Utopieforscher ohne Utopie

Alex Amberger und Kollegen haben sich auf die Spur von Thomas Morus und dessen Eleven begeben

  • Von Hermann Klenner
  • Lesedauer: 5 Min.

Gewidmet ist der hier vorzustellende Band dem im Gefolge der Wende zum Universitätsprofessor nach Halle an der Saale berufenen und dort bis zu seiner Emeritierung lehrenden Richard Saage. Der einstmalige Schüler der sozialdemokratisch verorteten Gelehrten Iring Fetscher und Helga Grebing hatte sich anfangs mit einer ganzen Reihe einschlägiger Beiträge an der von früheren DDR-Wissenschaftlern herausgegebenen, sozialistische Alternativen diskutierenden Zeitschrift »Utopie kreativ« beteiligt; auch in der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften hatte er sich wählen lassen, zog es freilich vor, nach wenigen Jahren aus ihr wieder auszutreten. Jedenfalls ist er, der stets betonte, kein Utopist zu sein, der produktivste Utopieforscher in Deutschlands Gegenwart. Sein Publikationsverzeichnis – und das ist nun einmal die Visitenkarte eines Wissenschaftlers – weist einen bewundernswerten Umfang wie Inhalt auf.

Und nun wird er anlässlich seines 75. Geburtstages mit einem ihm angemessenen Utopie-Band geehrt. Und diese also gerechtfertigte Ehrung erfolgt, wie es der Zufall so will, exakt 500 Jahre, nachdem Thomas Morus mit seinem Büchlein über den auf der Insel Utopia angeblich verwirklichten, jedenfalls besten Staatszustand einer ganzen Literatur-Gattung zu einem Namen verhalf. Die zwei Dutzend Autoren der Anthologie bieten aus den jeweiligen Originalquellen erarbeitete und die einschlägige Sekundärliteratur verarbeitende Erkenntnisse. Mit ihren Forschungsergebnissen erweitern, vertiefen und verallgemeinern sie den bisherigen Wissensstand. Sie korrigieren Irrtümer, eröffnen neue Sichtweisen auf Altbekanntes, und keiner bildet sich selbst ein oder belehrt uns darüber, dass wir in der bestmöglichen Welt von morgen bereits heute leben.

Um den Reichtum der erörterten Probleme wenigstens anzudeuten: Die seit langem und neuerdings wieder fragwürdig gemachte Urheberschaft des Begriffs und selbst des Namens »Utopia« dürfte nunmehr endgültig geklärt sein, denn es war eben doch nicht Erasmus, sondern Morus, dem wir Werk und Wort verdanken. Weiterhin werden Einblicke in das utopische Gedankengut von Konfuzius, von Campanella, von Gustav Landauer, aber auch von Voltaire anhand seines ausgerechnet einen Leibniz ironisierenden Reiseromans, sowie vom Hegel-Freund und Marx-Lehrer Eduard Gans geboten. Es wird über den weithin unbekannten Johann Adolf Dori berichtet, der bereits um 1800 die Utopie des unbedingten Grundeinkommens – Katja Kipping, hör die Signale – als Gebot der praktischen Vernunft entwickelte. In Gestalt von Utopias Speisehäusern wird die bisher im Verhältnis zur Sozialisierung der Produktion weniger beachtete Vergesellschaftung der Reproduktion erörtert. Unter »mönchischer Strenge und ketzerischer Subversion« wird ernsthaft und mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis versehen das ebenso wie des Morus »Utopia« fünfhundert Jahre alte Bayerische Reinheitsgebot des angeblichen Getränks der Arbeiterklasse, des Biers also, beleuchtet - a Gaudi muss sein.

Besondere Beachtung verdient die sich mit der »Veralltäglichung« der Utopie in Gestalt eines kommunalen Experiments im Roten Wien von 1927 beschäftigende Abhandlung, zumal der damals in der Arbeiter-Zeitung veröffentlichte Aufruf auch von Alfred Adler, Siegmund Freud, Hans Kelsen, Alma Mahler, Robert Musil, Anton Webern und Franz Werfel unterzeichnet worden war. Gleiches gilt, wenn auch aus anderen Gründen, für den Einfluss von Ernst Blochs utopischem wollen auf die untauglichen Versuche mit untauglichen Mitteln linker DDR-Oppositioneller.

Überraschendes Material findet sich in Essays, die sich anhand des Reiseberichts eines Afrikaners in das wilhelminische Deutschland mit der sogenannte, gegenwärtig in Mode gekommenen Cross-Kulturalität beschäftigen, auch mit ökologischer Utopie samt »Gender-Politics«, mit dem Verhältnis von Universalität und Diversität, mit dem Stellenwert der Utopie im zeitgenössischen, Richard Wagners »Die Kunst und die Revolution« von 1849 fortsetzenden Musiktheater bis hin zur Utopie einer totalen Vernetzung in einem Arbeit und Freizeit lokal vereinigenden Firmencampus.

Auch Gegenstücke von Utopien (sogenannte Dystopien) werden erörtert, die Fortschrittskritik Mereschkowskijs sowie der Untergang des weißen und christlichen Abendlandes durch »multikulturelle Einebnung der Werte«, Wasser auf die Mühlen der Neuen Rechten also. Wie alle politischen Konzeptionen haben auch Sozial-Utopien eine analytische und eine normative Ebene: Indem sich ihre Autoren bessere als die gegenwärtigen Gesellschaftsverhältnisse (oder gar die allerbesten) ausdenken, kritisieren sie die in ihrer Gegenwart erlebbaren Zustände; sie orientieren damit auf ein künftig ganz anderes Zusammenleben der Menschen. Für dauerhafte Furore hatte seinerzeit Thomas Morus mit seiner besonders von Weiltling und Kautsky in der Arbeiterbewegung bekanntgemachten Behauptung gesorgt, dass es dort, wo im Gegensatz zur besten aller Welten das Eigentum privatisiert ist, keine Gerechtigkeit geben könne, denn da ginge es des Bösewichtern immer am besten. Man möchte die heutigen erzählungs-geschmückten Transformationstheoretiker gern daran erinnern, das uns der englische Renaissance-Humanist Morus eine unerledigte Utopie hinterlasse und – wie zuvor schon Apostelgeschichte IV/32 mit ihrem urchristlichen Gemeineigentum – die Beseitigung des Privateigentums zumindest argumentierbar gemacht hat.

Was bei aller Vielfalt der erörterten Gesichtspunkte und des beigebrachten Materials bedenklich stimmt: in ihrer Gesamtheit lassen die Autoren des hier bekannt zu machenden Bandes jedoch kaum, wenig oder gar nicht erkennen, welche Bedeutung die Utopien von ehemals für die heutigen Zustände im Zusammenleben der Menschen haben oder wenigstens haben könnten. Das Missverhältnis zwischen dem, was im Hier und Heute tatsächlich ist, und dem, was im Hier und Heute wenigstens möglich wäre, aufzudecken, ist nun einmal für Wissenschaftler unverzichtbar, und Utopieforscher bilden da keine Ausnahme. Es hätte sich auch zu fragen gelohnt, ob Lenins Behauptung, man könne bei Marx auch nicht die geringste Spur von Utopismus finden, berechtigt ist.

In ihrem unter persönlich erschwerten Bedingungen, jedoch sympathisch-grantig geschriebenen »Versuch einer Umorientierung« diagnostiziert Helga Grebing, bedeutende Historikerin der Arbeiterbewegung und des Sozialismus in Deutschland: »Die deutsche Arbeiterbewegung braucht keine Utopien!« Das trifft nach des Rezenten unmaßgeblicher Meinung jedenfalls auf die heutzutage häufigste Utopie zu, die uns einzureden versucht, dass der gegenwärtige Weltkapitalismus humanisiert werden kann, ohne seine Existenz zu gefährden. Was gebraucht wird, so Grebing mit Oskar Negt, ist ein begründeter, durch wissenschaftliche Analysen abgesicherter Gesellschaftsentwurf, in dem es dann auch legitim ist, vergessene oder als utopisch abgelegte Traditionsströme des Sozialismus in Europa lebendig werden zu lassen.

Alexander Amberger/ Thomas Möbius (Hg.): Auf Utopias Spuren: Utopie und Utopieforschung. Springer. 430 S., br., 69,99 €.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung