Zwischen Kosmopolitismus und Völkerkundemuseum

Aras Örens Lesebuch »Wir neuen Europäer« ist eine Zeitreise in die jüngere Vergangenheit der Bundesrepublik

  • Von Regina Stötzel
  • Lesedauer: 4 Min.
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Der junge Mann mit dem Schnurrbart fällt immer auf im Café, egal was er macht. »Er fragte sich nicht einmal, was eigentlich Besonderes an ihm war. Warum sollte er auch? Wenn sie ihn anstarren wollten, dann sollten sie es eben tun ...« In seinen Gedanken geht er zum Gegenangriff über, stellt sich vor, alle Frauen dort begehrten ihn und er könne sich eine auswählen. Tatsächlich hat er überhaupt keine Wahl und bewegt sich wie Falschgeld in dieser Umgebung. »Şerefe« ruft er allen zu, ein »Prost« auf Türkisch. »Das Lachen, das inzwischen verstummt war, setzte erneut ein, und auch die Köpfe drehten sich wieder dem Mann mit dem Schnurrbart zu. Der ließ es dabei bewenden, ihnen noch einmal ›Şerefe‹ zuzurufen, und schlürfte ein wenig von seinem Kaffee; als er unter all den neugierigen und erwartungsvollen Blicken die Kaffeetasse auf den Tisch zurückstellte, verschüttete er den Rest des Inhalts.«

Er ist der Mittelpunkt von Lachen und Blicken, von Spott und Neugierde, bewegt sich gezwungen ungeniert, als er versucht, die Tischdecke wieder in Ordnung zu bringen. Manche Blicke sind verächtlich, andere durchaus offen, aber auf ihre Weise ebenso unbeholfen, jedes Lachen zu laut. Aras Örens Geschichte »Das Café« ist eine beklemmende Zeitreise in die jüngere Vergangenheit der Bundesrepublik. Eine Gaststube mitten in Westdeutschland wirkt plötzlich wie ein menschliches Freigehege, in dem das Objekt der Betrachtung zwar herumlaufen, aber nicht aus der Rolle heraus kann, die ihm zugeschrieben wird.

Es ist die Zeit, als noch keine »Integrationsverweigerer« ausgemacht wurden, aber auch nicht das Gegenteil davon. Es ist die Zeit der Arbeiter und Arbeiterinnen, denen unpassenderweise die Vorsilbe »Gast-« angehängt wurde, denn weder behandelte man sie wie Gäste, noch verhielten sie sich so. Sie machten lauter Sachen, die nicht vorgesehen waren: Sie lebten hier. Manche starben hier. Sie entwickelten Ansprüche und forderten ihre Rechte ein. Und manch einer machte sich sogar über deutsche Beamte lustig.

Auch die Zuwanderer hatten sich vermutlich einiges anders vorgestellt oder zumindest nicht geahnt, wie es sein würde, dauerhaft in der Fremde. Viele von ihnen würden sich auf Deutsch nie so ausdrücken können wie in ihrer Muttersprache: »Wenn ich doch nur ein paar Wörter hätte, so wie dieser Student«, denkt Ali, alles andere als ein Sympathieträger, in der verstörenden Geschichte »Bitte Nix Polizei«. Andere, die mit ihrer Familie gekommen sind oder hier eine gründen, erleben, dass die eigenen Kinder schon nach wenigen Jahren - die den größten und bis dahin wichtigsten Teil ihres Lebens ausmachen - so etwas sagen wie die fiktive Tochter Emine in »Die Fremde ist auch ein Haus«: »Die Fremde meines Vaters ist meine Heimat geworden. / Meine Heimat ist die Fremde meines Vaters.« Sie sei ein bisschen stolz darauf, von sich sagen zu können: »Das Jahrhundert, in dem ich lebe, hat mich so gemacht: geboren 1963 in Kayseri, Wohnort: Berlin-Kreuzberg.«

»Wir neuen Europäer« lautet der Titel des Lesebuchs mit Geschichten, Gedichten und politischen Texten von Aras Ören, die meisten aus den 70er und 80er Jahren, das im Berliner Verbrecher Verlag erschienen ist. Der Autor, der seit 1969 in Deutschland lebt, habe als einer der ersten in seiner Literatur anschaulich gemacht, »wie das Stigma des Anderssein durch subtilen oder offenen Hass und ausgrenzende Blicke in die Haut der Fremden geritzt wird«, schreibt Friederike Fahrenhorst im Nachwort. Aber eben nicht nur das: »Örens liebevoll-sezierender Blick fällt auch auf die Fremden selbst, ihr verquastes, unaufgeklärtes Verhältnis zu Sexualität und Liebe, Körperlichkeit und Hygiene, ihr manchmal autoritärer, gebieterischer Umgang mit Familienmitgliedern, ihre Art, sich zu kleiden und ihrer Kinder zu erziehen, oft einer aufgeklärten Welt nicht gemäß.«

Ören weiß zu würdigen, was der Schritt ins Ausland für jeden Menschen bedeutet. Er spricht von Freude und Hoffnung, die mit der Migration verbunden sind, »gefolgt vom Prozess der Metamorphose, der stets Elemente der Tragikomödie aufweist. Diese Metamorphose kommt nicht ohne Trotzreaktionen und Widerstände aus - bis endlich ein veränderter, neuer Mensch gereift ist - bestenfalls ein Citoyen.«

Dass der beste Fall nicht immer eingetreten ist, hat auch damit zu tun, dass große Teile der Gesellschaft in Deutschland selbst nicht europäischer werden wollten und manche bis heute nicht wahrhaben wollen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Ören schreibt: »Anstatt eine kosmopolitische Großstadtkultur zu schaffen, neigte man dazu, mit vielen Kulturen ein Völkerkundemuseum einzurichten.« Mit den bekannten Nachteilen: »Aber wie wir wissen, können Museen manchmal realitätsferne und weltfremde Nischen sein, die, wenn man sie verläßt, zu Orientierungsschwierigkeiten führen.«

Aras Ören: Wir neuen Europäer. Ein Lesebuch. Mit Illustr. von Wolfgang Neumann. Hrsg. von Friederike Fahrenhorst. Verbrecher, 214 S., br., 16 €.

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