Werbung

Groteskes Schockspektakel

Das Nationaltheater Reinickendorf zeigt »The Ibsen Saga - Part 7: Hedda Gabler«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

»Nicht wissen um 5« hieß eine Experimentalserie für ganz junge Choreografen in der Tanzfabrik. Nicht wissen um 6 war angesagt im Nationaltheater Reinickendorf. Wo genau sich das befindet, was dort gespielt wird, blieb bis zur Premiere ein Geheimnis, als seien Vinge Vegard und Ida Müller verfolgte Heilige, die nun im Untergrund zur Gegenwehr ausholen. Nur daran erinnerte man sich: 2012 von beiden eine nervtötende Inszenierung des Ibsen-Dramas »John Gabriel Borkman« gesehen zu haben, im Prater als Ausweichspielort der Volksbühne. Nun teilen der norwegische Regisseur und seine deutsche Ausstatterin den nächsten Schlag in ihrer Auseinandersetzung mit dem Werk des Sozialkritikers Henrik Ibsen aus: »The Ibsen Saga - Part 7: Hedda Gabler« mit Titel. Hedda in ungeliebter Ehe verdirbt den Jugendfreund, um am Ende selbst zu scheitern. Wie dies auf zwölf Stunden Länge ausgedehnt werden kann, ist im Nationaltheater Reinickendorf zu sehen.

Um jenen gerade kreierten, nur temporär existierenden Ort zu erreichen, durchquert man über gefühlte Kilometer ein imposantes Lagerareal und erreicht nach zwei Knicks den mit viel Aufwand hergerichteten Vorhof, zwischen Stapeln aus Presspappe und einer Tütenherstellerfirma.

Kein Pressematerial, kein Programmzettel: Spontan soll der Eindruck sein. Eingelassen wird man zunächst ins Fort Bravo, eine Art engen Burghof, in dem eine Konstruktion aus Zahnrädern lärmt, eine Kotmaschine noch außer Betrieb ist. Mit verzerrter Tiefstimme grüßt von einem Steg herunter ein Mann. Gut eine Stunde lang enden Sätze nicht, verheddert er sich, weiß auch nicht, macht er Angaben ohne Gewähr, spritzt das Zusehvolk mit entkorktem Sekt nass und gibt Anweisungen: wie einer Tombolatrommel Tennisbälle mit Sitznummern zu entnehmen seien.

Im Monitor flackern Szenen einer Opernaufführung im neuen Haus. Wie eine erst unsichtbare Stimme die Menge kontrolliert und dirigiert, wirkt kafkaesk, bis sich der Palavereffekt verbraucht und ermüdet. Der Spieler scheint das zu merken und lädt zur nächsten Station ein.

Zuvor aber bohrt und hämmert er sich selbst den Eingang frei. Neben einem gemalten Hinweis aufs »King Kong Level« ersteigt man die Tür zu einem hinreißenden Theaterraum, grellfarbig wie ein hypertrophierter Wintergarten, vorbei an Plakaten zu Wham, Rambo, Aliens, Werner Herzog - alle als Karikaturen ihrer selbst. In Nischen zu beiden Saalseiten sitzen reglose Gestalten, ein regenbogenfarben gezackter Vorhang verdeckt die Szene, jeder sucht unterm Zahnradgetöse und einem runden Plafondsornament den ersteigerten Sitzplatz. Das dauert.

»Ich bin wie gelähmt«, klagt in Dauerschleife und mit stockender Stimme jemand aus einer der Nischen; in der verglasten nebenan putzt ein Greis ständig die Scheibe. Auf einer herabfahrenden Leinwand beginnt »Die Panini-Kathedrale«, ein Film zur Plattenaufnahme »Tosca« mit der Callas. Er spielt in einem engen Kabinett, gepflastert mit Karikaturen von Fußballern: España 82 und eine Maradona-Figur weisen die Bedeutung des Spiels aus. Alle Akteure, bis auf die überschminkte Tosca, tragen groteske Vollmasken, mit Knollennase, Bleichgesicht, Haarbüscheln aus den Ohren. Ein gezeichneter Engel ejakuliert aus einem Doppelpenis. Alle sind sie Zerrbilder, unter denen man Hedda vergeblich sucht, will man nicht gewaltsam eine Parallele zu Tosca und Cavaradossi herstellen.

Ein Reporter mit nimmer heilender Beinwunde berichtet von der großen Operngala, kämpft sich, verfolgt von der Wackelkamera, durchs Theaterlabyrinth zwischen gemaltem Wagner, Eastwood und Schwarzenegger, dem Volksbühnen-Rad, sinnreich einer Folkbühne bis zum großen Maradona in römischer Rednerpose vor, für Gott und Gebete. Beim Opernchorus erblickt man die Fußballelf. »Ich tauge auch nichts«, singt da eine der menschlichen Puppen. Dann wechselt der Film zu einer Besprechung beim Direktor mit einer Liebe zu allem Grünen, auch bei Geldscheinen. Freilich läuft auch dies auf nichts hinaus als auf absurdes Theater in nobel gedrechselter Rede. Um die zu verschiebende Premiere sowie Madonnas Hit »True Blue« geht es noch, um eine Schreibmaschine für den mit dem Joy-Division-Shirt, damit er der Mutter über Gott und Glauben berichten kann.

Nach drei Stunden dieses grotesken Schockspektakels öffnet sich der Vorhang zu einem bezaubernden Bild barocken Theaters. Vor einer zum Sonnenrad vergrößerten Gloriole thront predigend Jesus, um ihn herum Schäfchenwölkchen, von denen einige sogar wandern.

Nächste Vorstellungen: 13. und 15. Juli, Eichborndamm 165/67, Reinickendorf

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!