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Kürzlich waren wir auf einer Kunstausstellung in Marzahn, dort lief eine Videoinstallation. Ein Fischer auf einem Boot holt in irgendeinem Außenbezirk von Schanghai seine Netze ein. Wahrscheinlich ist es ein wunderschöner Sommertag, wir wissen es nicht, denn vom Himmel sieht man: nichts. Grau ist die Brühe, in der er da fischt, grau sind die Bäume, und grau ist das Firmament. 500 000 Shades of Tristesse. So stellt man sich China doch vor: jeden Tag Smogalarm. Das Videoprojekt besteht aus mehreren Ausschnitten, die alle in oder am Rande von Schanghai gedreht wurden und überall sieht es gleich maus- oder aschgrau aus.

Zwischen den Besuchern entsteht, wie das so üblich ist, wenn einer anfängt, was Offensichtliches zu sagen, eine zaghafte Debatte. Leise zwar, denn das gebietet die künstlerische Ernsthaftigkeit, aber allen fällt auf, wie unfassbar grau es in China ist.

Wir in Berlin haben da Glück. Bei den Sonnentagen pro Jahr landeten wir 2016 auf Platz zwei (!). Wer da überhaupt noch Grund zum Meckern findet, ist eine echte Nebelkrähe und sollte sich dahin verziehen, wo er oder sie hingehört, nach Ruhpolding oder Bremervörde, da ist es am dunkelsten in Deutschland, meteorologisch gesehen. Auf Platz eins bei den Sonnentagen landete ausgerechnet Brandenburg, die ewigen Im-Schatten-Steher. Das märkische Sonnenpotenzial hat sich mittlerweile rumgesprochen, und pfiffige Geschäftsleute machen es sich zu eigen und bieten an, die Wäsche der Berliner für 15 Euro an die Stadtgrenze zu karren, um sie zu waschen, dort an der Gosener Edelluft zu trocknen und anschließend zu bügeln und wieder zurückzubringen.

Eigentlich hatte sich mein Eindruck verfestigt, jede Abartigkeit, die der Spätkapitalismus zu bieten hat, wurde in Prenzlauer Berg schon zehn Mal durchgenudelt. Nach Bier-Yoga, Eis aus indischem Mango-Chutney an Trüffelbiscuit und upgecyclelten Brillen für 500 Euro ist das jetzt aber das neue große Ding für den Großstadtminotauros, oben pestizidfreie Kartoffel, unten Fixifahrer. »Open-Air-Bio-Wäscherei« nennt sich das Geschäftsmodell und in der Angebotsbeschreibung darf das Wort »bio« nun wirklich nicht oft genug vorkommen, sonst fühlt sich am Ende keiner angesprochen. Laut Eigenaussage kommen die meisten Stammkunden tatsächlich aus Prenzlauer Berg und dem nördlichen Friedrichshain. Das Biowaschmittel darf der Kunde frei wählen, bei Regen trocknet der Burberry-Schal dann unter einer selbst gebauten Überdachung aus (natürlich) unbehandeltem Holz.

Am Anfang glaubte ich an Satire aufgrund solcher Sätze aus der »Über uns«-Kategorie auf der Internetseite: »Alles begann damit, dass die Kinder beim Indianerspielen den Wäscheständer umgerissen haben und unser damals drei Monate alter Welpe die Bettwäsche durch die Wohnung schleppte.« Aber das »kleine Familienunternehmen« meint es ernst, zeigt Fotos vom Bügeln in einer Gosener Fabriketage. Hoffentlich fahren sie die Wäsche auch mit dem Hollandrad nach Gosen und zurück. Der Kunde goutiert heute nur noch Authentisches.

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