Von Leo Castro*

»Sie haben gedroht mich umzubringen«

Protokoll eines polizeilichen Übergriffes während des G20-Gipfels

Ich war in Hamburg, als dort der Gipfel der G20 abgehalten und dagegen auf der Straße protestiert wurde. In der Nacht von Samstag auf Sonntag war ich gerade auf dem Weg in Richtung Pferdemarkt. Ich kam von der Schanze und wollte mich von den dort stattfindenden Tumulten zwischen Polizei und Gipfelgegnern entfernen. Beim Pferdemarkt ging ich gleich rechts rein und bin am Bürgersteig an den Häusern entlang gelaufen. Ich traf auf eine Polizeikette. Ich fragte, ob ich durchkomme. Die Beamten verneinten das. Ich gehe also zurück, will zur nächsten Seitenstraße. Dann kommt mir ein Trupp Polizisten entgegen, rennend, sich im Einsatz befindend. Ich habe mich dann entschlossen, mich hinzusetzten. Auf eine Treppenstufe, gleich am Anfang des Pferdemarktes. Ich wollte signalisieren, dass ich friedlich bin und nichts mit den Ausschreitungen zu tun haben wollte. Die Gruppe Polizisten ist an mir vorbeigezogen, ich wollte noch kurz warten, bis sich die Situation beruhigt hat. Dann stellt sich ein Polizist neben mich und hält eine gelbe Lampe hoch. Ich dachte mir nichts dabei. Schnellen Schrittes kam dann eine andere Polizeieinheit zu der Treppe, auf der ich saß. Im nächsten Augenblick hatte ich eine Hand im Gesicht, die mich an die Tür hinter mir gedrückt hat. Ein anderer Polizist hat meine Hand nach hinten gezogen und mir meinen Daumen brutal nach unten gedrückt. Ein Polizist sagte wortwörtlich, dass »sie mich weich machen werden« und mir »die Knochen brechen werden«. Die Polizei schlug mir mit der flachen Hand mehrmals ins Gesicht. Sie sagten, ich solle mich nicht so anstellen und sie würden mir nur zurückgeben, was meine Leute ihnen in der Schanze angetan haben. In meinem Kopf hat sich dieser Moment wie eine Ewigkeit angefühlt, die Zeit die sie mich auf der Treppe verprügelt haben, während ich dort saß. Eigentlich waren es wahrscheinlich nur ein paar Minuten.

Das Schlimmste war, dass ich mich nicht wehren konnte. Nicht einmal schützend die Hand vor den Kopf halten konnte ich. Dann sollte ich aufstehen. Sie nahmen mich in einen Griff, bei dem sie mir die Arme verdrehten und meinen Kopf bis auf Kniehöhe nach unten drückten. Ich wusste nicht, wohin wir gingen. Ich sah nur den Boden unter mir. Während sie mich so abführten, beleidigten sie mich. In Erinnerung geblieben sind mir die Worte »Dreckszecke«, »Muschi« und »Kanacke«. Sie sagten auch noch, dass man die Zecken ausräuchern sollte. Immer wieder sprachen sie über die Gewalt gegen die Polizei und dass »wir« das jetzt zurückbekommen werden. Einer sagte zu mir er würde mir aus einem Meter Entfernung ins Gesicht wichsen. Jedes Mal wenn wir an einen Bordstein kamen, drückten sie mich extra runter und machten Kommentare wie »Fall bloß nicht«. Ich musste mich jedes Mal bemühen, nicht zu stolpern. Dann passierten wir zwei Laternenpfähle. Bei dem zweiten ließen sie mich direkt gegen den Pfeiler laufen. Erst im letzten Moment wendeten sie mich ab – ich hätte noch einmal Glück gehabt, sagten sie. Sie haben mir gesagt, dass sie mich umbringen werden. In dem Moment habe ich ihnen das geglaubt. Nach allem, was sie schon mit mir gemacht haben. Und die Angst hat natürlich angehalten. Bei allem, was später passiert ist, hatte ich das immer im Hinterkopf. Ich habe mich immer gefragt, was sie jetzt mit mir machen, was als nächstes passiert. Sie fragten mich, ob ich friedlich sei. Ich sagte Ja. Daraufhin schlug mir einer von ihnen erneut mit der flachen Hand ins Gesicht. Bei dem Schlag brach wahrscheinlich meine Nase. Irgendwann drückten sie mich gegen ein Auto. Ich blutete aus der Nase. Beim Auto wurde ich anderen Polizisten übergeben. Sie haben mir die Sachen abgenommen. Dann verfrachteten sie mich in ein Auto mit einer kleinen Zelle im Inneren.

Ich war vollkommen mit dem Nerven am Ende, habe gezittert. Ich wusste nicht, ob sie mich jetzt weiter verprügeln oder was als nächste passieren würde. Irgendwann verlangte ich nach einem Arzt. Sie gaben mir nur eine Flasche Wasser. Nach einer Zeit brachten sie mich in ein anderes Auto. Meine Hände waren mit Kabelbindern auf den Rücken gebunden. Die Polizei sagte mir, sie würden erst losfahren, wenn das Auto voll ist. Wir warteten zwei Stunden. Irgendwann sind wir dann in Richtung der Gefangensammelstelle in Hamburg-Harburg losgefahren. Um halb 5 kamen wir dort an. Ich wurde in eine Kabine gebracht und musste mich komplett nackt ausziehen. Dann eine Kniebeuge machen. Mir wurden meine Sachen abgenommen. Ich verlangte nach einem Arzt. Ein Polizist sagte mir, ein Arzt würde gleich kommen und überprüfen, ob ich überhaupt haftfähig sei, mit meinen Verletzungen. Erst einmal brachten sie mich aber in eine Zelle. Das waren Container, aneinandergereiht, mit Gängen dazwischen, jeder ca. 10 Quadratmeter groß. Da war nichts drin, außer eine Anhöhe, 50 cm breit, auf die man sich setzen konnte aber nicht liegen. Dann habe ich erst einmal geschlafen. Vielleicht drei Stunden. Als ich aufwachte, verlangte ich wieder nach einem Arzt. Dieser sollte ja schon längst da sein.

Eine lange Weile später kam dann eine Ärztin. Die Behandlung hat ca. 3 Minuten gedauert. Die Ärztin hat sich meine Nase angeguckt, meinte aber, sie sei nicht gebrochen. Das hat sich später als Fehldiagnose herausgestellt. Nach der Behandlung wurde mir dann, um ca. 9 Uhr endlich ein Anruf gewährt. Zurück in der Zelle habe ich wieder ein wenig geschlafen. Vielleicht eine halbe Stunde. Später kam dann ein junger Deutscher in die Zelle. Ich habe ihn gefragt, ob er sich auch nackt ausziehen musste. Er verneinte das. Ich vermute, dass mir aufgrund meines Aussehens eine besondere Behandlung zu Teil geworden ist. Die meisten Leute, die ich gesehen habe in der GESA waren übrigens Meschen, die nicht »biodeutsch« aussahen. Später wurden in einem anderen Raum Fingerabdrücke genommen. Irgendwann haben sie mich zurück in die Zelle gebracht. Mein Zellengenosse wurde entlassen. Das war gut für ihn, ich wurde aber ganz schön wahnsinnig. Alleine in der Zelle. Immer wieder habe ich verlangt, aus der Einzelhaft entlassen zu werden. Das ist menschenunwürdig und macht einen verrückt. Ich wusste ja nicht, wann ich rauskomme. Die Zustände in der GESA waren fürchterlich. Das Personal war überfordert, es fehlten immer Polizisten, wenn ich auf Toilette musste. Vieles war aber auch Schikane, zum Beispiel, dass mir erst so spät ein Anruf gewährt worden ist, oder der Arzt erst so spät kam. Die Politik sollte bei den Polizisten wirklich einmal für ordentliche Arbeitsbedingungen sorgen und sie nicht etliche Überstunden schrubben lassen, damit das Aggressionspotential und »Fehltrittsrisiko« auch nicht so krass steigt.

Irgendwann haben sie dann einfach die Tür aufgemacht. Ohne Richterspruch, ohne Erklärung. Als wäre nichts gewesen. Draußen erfuhr ich, dass es 15:30 Uhr ist. 11 Stunden war ich in der Gefangenensammelstelle in Hamburg-Harburg.

Inzwischen geht es mir körperlich wieder ganz gut. Ich habe ein blaues Auge, eine gebrochene Nase, aber es geht schon alles. Viel krasser ist die psychische Gewalt, die sie mir angetan haben. Dass sie mir gesagt haben, dass sie mich umbringen werden, in einem Moment, in dem ich ihnen komplett ausgeliefert war. Das wirkt nach. Und ich kann jetzt kaum etwas gegen das erlittene Unrecht tun.

Wir brauchen eine Kennzeichnungspflicht für Polizisten. Und Körperkameras, mit deren Hilfe hinterher das polizeiliche Vorgehen bewertet werden kann. Die Schuld an dem was mir passiert ist, trägt aber nicht nur die Polizei. Das der G20-Gipfel in Hamburg stattfinden musste, war eine Provokation. Und die Einsatzkräfte vor Ort waren völlig überfordert. Die politischen Entscheider, die die Sicherheit von Staatsgästen über die Sicherheit der Menschen in Hamburg gestellt haben, tragen genauso Verantwortung für meine Verletzungen wie die Polizei.

Protokoll aufgenommen von Fabian Hillebrand. Der Betroffene ist in anwaltlicher Beratung und überlegt, rechtlich gegen die Polizei vorzugehen.

*Name von der Redaktion geändert

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