Von Haidy Damm

Milchkrise ist noch nicht am Ende

Erzeugerverbände kritisieren: Systematische Veränderungen am Milchmarkt wurden nicht erreicht

Milchkrise ist noch nicht am Ende

Blockaden vor Molkereien, Aktionen in Supermärkten, Demonstrationen in Brüssel - vor einem Jahr machten Europas Milchbauern fast täglich auf die niedrigen Erzeugerpreise für Milch aufmerksam. Zu viel davon war auf dem Markt, nachdem im April 2015 die Milchquote abgesetzt worden war und die europäischen Bauern auf Wachstum setzten. Gebremst wurde das Exportversprechen durch die Russlandsanktionen und die geringere Nachfrage aus Ländern wie China.

Als der Preis bei zum Teil 18 Cent pro Liter angekommen war, setzte sich langsam auch in der Politik die Einsicht durch, dass ein Eingreifen unumgänglich ist. 100 Millionen Euro an kurzfristigen Hilfen versprach Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) den deutschen Milchbauern, die EU belohnte Milchviehhalter finanziell, wenn sie bis Januar 2017 freiwillig die Produktion reduzierten. Gerade letztere Entscheidung trug wesentlich zur Trendwende auf dem überschwemmten Milchmarkt bei.

Seitdem steigen die Preise langsam. Für den Monat Mai meldete die EU-Kommission für Deutschland einen durchschnittlichen Auszahlungspreis für Rohmilch von 33,83 Cent und damit rund 0,34 Cent mehr als im April (33,49 Cent) und 10,75 Cent mehr als im Mai 2016 (23,08 Cent).

Einheitlich zeigt sich der Markt nicht. Während Discounter wie Aldi Höchstpreise für Butter ansetzen, bleiben die Preise für Milchpulver unter Druck. Dahinter steht zweierlei: einmal steigt seit geraumer Zeit die Nachfrage und damit der Preis für Milchfett. Auf der anderen Seite ist noch immer zu viel Magermilchpulver eingelagert. Als die EU-Kommission im Juni den Verkauf von weiteren 100 Tonnen Magermilchpulver aus der öffentlichen Intervention zu einem Preis von 185 Euro pro 100 Kilogramm bewilligte, kritisierte der Milchbauernverband »European Milk Board« diese Verkäufe als »unter Wert«. Ihr Präsident Romuald Schaber nannte den Verkauf »ein verheerendes Signal an die Akteure im Milchmarkt. Die Milchkäufer können so weiterhin auf billiges Pulver spekulieren«. Die Milchpreise, die sich langsam erholten, bekämen damit wieder einen Dämpfer.

Dennoch rechnen Erzeuger mit weiter steigenden Preisen. Nach Ansicht des Vorsitzenden der Deutschen Milcherzeugergemeinschaft »Milch Board«, Peter Guhl, sind bis zu 40 Cent pro Liter möglich. »Die Krisenprogramme der EU und des Bundes haben gegriffen.«

Handlungsbedarf sieht er trotzdem. »Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass wir in zwei Jahren Milchkrise auf der Ebene Erzeuger - Molkereien - Handel keine systematischen Veränderungen in der Vermarktung umsetzen konnten«, teilte er mit. Laut Guhl wird weiter produziert, »ohne die Auswirkungen einer erkennbaren Produktionssteigerung nach Wegfall der Quote zu bedenken«. Zwar hatte Bundesagrarminister Schmidt zweimal zum Milchgipfel nach Berlin geladen, zufrieden sind die Milcherzeuger mit den Ergebnissen nicht. Sie hatten immer wieder die Marktmacht der Molkereien und Supermärkte kritisiert, selbst das Bundeskartellamt stellte wiederholt fest, dass die Milchviehhalter das Markt- und Preisrisiko praktisch alleine tragen.

Auch die agrarpolitische Sprecherin der LINKEN im Bundestag, Kirsten Tackmann kritisierte: »Wer die Marktübermacht der Konzerne im Lebensmitteleinzelhandel und bei den Molkereien nicht begrenzt und dafür sorgt, dass die Erzeugerbetriebe mit ihnen auf Augenhöhe verhandeln können, wird das Problem der viel zu niedrigen Milchpreise nicht lösen.« Die Politikerin forderte, die Milchmenge in Krisenzeiten zu begrenzen und dies mit einem wirksamen Sanktionssystem zu untermauern.

Kostendeckend arbeiten Milchbauern laut dem Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) erst ab 41 Cent pro Liter. Schaber, der auch Vorsitzender des BDM-Verbandes ist, sieht auch deshalb die Milchkrise »noch längst nicht ausgestanden«. Zusätzliche Kredite, die in der Krise aufgenommen wurden, müssten jetzt bedient werden. Und wollten die Milchbetriebe Rücklagen bilden, die nötig wären, um für zukünftige Krisen gewappnet zu sein, bräuchten sie einen Milchpreis von rund 50 Cent. »Davon sind wir meilenweit entfernt«, erklärt Schaber und fordert von der Politik »Weichenstellungen«, damit sich der Markt erholen und die Milchviehhalter davon angemessen profitieren könnten.

Der Verband hatte zur Milchkrise ein Marktkrisenmanagement-Konzepts vorgelegt, das in Teilen von der EU umgesetzt worden war. Dessen »positive Marktwirkung« gelte es zu nutzen und das Konzept »dauerhaft und vollständig zu installieren«.

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