« gemeint. Allerdings ist es eine Ironie, die ohne zweite Ebene auskommt. Man könnte von einer Form spezieller Superironie sprechen, die so ironisch ist, dass sie schon wieder nicht mehr ironisch ist. Im Refrain kulminiert dieses Stilmittel mit den Worten »Wenn du stets pünktlich wärst, nicht dreckig wärst und nicht so unersetzlich wärst, dann hätte man ja nichts mehr zu beschwer’n - und das tun wir nun mal so gern.« Und die Leute lachen mit. Wie die Mobbingopfer in einer Schulklasse hat die Unterschicht hierzulande gelernt, dass es hilfreicher ist, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, wenn man nicht noch eins auf die Fresse bekommen möchte. Erkennen lässt sich das an Tausenden Lachsmileys unter dem Video auf Facebook.

Und wenn man ehrlich ist, ist doch auch alles gar nicht so wild. Was sind schon 3,40 Euro für einen Einzelfahrausweis verglichen mit den 150 Millionen, die die BVG bis 2014 an den Finanzmärkten verzockt hat. Das sind eben die Dimensionen, in denen BVG-Manager denken.

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