Baden mit dem Duce

Seebad vor den Toren Venedigs huldigt der faschistischen Vergangenheit

  • Von Wolf H. Wagner, Florenz
  • Lesedauer: 3 Min.

Chioggia ist für in- und ausländische Feriengäste ein beliebter Urlaubsort. Von dem Seebad vor den Toren Venedigs fahren Boote in die Lagunenstadt, entlang des Lidos hat man einen phantastischen Blick auf Venedig. Doch nicht nur normale Touristen zieht es nach Chioggia. Am Ressort Punta Canna verehren der Besitzer und seine Gäste Protagonisten der jüngeren Vergangenheit. Überall sind Bilder und Sprüche Benito Mussolinis, des »Duce«, installiert.

»Ordnung, Sauberkeit und Disziplin«, heißt die Hausordnung des faschistischen Strandabschnitts. Auf einem der Plakate grüßt ein Baby mit dem »römischen Gruß« - in Deutschland als Hitlergruß bekannt. Auf einem weiteren Hinweisschild heißt es: »Gaskammern, Eintritt verboten!« Nach Publikationen in den Tageszeitungen »La Repubblica« und »Il Fatto Quotidiano« fühlten sich die örtlichen Behörden bedrängt. Der Präfekt von Chioggia, oberster Polizeichef am Ort, verfügte, dass Mussolini-Bilder und solche mit römischem Gruß abgehängt werden müssen.

Die Spezialeinheit Digos der italienischen Staatspolizei hat die Ermittlungen an sich gezogen. Zwar haben Gäste des Strandes, der seit 22 Jahren vom Besitzer Gianni Scarpa betrieben wird, erklärt, es handele sich nur um »Ordnungsregeln« und »Sauberkeit« am Strand. Lobend wird hervorgehoben, dass es sich um die sauberste Urlaubsanlage im Umkreis handelt - doch lässt Scarpa keinen Zweifel an seinen antidemokratischen Auffassungen aufkommen. Im Halbstundentakt wird ein Tonband abgespielt, in der er das faschistische Regime preist, die Demokratie verachtet und befindet, die Hälfte der Menschheit gehöre vernichtet, weil sie ohnehin Abschaum sei.

Punta Canna ist kein Einzelfall in der Region. In Meleo zieren eine Mussolini-Büste und andere faschistische Devotionalien das Traditionsrestaurant Roma. Der aktuelle Besitzer erklärt, sein Vater habe Sympathien für den Faschismus gehegt, auch er sei »ordnungsfreundlich«.

Dabei handelt es ich bei den Vorfällen von Chioggia und Meleo keineswegs um Einzelerscheinungen. Faschismus ist noch tief in der italienischen Gesellschaft verwurzelt, sei es in den extrem rechten Parteien, in denen unter anderem die Mussolini-Enkelin Alessandra tonangebend auftritt, sei es in der gemäßigten Rechten.

Parallel zu den Untersuchungen in Venetien fand am Montag eine Parlamentsdebatte über einen Gesetzentwurf statt, der die Verherrlichung des Faschismus und seiner Symbole endgültig verbieten sollte. Während die Demokratische Partei - aus deren Reihen der Entwurf eingebracht wurde - sich vehement für ein Verbot jeglicher faschistischer Symbole und der Verbreitung rassistischer Ideologie einsetzt, zeigen sich Movimento 5 Stelle (M5S) und Lega Nord zurückhaltend. Eine Bestrafung der Verherrlichung des Faschismus sei »freiheitsfeindlich«, so M5S. Und Lega-Chef Matteo Salvini erklärt, »Ideen, seien es gute oder schlechte, können widerlegt, jedoch nicht mit Arrest bestraft werden«.

Hingegen verdeutlicht Parlamentspräsidentin Laura Boldrini, dass der Staat die rechten Provokationen nicht unwidersprochen lassen kann. Es sei eine Beleidigung der Partisanen und Widerstandskämpfer, die ihre Jugend für Demokratie und Freiheit Italiens gegeben hätten, wenn Denkmäler, Symbole und Gedankengut des faschistischen Regimes hingenommen werden müssten. Ab sofort sei die Verherrlichung des Faschismus ein Verbrechen, so Boldrini.

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