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Reisewarnung für Schwangere

Verein spricht Warnung aus, um auf Hebammenmangel aufmerksam zu machen

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Der Elterninitiative Mother Hood hat mit einer Reisewarnung für Schwangere in Deutschland für Aufsehen gesorgt. Auf einer veröffentlichten Karte wurden Bundesländer markiert, in denen die Versorgungslage mit Hebammen und Kreißsälen nach Einschätzung des Vereins besonders schlecht sei. Kurz darauf wurde in Berlin ein Fall bekannt, bei dem eine Schwangere von einem Krankenhaus abgewiesen wurde. Die Frau brachte ihr Kind schließlich in einem PKW zur Welt. Auf der Karte von Mother Hood sind sowohl Bayern, Hessen und die Ostseeanrainer als auch Berlin in Rot getaucht. In der Reisewarnung, die optisch wie eine Warnung des Auswärtigen Amtes aussieht, heißt es: »In vielen Urlaubsregionen Deutschlands ist eine sichere Schwangerschaftsversorgung und Geburtshilfe nicht mehr gewährleistet.«

Am Dienstag meldete das rbb-Fernsehen den Berliner Fall und erhöhte dadurch die Brisanz der PR-Aktion des Elternvereins vom Montag. Ein Berliner Paar war von einem Neuköllner Krankenhaus wegen überfüllter Kreißsäle abgewiesen worden. Ärzte des Krankenhauses versicherten der Schwangeren, sie würde es bis zur Auguste-Viktoria-Klinik in Schöneberg schaffen. Der Muttermund war zu diesem Zeitpunkt schon weit geöffnet, die Fruchtblase längst geplatzt. Im privaten Wagen fuhr das Paar dann los. Schließlich brachte die Frau ihr Kind im Auto zur Welt - ohne Hilfe durch Ärzte und Hebammen, auf dem Parkplatz der angesteuerten Vivantes-Klinik. Die Mutter leidet unter den psychischen Folgen dieser Geburt, wie sie dem rbb sagte. Dabei hatte sie sich für einen Entbindungstermin regulär angemeldet. Nur Hannah, das Baby, das wollte sich nicht an den Termin halten. Ist das Versorgungssystem also mit Babys wie Hannah überfordert?

Astrid Steuber, Pressesprecherin von Vivantes, wollte am Telefon zunächst nicht auf den Vorwurf von Mother Hood eingehen, dass eine Urlaubsreise nach Berlin für Schwangere gegenwärtig gefährlich sei. Zur Verteidigung führte sie an, der Hebammenmangel betreffe nicht nur die Hauptstadt. Man bilde selber Geburtshelferinnen aus, um dem entgegen zu treten. Steuber verwies auf den Streit zwischen Hebammenverbänden und dem Spitzenverband der Krankenkassen. Der Sprecher der zuständigen Gesundheitsverwaltung, Christoph Lang, nannte die Aktion »Panikmache«. In der Antwort auf eine Schriftliche Anfrage der CDU von Ende Mai hatte die Senatsverwaltung allerdings eine verschärfte Lage eingeräumt und dann ebenfalls auf die bundesweite Situation und den Streit der Hebammen mit den Krankenkassen verwiesen. Auf die direkte Frage, ob die Senatsverwaltung die zur Verfügung stehenden Kreißsaalplätze für ausreichend befinde, antwortete sie damals ausweichend, man erfasse ihre Anzahl nicht.

Katharina Desery ist Mitglied des Vorstands von Mother Hood. Dem »nd« sagte sie, die direkten Reaktionen auf ihre pfiffige PR-Aktion seien bislang durchweg positiv. Erst habe man befürchtet, Schwangeren durch die Karte noch mehr Stress zu bereiten. Für den Verein sei aber wichtiger gewesen, die Frauen zu informieren, damit sie sich vor Reiseantritt Gedanken darüber machen könnten, wo sie im Notfall gut aufgehoben wären. Auch der aktuelle Berliner Fall habe zur größeren Aufmerksamkeit für das Problem beigetragen, sagte Desery.

Hintergrund der Hebammenproblematik ist ein seit Jahren andauernder Streit zwischen Hebammen und dem Spitzenverband der Krankenkassen. Letzterer hat eine Neuordnung der Vergütung sowie neue Regeln für selbstständige Beleghebammen in Krankenhäusern und bei Hausgeburten angestoßen. Die Hebammen laufen dagegen seit langem Sturm. Sie fürchten um ihre berufliche Existenz und die Versorgungslage. Der Deutsche Hebammenverband warnte im März vor bürokratischen Hindernissen wie neuen Anmeldepflichten, die die individuelle Versorgung gefährdeten. Infrage stünden durch den Streit etwa 20 Prozent der Geburten in Deutschland. Durch die Neuregelungen seien die Einnahmen der Geburtshelferinnen und -helfer so stark bedroht, dass sich für viele der Job bald nicht mehr lohnen könnte, insbesondere durch steigende Versicherungskosten.

Der Spitzenverband weist hingegen darauf hin, dass die Neuregelungen unter anderem Qualitätsstandards für Hausgeburten sichern sollen, die für Kreißsäle längst gälten. Die Hebammenverbände jedoch hätten sich dagegen zur Wehr gesetzt. Durch die Ablehnung einer regelmäßig neu ausgehandelten Vergütungsvereinbarung hätten sie die aktuelle Lage selbst hervorgerufen. Durch den sich hinziehenden Konflikt vor einem Schiedsgericht seien bestimmte Zahlungen nicht, wie zunächst vorgesehen, gestiegen. Zum Juli 2017 gingen schließlich die Beiträge zur Berufshaftpflichtversicherung deutlich nach oben. Es müsse sich aber keine Schwangere sorgen: die gesundheitliche Versorgung sei bundesweit gesichert, sagte Ann Marini, Pressesprecherin des Verbandes, auf nd-Anfrage.

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