Von Andreas Fritsche

Familiäre Verhältnisse in der CDU

Ingo Senftleben begrüßt die Ehe für alle und wird als Landesvorsitzender bestätigt

Ingo Senftleben beim Parteitag mit seinem Vater Diethard und seiner Mutter Hannelore
Ingo Senftleben beim Parteitag mit seinem Vater Diethard und seiner Mutter Hannelore

Seit zwei Jahren ist Info Senftleben in Brandenburg CDU-Landesvorsitzender. Zunächst zwei weitere Jahre sollen es werden. Am Sonnabend wurde der 42-Jährige bei einem Landesparteitag im Airporthotel »Holiday Inn« in Schönefeld mit 172 Stimmen im Amt bestätigt. Es gab 23 Nein-Stimmen und zwei Enthaltungen. Einen Mitbewerber hatte der Vorsitzende nicht.

Ende April 2015, auch damals im »Holiday Inn«, hatte Senftleben in einer Kampfabstimmung mit 163 zu 29 Stimmen den ehemaligen Landtagsabgeordneten Wieland Niekisch geschlagen. So wie seinerzeit und wie er es überhaupt auf Parteitagen gern macht, präsentierte sich Senftleben am Sonnabend wieder als glücklicher Familienmensch. 2015 hatte er in seiner Bewerbungsrede von Wanderungen mit der Frau und den drei Töchtern auf den Kutschenberg bei Ortrand berichtet.

Diesmal schwärmte er, wie er 1997, kurz nach Abschluss seiner Maurerlehre, gemeinsam mit seinem Vater in einer Baufirma eine Brücke an der Autobahn 13 gebaut habe. Er und sein Vater seien Vorarbeiter gewesen, erzählte Senftleben. Jeder leitete eins der Teams, die von beiden Seiten loslegten. Am Ende habe man sich pünktlich und passgenau in der Mitte getroffen. »Du warst und bist mein bester Lehrmeister«, dankte Senftleben seinem anwesenden Vater. Er dankte später auch seiner Frau, die nach der Geburt der beiden Kleinen fast drei Jahre mit den inzwischen vier und fünf Jahre alten Kindern zu Hause geblieben war. »Während ich unterwegs war«, wie Ingo Senftleben durchaus selbstkritisch anmerkte.

Die Anekdote vom präzisen Brückenbau nutzte der CDU-Politiker, um auf den »Pfusch am Bau« am geplanten neuen Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld überzuleiten. Die SPD trage dafür die Hauptverantwortung. Berlins Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und Michael Müller sowie Brandenburgs Ministerpräsidenten Matthias Platzeck und Dietmar Woidke (alle SPD) »haben sich Hausverbot am Flughafen verdient«, rief Senftleben. Ein paar Stichworte durften nicht fehlen: Natürlich lehnt Senftleben die von der rot-roten Koalition beabsichtigte Kreisgebietsreform ab. Selbstverständlich wünscht er sich ein hartes Vorgehen gegen Extremisten jeder Art. Dies insbesondere nach den Krawallen beim G 20-Gipfel in Hamburg und nachdem infolge von Drohungen der linken Szene eine Diskussionsrunde im Potsdamer Bildungsministerium abgesagt wurde. Zu dieser Runde war auch der Landeschef der AfD-Nachwuchsorganisation Junge Alternative eingeladen.

Doch mit den üblichen Elementen einer Politikerrede hielt sich Senftleben nicht lange auf. Er erzählte stattdessen immer wieder hübsche Geschichten aus dem Alltag, vom Dorfbäcker, dessen Frau mit den Kunden ein Schwätzchen hält, weil dies einfach dazugehöre, und vom Jungen aus Fredersdorf, der eine von Solarenergie betriebene Drohne bastelte, die mehr als sieben Stunden lang fliegen könne, länger als alle Drohnen, die es derzeit zu kaufen gebe.

Solche jungen Erfinder sollten finanziell unterstützt werden, findet Senftleben. Jungen Müttern will er einen Bildungsgutschein gönnen, damit sie sich nach dem Erziehungsurlaub qualifizieren und wieder ins Berufsleben einsteigen können. Außerdem sollten Handwerkern die Kosten für den Meisterbrief, immerhin 5000 bis 20 000 Euro, zurückerhalten, weil bei Familien das Geld knapp sei, wenn sie ein Haus bauten und ein Auto kauften.

Die Gesellschaft sollte nicht urteilen, sondern alle Familien unterstützen, auch wenn Mann und Mann oder Frau und Frau miteinander leben, sagte Senftleben und legte damit ein Bekenntnis zur Ehe für alle ab.

Anders als Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die bei ihren politischen Entscheidungen stets von jeweiligen Nützlichkeitserwägungen getrieben scheint, wirkt Senftleben fest in seinen Überzeugungen. Er lebt privat ziemlich traditionell und wertkonservativ, zeigt aber ehrliches Verständnis für andere Lebensentwürfe. Die Delegierten applaudierten ihm.

Der Beifall an dieser Stelle korrigierte das Bild, das mit seinen geistlichen Worten zur Einstimmung auf den Parteitag der katholische Pfarrer Udo Jäckel abgegeben hatte. Jäckel hatte über die »unglaubliche Gemeinheit« gezetert, die US-Präsident Donald Trump erleben müsse. »Wir sollten als Union dagegen halten«, forderte der Pfarrer. Er schimpfte auch giftig über die »gouvernantenhafte« Art der Medien, mit den »polnischen Nachbarn« umzugehen - und meinte offensichtlich die berechtigte Kritik an der rechtskonservativen Regierung in Warschau.

Mit Blick auf die Bundestagswahl am 24. September schwärmte CDU-Generalsekretär Steeven Bretz: »Angela Merkel ist die größte Trumpfkarte, die CDU und CSU haben.« Bretz sicherte der Kanzlerin »volle Unterstützung« zu. Der Landesverband hat insgesamt auch in schwierigen Zeiten treu zu Merkel gehalten. Er wird dafür bei der Bundestagswahl am 24. September wohl wieder belohnt werden. Laut der jüngsten Umfrage zur Bundestagswahl profitierte die brandenburgische CDU vom Kanzlerinnenbonus, der nach einer schweren Delle nun wieder messbar ist. Die CDU lag mit 35 Prozent klar vorn, während sie im Falle einer Landtagswahl nicht an der SPD vorbeizukommen vermag.

Eingeleitet wurde der Parteitag mit einem Gedenken an verstorbene CDU-Mitglieder, deren Namen auf einer Leinwand eingeblendet wurden, während eine Kontrabassistin getragene Musik spielte. Zu lesen war auch der Name von Hans-Günter Görke, Vater des Finanzministers Christian Görke (LINKE). Kommentar Seite 11

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken