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Die Walz führt nach Gernewitz

Seit dem 1. Juli werkeln Wandergesellen aus dem Bundesgebiet, Österreich und der Schweiz in einem Thüringer Hof

Wer will fleißige Handwerker sehn, der muss auf den Denkmalhof Gernewitz gehn - der leicht abgewandelte Einstieg des altbekannten Kinderliedes beschreibt durchaus treffend das gegenwärtige Treiben in dem historischen Gemäuer in Gernewitz, Ortsteil von Stadtroda in Thüringen. Seit dem 1. Juli werkeln hier Wandergesellen aus dem gesamten Bundesgebiet sowie aus Österreich und der Schweiz anlässlich des 23. Steintreffens.

An mehreren Plätzen im Hof kreischen die Flex-Geräte beim Schneiden der Sandsteinblöcke, anderenorts werden mit Holzknüpfel und Steineisen dekorative Zierschläge und Abbildungen ins Gestein gearbeitet. Und im Hintergrund ist das rhythmische Hämmern des Schmieds zu hören, der hauptsächlich abgenutzte Werkzeuge wieder in Form bringt. In dem vielstimmigen Konzert der Handwerker behalten Johanna (Fremde Freireisende Tischlerin) und Maxilian (Fremder Freiheitsbruder der Steinmetze) den Überblick. Die 31-jährige Pfälzerin und der 24-Jährige aus dem Odenwald haben das gemeinnützige Event, das sich vorrangig an Handwerker aus den Steingewerken richtet, aus fachlicher Sicht auf die Beine gestellt.

Für die Ostthüringer Ortschaft als Austragungsort - das Steintreffen wechselt jährlich den Standort und wird von den Wandergesellen in Eigenregie organisiert - entschieden sich die beiden auf der letztjährigen Denkmalmesse in Leipzig. Dort kamen sie mit Denkmalhof-Chefin Marion Schöbel ins Gespräch. Die Leiterin des gemeinnützigen Fördervereins hatte genau das, wonach die Wandergesellen suchten: eine handwerkliche Herausforderung. »Wir wollten schon seit längerem unseren Innenhof umgestalten, um mehr Platz zu schaffen. So fehlte es uns beispielsweise an Sitzgelegenheiten im Freien. Außerdem nahm der alte Steinofen inmitten des Hofs viel Platz ein«, umreißt Marion Schöbel die wichtigsten Aufgaben, die es zu lösen galt.

Mit zwei Wochen Arbeitszeit rechneten die Organisatoren ursprünglich für die Neugestaltung des Hofes. Doch auf einer Baustelle voller Wandergesellen lässt sich nicht alles exakt planen. Täglich erscheinen hier neue helfende Hände, gleichzeitig setzen andere ihre Wanderung fort. Zu Spitzenzeiten haben rund 20 Gesellen auf dem Hof gemeinsam gewerkelt. Neben Steinmetzen, Steinbildhauern, Ofenbauern und Stuckateuren packen auch Holzbildhauer, Zimmerer, Tischler und ein Schmied in Gernewitz mit an.

Trotz der Gewerkevielfalt konnte der gesteckte Zeitplan nicht eingehalten werden. »Wir müssen noch eine Woche dranhängen«, sagt Johanna. Ein neuer Treppenaufgang in der Hofmitte lässt sich bisher nur erahnen. Deutliche Konturen hat dafür bereits eine als Viertelbogen gestaltete Mauer angenommen, in die später noch Sitzflächen eingebaut werden.

Ebenfalls weit fortgeschritten ist die Gestaltung eines Gargoyles - das ist ein Wasserspeier in der Form eines Drachens. »Ich habe ihm verschiedene typische Merkmale eines Wandergesellen verpasst - wie einen Stenz, eine Weste und einen Zylinder«, sagt Schöpfer Julian Kohl. Komplett abgeschlossen ist hingegen die Umsetzung des Ofens.

»Das ist wirklich ein sehr spannendes Projekt, bei dem wir schon jetzt viel gelernt haben«, sagt Schöbel. »Was die Wandergesellen machen, hat wirklich Hand und Fuß.« Als Gegenleistung für die Arbeit stellt der Förderverein den Wandergesellen Kost und Logis.

Reisende Handwerker sind inzwischen äußerst rar geworden. Auf rund 500 schätzt Johanna die Zahl der bundesweit sich auf der Walz befindenden Gesellen - gewerkeübergreifend wohlgemerkt.

Noch heute halten sich die Gesellen dabei eisern an die seit Jahrhunderten geltenden Wanderschaftsregeln. Losgehen darf nur, wer einen Gesellenbrief besitzt sowie unverheiratet, kinderlos, schuldenfrei und nicht vorbestraft ist. Die Mindestdauer der Walz beträgt drei Jahre und ein Tag. Während der Wanderschaft sollen sich die Gesellen sowohl in ihrem Handwerk als auch in anderen Gewerken weiterbilden.

Wo sie das tun, ist den Junghandwerken selbst überlassen. Abgesehen von der Bannmeile - der 50 Kilometer große Radius rund um den jeweiligen Heimatort - steht den Wandergesellen die ganze Welt offen.

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