Von Samuela Nickel

Wohin geht man, wenn man angekommen ist

Ein Kaleidoskop der Flucht, des Willkommens und des Weitermachens: Initiativen haben sich zum zweiten WelcomeCamp in Berlin getroffen

Wohin geht man, wenn man angekommen ist

Im Raum verteilt unterhalten sich die Besucher des WelcomeCamps rege. Die meisten sind jung und wirken zuversichtlich. Manche der ungefähr 100 Teilnehmer kennen sich schon und begrüßen sich erfreut, andere tauschen sich bei Kaffee und Frühstück zum ersten Mal aus. Man spricht auf Deutsch und auf Englisch – die Stimmung wirkt entspannt. Zugleich ist aber auch die Ernsthaftigkeit der Situation, die viele heute hierher gebracht hat, zu spüren. Gesichter blicken zwischendurch sorgenvoll, während sie von ihren Erfahrungen berichten.

Das WelcomeCamp hat an diesem Samstag zum zweiten Mal am Franz-Mehring-Platz 1 stattgefunden und Ehrenamtliche von über 50 Initiativen in Berlin zusammengebracht. Mit dabei sind nicht nur Menschen, die sich künftig engagieren wollen und dafür Initiativen suchen, sondern auch Organisationen, die schon Projekte planen und mit anderen Vereinen und Geflüchteten direkt Absprachen treffen wollen, wie sie ihre Angebote am besten gestalten können. Andere wiederum suchen Mitstreiter und wollen sich weiter vernetzen.

Das WelcomeCamp wird in der Form eines Barcamp abgehalten. Diese Veranstaltungsart kommt aus der digitalen Medienbranche. Die einzelnen Gesprächsrunden, sogenannte Sessions, stehen zu Beginn des Tages noch nicht fest. Stattdessen stellen die Teilnehmer in einem Plenum sich und ihre Projekte vor. Viele bringen bereits eigene Ideen, Wünsche und Projekte mit. Zu welchem Thema Workshops abgehalten werden, entscheiden alle zusammen.

Wohin geht man, wenn man angekommen ist

Jede dieser Sitzungen dauert 45 Minuten. Mehrere Sessions finden parallel statt. Jeder Teilnehmer hat dadurch einen anderen Einblick in das WelcomeCamp. Die einzelnen Gesprächsrunden sind ebenso offen konzipiert: Initiativen aus der Flüchtlingshilfe stellen ihre Projekte vor, andere Teilnehmer haken nach und geben konstruktive Kritik.

Nicht für Geflüchtete, sondern mit ihnen

Das Vernetzungstreffen in diesem Jahr hat den Anspruch, weiter zu sehen als das vorige. »Die Lage hat sich medial, politisch und in den Unterkünften teils zum Positiven verändert«, sagt Bastian Koch, einer der Initiatoren des Camps. Dieses Jahr ist der Fokus des WelcomeCamps daher: »Wo stehen wir jetzt?«

»Wir müssen unsere Denkweise ändern«, sagt Mozamel Aman. Er arbeitet für »Devugees«, einem der Partner des WelcomeCamps. Devugees ist Teil des Digital Career Institutes und bietet Menschen Weiterbildungen beispielsweise im Programmieren an und vermittelt Jobs in der Digitalbranche. Angebote oder Projekte sollten nicht für geflüchtete Menschen gemacht werden, sondern mit ihnen, sodass Projekte entstehen, die auch gebraucht werden und gewollt sind, findet Aman. Geflüchtete Menschen sollten nicht bevormundet oder in einer Opferposition gehalten werden.

Er selbst arbeitet seit drei Jahren in der digitalen Szene und hat bereits Apps erarbeitet, die beispielsweise Deutschkurse vermitteln. »Das war gut für eine bestimmte Zeit«, sagt er. »Aber dann haben sich die Bedürfnisse geändert.« Viele Geflüchtete brauchen nun Arbeit, wollen an die Universität oder eine Ausbildung machen. Die vielen Initiativen in der Flüchtlingshilfe müssen nun auch auf diese neuen Bedürfnisse reagieren.

Die Frage, wie Geflüchtete in die Projekte mit eingebunden werden können, stellen sich viele Initiativen. Es geht darum, die Menschen zu erreichen, die man am schwierigsten erreichen kann, sei es aufgrund der unterschiedlichen Sprachkenntnisse oder auch der örtlichen Abgrenzung.

Sichtbar machen und eine Stimme geben

»Eed Be Eed« (»Hand in Hand«) ist ein journalistisches Projekt, das Menschen über ihre Muttersprache erreichen will. Und ihnen vor allem eine lautere Stimme geben will. Es ist eine arabischsprachige Onlinezeitung, die Neuankommenden als »vertrauensvolle Plattform für Nachrichten« dient. Bis Oktober soll sie auch gedruckt in Deutsch und Arabisch in vielen Unterkünften ausliegen.

Der Syrer Ahmad Denno hat die Zeitung aus eigenen Erfahrungen heraus gegründet. Viele Geflüchtete haben kaum Zugang zu lokalen Nachrichten, sagt er. Aber auch in eher praktischen Fragen wird bei »Eed Be Eed« infomiert, wie beispielsweise über Änderungen im Asylverfahren.

Entstanden ist die Plattform 2016. Bespielt wird sie von ehrenamtlich arbeitenden Journalisten, Dolmetschern und IT-Spezialisten. »Eed Be Eed« ist somit auch eine Möglichkeit für Journalisten aus arabisch-sprachigen Ländern weiterhin ihrem Beruf nachzugehen. Daher werden auch Weiterbildungen in deutschem Presserecht von der Initiative mit angeboten.

Omid Feroozi aus Afghanistan ist deutlich sichtbar auf dem WelcomeCamp. Begleitet wird er den ganzen Tag von einem Filmteam. Mit ihnen besucht er einzelne Sessions oder führt Interviews mit Teilnehmern. Die Dokumentation, die daraus entsteht, wird auch auf seinem Youtube-Kanal »The Friendies« zu sehen sein. Auf sozialen Medien will Fetoozi Menschen bei ihren alltäglichen Herausforderungen unterstützen und Fragen klären, wie man beispielsweile einen Führerschein in Deutschland bekommt.

Omid Feroozi (zweiter v. r.) und das Filmteam bereiten sich auf die nächste Session vor
Omid Feroozi (zweiter v. r.) und das Filmteam bereiten sich auf die nächste Session vor

Eine der Gesprächsrunden, die er besucht, ist die von Peter Ruhenstroth-Bauer, dem Geschäftsführer der UNO-Flüchtlingshilfe. In einer offenen Runde stellt Ruhenstroth-Bauer die Arbeit seiner Organisation vor: Eine Aufgabe der UNO-Flüchtlingshilfe und des Hochkommisariats der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) ist es Fakten und Zahlen zu der Situation von Geflüchteten weltweit zu geben. Sie informieren nicht nur die Zivilgesellschaft, sondern auch Politiker.

Gleichzeitig dienen sie vielen Initiativen als verlässliche Quelle gegen Hass und Vorurteile, um das Thema der weltweiten Flucht transparent zu machen und die Dimensionen richtig zu stellen. »Die ärmsten Länder der Welt nehmen weiterhin die meisten Geflohenen auf«, sagt Ruhenstroth-Bauer.

Allerdings hat das UNHCR kein eigenes Budget und ist auf Spenden von Regierungen und aus der Zivilgesellschaft angewiesen. Von Initiativen wird in dieser Runde auch die mangelnde Präsenz des UNHCR in den Camps an der EU-Außengrenze in Griechenland und der Türkei bemängelt. Es fehle eine direkte Verbindung zwischen zivilgesellschaftlichen Initiativen und dem großen Player.

Bei der Session kam der Wunsch auf, zusammen mit der UNO-Flüchtlingshilfe eine Plattform für alle Initiativen der Flüchtlingshilfe in Deutschland zu schaffen, um auch die Probleme und Herausforderungen vieler Geflüchteter in Deutschland sichtbar zu machen. Peter Ruhenstroth-Bauer selbst weist darauf hin, dass die UNO-Flüchtlingshilfe das Thema Flucht präsenter in der Gesellschaft machen will und bereits Projekte in Deutschland finanziert. Bisher fehle aber der bundesweite und internationale Überblick an Initiativen.

»Eine länderübergreifende Vernetzung hat noch nicht stattgefunden«, sagt Dargmar Albrecht von dem Projekt »House of Resources Berlin«, das Organisationen in der Flüchtlingshilfe fördert und unterstützt. Sie hat die »Conaction Conference« organisiert, die im Oktober Ehrenamtliche aus ganz Europa, die in Griechenland und der Türkei tätig sind, in Berlin zusammenbringt. In einer Session stellt sie die Konferenz vor.

»Viele kommen dort bereits an ihre Grenzen und sie sind komplett auf sich allein gestellt. Einen nächsten Winter schaffen sie nicht«, sagt Albrecht. Auf der Konferenz wird besprochen, welche Probleme, mit denen Geflüchtete sich konfrontiert sehen, in den letzten zwei Jahren gelöst worden sind, welche sich verschärft haben und wo sich Hindernisse einfach nur verlagert haben. »Wir waren vor Ort in Griechenland und sind sehr besorgt«, sagt Albrecht. Die Situation für viele Geflüchtete in Griechenland und der Türkei sei noch immer alarmierend.

Omid Feroozi sitzt mit dem Filmteam ebenfalls in der Gesprächsrunde. Für ihn sei es ein wichtiges Thema, denn seine Familie flüchte bald in die Türkei weiter. Zurzeit seien sie noch in Afghanistan, sagt er. »Aber da ist es auch nicht mehr sicher.«

Es bestehen weiterhin akute Notsituationen an den Außengrenzen der Europäischen Union und in Camps in Ländern wie Uganda, Sudsudan oder Jemen. Um auf diese Probleme reagieren zu können und Menschen in Not zu unterstützen, wurde 2016 das erste WelcomeCamp gestartet. Bastian Koch und seine Mitstreiter sammelten zuvor Sach- und Kleiderspenden. »Aber es hat uns nicht gereicht«, sagt er. Die Überlegung war, dass es bereits viele Initiativen gebe und wenn man diese zusammen brächte, alle gemeinsam etwas bewegen können.

»Am schönsten wäre es, wenn es das Camp vom ursprünglichen Sinn, dass sich Initiativen mehr untereinander vernetzen müssen, nicht mehr bräuchte«, sagt Koch. Somit endet der Rundgang durch die Sessions auf dem WelcomeCamp. Es sind viele kleine Gesprächsrunden, aber sie haben große Wirkung.

nd ist Partner des WelcomeCamps 2017

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