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Das Problem mit den Vorhersagen

Studie prognostiziert starken Anstieg der Schülerzahlen und deutlich höheren Lehrerbedarf als bislang erwartet

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Es gibt Meldungen, hinter deren Information sich noch eine andere Mitteilung verbirgt, die die eigentlich wichtige ist. Die am Dienstag veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung zur Entwicklung der Schülerzahlen ist dafür ein Beispiel. Die von der Stiftung beauftragten Wissenschaftler teilten mit, dass im Jahr 2025 die Zahl der Schüler um mehr als eine Million höher liegen werde als bislang erwartet. 8,3 Millionen Kinder und Jugendliche würden dann in Deutschland zur Schule gehen, die offizielle, von der Kultusministerkonferenz verbreitete Prognose sei mit 7,2 Millionen Schülerinnen und Schülern zu niedrig.

Was sich daraus ergibt, ist klar: Es fehlen Lehrer. Schon jetzt reichen die Ausbildungskapazitäten kaum aus, um die Pensionierungswelle zu kompensieren, die in den kommenden Jahren mit dem Abgang der geburtenstarken Lehrerjahrgänge in den Ruhestand zu erwarten ist. Für die Ausbildung von mehr Lehrern, für Planung und Bau neuer Schulen werden laut der Untersuchung erheblich steigende Bildungshaushalte benötigt. So wird für 2030 von einer Steigerung um 4,7 Milliarden Euro gegenüber den derzeitigen Ausgaben ausgegangen. Vorausgesetzt natürlich, die Politik entscheidet sich nicht, die steigenden Schülerzahlen stillschweigend hinzunehmen und, statt mehr Lehrer einzustellen, einfach die Zahl der Schüler pro Klasse zu erhöhen. Erstellt haben die Studie der Essener Erziehungswissenschaftler Klaus Klemm und der Soziologe Dirk Zorn von der Bertelsmann-Stiftung. Ausgewertet haben sie dafür die Geburtenstatistik des Statistischen Bundesamtes sowie die jüngsten Erhebungen eines Herstellers für Babynahrung, der jährlich eine Geburtenliste veröffentlicht.

Die zweite, wichtige Information kommt erst gegen Ende der Pressemitteilung. Die Studie erhebe keinen Anspruch darauf, die künftige Entwicklung »akkurat vorherzusagen«, erklärte Jörg Dräger vom Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Sie solle lediglich »Anstoß sein, bisherige Planungen zu überdenken«. Diese Bemerkung verweist auf die der Studie zugrunde liegende Entwicklung. Die Schülerzahlen steigen aus zwei Gründen: Zum einen gibt es seit Kurzem wieder mehr Geburten, nachdem deren Zahl in den 1990ern stark zurückgegangen war. Zum anderen wächst die deutsche Bevölkerung durch Zuwanderung. Dieser Prozess aber vollzieht sich weitgehend unabhängig von der Einwanderung von Flüchtlingen, sondern ist Teil des Prozesses der »Europäisierung« Deutschlands. Seit 2005 haben EU-Bürger überall in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ein Recht auf Freizügigkeit; sie können also aus ihrem Herkunftsmitgliedstaat ausreisen und sich überall in der EU niederlassen, dort arbeiten und eben auch Kinder bekommen. Sie können dies tun, ohne dafür vorher einen Einwanderungsantrag stellen und ohne erklären zu müssen, wie lange sie in Deutschland zu bleiben gedenken. Die Statistiker können so nicht erfassen, ob die Zugezogenen für immer, nur auf Zeit oder wie lange sie überhaupt in Deutschland wohnen und arbeiten wollen. Ob ein Spanier aus Madrid nach Berlin oder ein Bayer von München in die deutsche Hauptstadt zieht, ist sich gleich.

2016 zogen knapp 700 000 EU-Bürger nach Deutschland. Im selben Zeitraum verließen aber auch rund 400 000 Bürger anderer EU-Staaten Deutschland. Diese Fluktuation stellt die Verwaltungen vor ein Problem: Schon in fünf Jahren könnte - etwa durch wirtschaftliche Veränderungen in anderen EU-Ländern - der Saldo ganz anders aussehen. Anders formuliert: Sich bei der Planung des Schulbaus und von Lehrerstellen nur auf die Bevölkerungsstatistik zu verlassen, ist mit einer großen Unsicherheit behaftet. Da ist die Erhebung eines Herstellers von Babynahrung die sicherere Aussage.

Die Planungsstäbe in den Ministerien und Behörden wären gut beraten, die Infrastruktur (nicht nur im Bildungsbereich!) unabhängig von Geburtenzahlen auszubauen. Die Strategie, immer nur zeitverzögert auf Veränderungen zu reagieren, funktioniert in der Praxis nicht mehr. Das zeigt auch ein Blick in die jüngste Vergangenheit: Nach 1990 wurden beispielsweise in Berlin Schulen aufgrund sinkender Anmeldezahlen geschlossen. Das allein wäre kein Problem, hätte man nicht zeitgleich die Gebäude abgerissen und Lehrerstellen abgebaut. Wären sowohl die Gebäude in Form einer Zwischennutzung erhalten geblieben und der Rückgang der Schülerzahlen dazu genutzt worden, die Klassenstärken zu reduzieren, gäbe es heute genug Schulen und genug Lehrerinnen und Lehrer.

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