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Kult ums Ich

Ein mehrstimmiger Langzeitkommentar zur globalen Selfie-Manie: Constanza Macras’ Performance »The Pose« in der Akademie der Künste

  • Von Karin Schmidt-Feister
  • Lesedauer: 3 Min.

Selbstinszenierung und Selbstoptimierung feiern Hochkonjunktur - gerade in einer Egomanen-Metropole wie Berlin. Hier lebt die in Argentinien geborene Choreografin Constanza Macras seit mehr als zwei Jahrzehnten. Ihre unkonventionell kraftvollen Kreationen touren deutschland- und weltweit. Nach vier Jahren Abstinenz erlebte nun mit »The Pose« wieder eine Produktion von Macras’ Ensemble Dorkypark ihre Berliner Uraufführung. Das interdisziplinär erfahrene internationale Team, ergänzt um 25 Gast-Performer, ist über vier Stunden mit Energie, Tempo und Spiellaune in Aktion. Der globale Kult ums Ich wird dabei sommerlich leicht, humorvoll parlierend gespiegelt. Bitterböse, schrille, abgründige Sequenzen sind rar.

Die Zuschauer sind in Bewegung, wandern zunächst in Gruppen zu drei parallel bespielten Aufführungsorten in der Akademie der Künste am Hanseatenweg. Abendsonne liegt über dem Garten, die große Linde spiegelt sich in der Wasserfläche, durch Stelen tritt eine ältere Frau (Ana Mondini) in schwarzem Kleid und grünen Heels. Ihr souveräner Gang verliert sich in Unsicherheit, sie taumelt über den Rasen, später angstbesetzt in die Arme eines schlaksigen Jungen. Kleinste Spuren von Paartanzposen verflüchtigen sich in einem langsamen Kippen, Schwingen, Fallen. Eine junge Frau verknotet ihre Gliedmaßen, stürzt barfuß ins Wasser.

Für ein paar Sekunden bevölkert eine bunte Tanzgruppe mit stereotypen MTV-Bewegungen den Garten. Schauspieler Luc Guiol auf erfolgloser Jobsuche kommentiert sprachlich präzise und amüsant seine absurden Fotoreihen für Casting-Agenturen, die vor den Zuschauern auf einem Screen erscheinen. Diese Selbstkommentierung eigener Porträt-Fotos, gekoppelt mit körperlicher Selbstbefragung, zieht sich auch bei den anderen Hauptakteuren überzeugend durch alle Stationen, bis hin zu den Hip-Hoppern im Besprechungsraum.

Im Sitzungssaal führt Miki Shoji lächelnd plappernd ihre banalen Selfies in Flugzeugen, Hotels, Flughäfen, Zimmern rund um den Erdball vor: »It’s me, I was drunk, felt so good, made a foto …«. Eine andere Frau, deren Körper zuvor in einem akrobatischen Solo von innen heraus zu zerspringen drohte, besingt zur Gitarre Urlaubsbanalitäten. Der androgyne Japaner Nile Koetting in Glitzershorts legt sich selbst Handschellen an, schreitet als Paradiesvogel, gräbt sich in die Erde ein und öffnet seine gefesselten Hände wie einen Blütenkelch. In der Beschreibung seiner austauschbaren Fotos als Model eröffnet er dem Publikum die dahinter verborgene Spur seiner persönlichen Geschichte einer psychotischen Kindheit als Außenseiter. Diese bewusste Doppeldeutigkeit ist ein starkes Moment, bleibt aber leider die Ausnahme.

Im Zeitraffer von gehetztem Kleider- und Requisitentausch formen die Akteure auf der Studiobühne vor allen Zuschauern »lebende Bilder«, die in immer neuen Arrangements erstarren. Ein virtuoses Posen-Sammelsurium der Theater-, Film- und Tanzgeschichte für emotionale Zustände und Beziehungen erzeugt kurze Lacher im Publikum. Doch die Gesten ermüden, die Performance zerfasert, findet keine schlüssige dramaturgische Raffung. Wenn im Finaltableau vor der Pause alle Performer unisono in der Pose des sterbenden Schwans zu Boden gehen, klingt der Subtext der klassischen Ballettmeisterin, »All hope is lost«, wie ein skeptisches Omen. Nach der Pause kann der Parcours nochmals in drei Gruppen erlebt werden, der Fokus weitet sich auf unterschiedliche Kulturen und Gesellschaften.

Constanza Macras choreografiert und arrangiert »The Pose« in der Kombination aus intensivem Tanzspiel, assoziativem Text, banalem Sound und Architektur als Gruppierung von Erinnerungsräumen, in denen Achtlosigkeit und Achtsamkeit walten. Alle Akteure reiben sich an tradierten, scheinbar festgeschriebenen Sprach- und Körperbildern, befragen sie und brechen sie auf. »The Pose« ist ein mehrstimmiger Langzeitkommentar zur weltumspannenden Selfie-Manie. Er verweist auf die Hoffnungen und Ängste hinter den Bildern, den Posen, dem Lächeln. Die Überlänge des Projektes erschöpft sich jedoch in Wiederholungen mit Variationen und nimmt dem Anliegen den Biss.

Weitere Vorstellungen vom 12. bis zum 17. Juli, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten

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