Von Moritz Wichmann

G20: Sondereinsatzkommando zielte auf Sanitäter

Ehrenamtliche medizinische Helfer nach Polizeieinsatz in Hamburg traumatisiert

Klar gekennzeichnet und erkennbar: Demo-Sanitäter versorgen einen verletzten Demonstranten.
Klar gekennzeichnet und erkennbar: Demo-Sanitäter versorgen einen verletzten Demonstranten.

»Das Spiel ist jetzt vorbei«, rufen die Mitglieder des Sondereinsatzkommandos, als sie ihre Maschinenpistolen auf die Sanitäter richten. Sie halten die grünen Laserzielhilfen auf die Oberkörper von mehreren Menschen, die im Treppenhaus vor ihnen kauern. Sie sind durch ihre Leibchen klar als Sanitäter erkennbar, stehen nun aber mit erhobenen Händen da und müssen sich kurz darauf durchsuchen lassen. Daneben: Ein schwer verletzter Demonstrant, mit laufender Infusion. Diese Szene wird in einer Mitteilung der Gruppe »Riot Medics Berlin« beschrieben.

Die Gruppe von ehrenamtlichen Sanitätern leistet auf Demonstrationen Erstversorgung für Demonstranten, etwa in Situationen, wo offizielle Rettungskräfte nicht helfen können. Eine solche Situation ist die Nacht vom 7. auf den 8. Juli im Hamburger Schanzenviertel. Draußen brennen Barrikaden, es gibt heftige Auseinandersetzungen zwischen Vermummten, Schaulustigen und der Polizei. Weil auch die Polizei für drei Stunden nicht in den Straßen rund um das Schulterblatt präsent ist, können die Rettungskräfte der Hamburger Feuerwehr hier nicht helfen.

Die Riot Medics dagegen schon, doch auch für sie wird die Situation gefährlich, wie sie schreiben. Zusammen mit den Sanitätern der »Left Demo Medics« haben sie sich in einen Hausflur auf dem Schulterblatt zurückgezogen. Die Bewohner des Hauses sollen ihnen die Tür geöffnet haben, Verletzte aus der unmittelbaren Gefahrenzone seien hineingebracht worden – insgesamt 18 Personen, eine Ärztin, mehrere Sanitäter und Patienten befanden sich nach den Angaben um kurz nach Mitternacht im Hausflur. Eine Person sei so schwer verletzt gewesen, dass sie nur liegend ins Krankenhaus habe transportiert werden können. Doch kein Krankenwagen konnte zu dieser Zeit das Schulterblatt anfahren. Die Gruppe habe sich entschlossen zu warten. Währenddessen stürmte die Polizei das Viertel und beendete die Krawalle.

Als die drei Sanitäter das Haus verließen, trafen sie auf ein Spezialeinsatzkommando. Sie wiesen auf die Verletzten und Sanitäter im Hausflur hin, heißt es. Daraufhin stürmten die Einsatzkräfte das Haus. Mit den Worten »Augen nach links oder es knallt« sei einem Sanitäter eine Waffe in den Rücken gedrückt worden. Langsam und mit erhobenen Händen seien Sanitäter und Verletzte aus dem Haus getreten, wo sie abgetastet wurden. Der in Rettungsdecken gewickelte Schwerverletzte wurde demnach auf Anweisung der Spezialkräfte vor das Haus getragen. Eine halbe Stunde später seien die Sanitäter aus dem Viertel geleitet worden. Der Schwerverletzte wurde zu einem Rettungswagen außerhalb der Polizeiabsperrungen getragen, dort übernahmen die professionellen Rettungskräfte.

Die melden nach dem G20-Gipfel 478 Einsätze mit G20-Bezug. 305 Mal sei dabei der Rettungsdienst ausgerückt, schreibt die Hamburger Polizei auf Twitter. Nach Recherchen der Tagesschau haben umliegende Krankenhäuser 189 verletzte Demonstranten versorgt. Sie wurden mit Knochenbrüchen an Armen und Rippen, Kopfplatzwunden, Schnittwunden oder Prellungen in die Notaufnahmen gebracht, 90 Prozent konnten ambulant behandelt werden.

Bereits im Umfeld der »Welcome to Hell«-Demonstration hätten die ehrenamtlichen Sanitäter ein »hohes Maß an Gewalt und Brutalität« gesehen, schreiben die Riot Medics. Doch nach der Begegnung mit den Maschinenpistolen des Spezialkommandos hätten mehrere der medizinischen Helfer unter Schock gestanden. Mindestens drei Sanitäter haben demnach psychologische Nothilfe in Anspruch genommen. Andere Sanitäter zogen sich aus Erschöpfung zurück.

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken