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Die Narben der Favela

Rios ältestes Armenviertel Morro da Providência gerät mehr und mehr zwischen die Fronten des Drogenkriegs

  • Von Niklas Franzen, Rio de Janeiro
  • Lesedauer: 8 Min.

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»In Jacarezinho fliegen gerade die Kugeln.« Marco Antônio Silva schlendert durch das heruntergekommene Hafenviertel, vorbei an alten Lagerhallen und verlassenen Wohnhäusern. Der Blick des kleinen Mannes klebt auf seinem Smartphone. »Dann bleibt es wenigstens bei uns heute ruhig.« Handys können in Rio de Janeiro Leben retten. Über WhatsApp und soziale Netzwerke warnen sich Bewohner vor Schießereien. »Lass uns jetzt hochlaufen.« Mit »hoch« meint Marco einen Buckel aus rotem Backstein, der plötzlich in die Höhe ragt - der Morro da Providência. Südlich vom alten Hafen befindet sich die älteste Favela Lateinamerikas. Das futuristische Museum von morgen, die neueste Touristenattraktion der Stadt, steht nur einige Straßenzüge weiter. Einst kamen in dieser Gegend die Sklaven an, die aus Afrika nach Brasilien verschleppt wurden. Private Investoren und Stadtverwaltung wollen die Gegend nun »revitalisieren«. Eine glitzernde Welt aus Bürogebäuden und Luxusapartments soll hier entstehen.

Auf dickem Kopfsteinpflaster geht es steil nach oben. Baufällige Häuser aus der Kolonialzeit säumen die Straße. Im Schritttempo schlängelt sich ein klapperiger Transporter die enge Gasse herunter. Eine Engelsfigur gafft aus einem verstaubten Fenster. Es ist ein stickig heißer Tag. Vor einem winzigen Schusterladen sitzt ein alter Mann. An einer Straßenecke liegt ein Teenager mit Afrofrisur im Schatten. Sein Kopf lehnt auf einem blauen Rucksack. In der Hand hält der junge Mann eine Pistole. Kurzes Kopfknicken, und es geht weiter nach oben. In einer Kurve bleibt Marco plötzlich stehen und zeigt auf kleine Einbuchtungen in einer Mauer. »Das sind Einschusslöcher.« Bei genauem Hinsehen erkennt man die Narben der Favela an fast jeder Ecke.

Knapp ein Jahr nach den Olympischen Spielen durchlebt Rio de Janeiro eine schwere Krise. Der Bundesstaat ist pleite, seit mehreren Monaten gilt der Ausnahmezustand. Öffentliche Angestellte warten seit Monaten auf ihren Lohn, in Krankenhäusern fehlen Medikamente, Schulen sind seit Monaten geschlossen. Etliche Politiker sitzen hinter Gittern. Im vergangenen Dezember wurden innerhalb von 24 Stunden gleich zwei ehemalige Gouverneure verhaftet. Das »olympische Vermächtnis« lässt auf sich warten. Die sozialen Spannungen haben nach dem Megaevent zugenommen. So verzeichnet die Stadt die höchste Überfallrate seit 14 Jahren. Polizei und Drogengangs liefern sich so schwere Kämpfe wie seit vielen Jahren nicht mehr. Laut Presseberichten kommt es im Durchschnitt zu 16 Schießereien täglich. Die Mordrate ist im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent gestiegen. »Kriegszustand« lautet die nüchterne Analyse von Marco. Auch im Morro da Providência gehört die Gewalt zum Alltag.

Handschlag hier, kurzer Plausch da. Fast alle kennen Marco. Vor 48 Jahren wurde der quirlige Mann mit dem Schnurrbart in der Morro da Providência geboren. Seitdem lebt er in der Favela mit der langen Geschichte. Vor 120 Jahren errichteten Soldaten die ersten Hütten auf dem Hügel. Die Männer hatten im fernen Bahia gegen Aufständische gekämpft. Nach der Rückkehr in die Heimat erhielten die mittellosen Veteranen keinen Wohnraum, wie ihnen vor dem Krieg versprochen wurde. Aus Protest besetzten die Soldaten kurzerhand das freie Stück Land gegenüber vom Kriegsministerium und nannten den Hügel Favela. So hieß eine giftige Pflanze, mit der die Soldaten im Krieg schmerzhafte Erfahrungen gemacht hatten. Kurze Zeit später zimmerten auch ehemalige Sklaven ihre Hütten auf dem Hügel. Für die »feine Gesellschaft« wurde die Favela schnell zum Synonym für Krankheit und Verbrechen. Bis heute gehört sie nicht zum »Asphalt«, wie der reguläre Teil der Stadt genannt wird. Als das Internationale Olympische Komitee Rio de Janeiro zum Austragungsort für Olympia machte, sollte der Morro da Providência endlich auch mal ein Stück vom großen Kuchen abbekommen - dachten die Bewohner zumindest. Im Zuge der »Revitalisierung« der Hafengegend baute die Stadtverwaltung den Bewohnern medienwirksam eine Seilbahn vor die Tür. Das umgerechnet 30 Millionen Euro teure Vorzeigeprojekt sollte die Gemeinde mit dem Zentralbahnhof verbinden und Touristen anlocken. Bürgermeister Eduardo Paes schwärmte von einem »zweiten Zuckerhut«. »Uns hat niemand gefragt, was wir wirklich brauchen. Wir hätten uns viel lieber einen Anschluss an das reguläre Abwassersystem gewünscht.« Die 58-jährige Márcia Regina de Deus lehnt auf dem Holzrahmen ihres Fensters. Ihr mit kunstvollen Graffiti besprühtes Haus befindet sich einen Steinwurf von der Seilbahnstation entfernt. Für den Bau der Seilbahn sollte Márcias Haus weg. Sie wehrte sich und konnte bleiben. Andere hatten weniger Glück. »Sie haben den einzigen Gemeinschaftsplatz zerstört«, schimpft Márcia. Seit mehreren Monaten steht die Seilbahn nun schon still. Der Eingang der Station ist vergittert. Die Gondeln baumeln verloren an den dicken Drahtseilen. Der Platz vor dem Stahlriesen ist jetzt ein Umschlagplatz für Drogen. Ein Junge, höchstens 18 Jahre alt, sitzt lässig auf einem Motorrad und raucht. Den breiten, nackten Rücken bedeckt ein Bibel-Tattoo. Um den Hals hängt eine fette Goldkette. Zwei Pistolen stecken in der Surfshort. Das Walkie-Talkie piept, eine kurze Anweisung folgt und der junge Gangster knattert davon.

Im Jahre 2008 hatte die Stadtverwaltung damit begonnen, Stationen der Befriedungspolizei UPP in ausgewählten Favelas einzurichten. Ziel des Programms: den Drogenhandel durch eine »bürgernahe« Polizei und Sozialprogramme vertreiben. 2010 hissten Polizisten auch in der ältesten Favela des Landes symbolisch die Nationalfahne. Der Hügel war damit offiziell »befriedigt«. Bei vielen Bewohnern waren die Hoffnungen groß, auch bei Marco: »Das Projekt hat gut begonnen. Es kamen Sozialprogramme und Dienstleistungen hier her.« Die Drogengangs verloren an Boden, die Mordrate fiel auf historische Tiefstände. Schnell wurden die Programme jedoch wieder eingestellt, die Übergriffe auf Anwohner mehrten sich. Der Fall des Maurers Amarildo de Souza, der von UPP-Polizisten in der Favela Rocinha gefoltert und ermordet wurde, schlug auch außerhalb von Brasilien hohe Wellen. Die Gangs kehrten zurück - stärker denn je. Mittlerweile sprechen sogar führende Politiker davon, dass das Programm gescheitert ist. »Die UPPs sind ein System der urbanen Kontrolle, das lediglich Sicherheit auf der Fassade bedeutet. Es sollte der Welt verkauft werden, dass Rio de Janeiro sicher ist und die Megaevents stattfinden können«, sagt Cosme Felippsen. »Warum haben sie statt der 200 Polizisten nicht 200 Ärzte, Lehrer oder Kulturarbeiter hierhin geschickt? Das würde die Gewalt viel besser bekämpfen.« Mit seinen 27 Jahren zählt der große, stämmige Aktivist mit den kindlichen Gesichtszügen bereits zu den bekanntesten Figuren des Hügels. Der charismatische Lockenkopf kämpfte gegen die Räumungen, nebenbei studierte er Recht und verkaufte Süßigkeiten am Zentralbahnhof. Mittlerweile führt er Touristen durch die Favela. Cosme ist stolz auf den Morro da Providência und seine bekannten Kinder. Machado de Assis, der bis heute als wichtigster Schriftsteller Brasiliens gilt, wurde am Fuße des Hügels geboren. Etliche Künstler und Musiker stammen von hier.

Das Studio von »Radio Leben Retten« ist kaum größer als ein Badezimmer. An der knallblauen Wand hängt ein Kalender mit einem kitschigen Bild von zwei Tauben vor einem Sonnenuntergang. Vor elf Jahren haben der evangelikale Marco und ein Kollege das christliche Radio gegründet. Seitdem wird rund um die Uhr über das Internet gesendet. Es gebe Hörer in der ganzen Welt, berichtet Marco stolz. »Wir wollen den Kindern zeigen, dass die Drogendealer nicht die Helden sind.« Mit dem Wort Gottes kämpfen die Frommen gegen die Gewalt. In ihrer Sendung klagen sie aber auch Polizeigewalt an. Das war in der Vergangenheit nicht immer ungefährlich. Als das Radio über einen Fall von Polizeischikane berichtete, landete eine Tränengasbombe vor dem Studio. Gerade erst hat die Polizei einen Sendekasten zerstört. Ein klarer Versuch der Einschüchterung, so Marco. Polizisten verwüsteten Häuser von Anwohnern, es kam zu gewaltsamen Übergriffen. Vor ein paar Tagen brachen Polizisten in das Haus von Marcos Tochter ein.

Ende März stürmte die Polizei wieder einmal den Hügel. Der 17-jährige Neffe von Cosme starb bei dem Einsatz. Die Polizei sagte später, dass sie von einer Gruppe bewaffneter Männer beschossen wurden und das Feuer erwiderten. Mord, sagten die Bewohner. »Mein Neffe hat auf niemanden geschossen. Er wurde angeschossen, lag auf dem Boden und hat uns Hilfe geschrien. Die Polizei hat ihn dann einfach erschossen«, berichtet Cosme. Es war nicht der erste Schicksalsschlag für den jungen Mann: Seine Mutter starb an Krebs, sein Bruder wurde 2010 von der Polizei getötet. Nun sein Neffe. Wie so oft verteidigte sich die Polizei damit, in »Selbstverteidigung« gehandelt zu haben. Zu Ermittlungen kommt es so gut wie nie. Die Toten der Favela sind oft nicht einmal eine Randnotiz in den Zeitungen wert. Soziale Bewegungen sprechen von einem »Genozid der schwarzen Bevölkerung«. Auch Cosmes Neffe passt genau in das Profil der meisten Opfer: arm, jung und schwarz.

Die Kollateralschäden bei Einsätzen in den extrem dicht besiedelten Favelas sind groß. Fast täglich sterben Unbeteiligte bei den Gefechten. Auch Marco meint: »Die Polizei interessiert es nicht, dass hier Menschen wohnen. Die kümmern sich nur um die Dealer.«

Alle acht Stunden tötet die Polizei in Rio de Janeiro, jedes fünfte Todesopfer in der Stadt stirbt durch Polizeikugeln. Damit tötet die Polizei in Rio de Janeiro so oft wie nirgendwo sonst in Brasilien - und nirgendwo sonst werden so viele Polizisten getötet. Bereits 85 Polizeibeamte starben in den ersten sechs Monaten dieses Jahres. Ein Ende der Gewaltspirale ist nicht in Sicht. Unlängst erklärte Bürgermeister Marcelo Crivella, kugelsichere Scheiben in Schulen einbauen zu lassen. Und der Alltag? Cosme lacht kurz auf. »Wir weichen vor den Kugeln aus, das ist der Alltag hier.«

162 Treppenstufen führen auf die Spitze des Hügels. Vor einer kleinen Kirche spielt eine Gruppe Kinder im schwachen Licht. Ein Hund wühlt in einer Mülltonne. Durch ein Labyrinth aus Häusern gelangt man zu einer Aussichtsplattform. Die Lichter der Millionenstadt glitzern friedlich in der Ferne. Zumindest heute kann die Favela ruhig schlafen.

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