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Gang durch die Jahrhunderte

U. R. Ananthamurthy führt mit seinen Erzählungen in eine fremde Welt

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.
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Kannada ist eine der vier großen dravidischen Sprachen und wird im südindischen Bundesstaat Karnataka von 40 Millionen Menschen gesprochen. Was könnte unsereins von ihnen wissen? Dass viele von ihnen in Armut leben, dass sie sich vornehmlich von Reis ernähren - die meisten in Dörfern vermutlich. Man müsste dort gewesen sein. Indes, wer will, kann sich wenigstens in Büchern kundig machen über Hinduismus und Kastensystem. Natürlich sind die Sympathien von unsereins bei den Dalits, den am meisten Benachteiligten, und nicht bei den Brahmanen, der obersten Kaste, den Priestern, die doch vor allem von der Ungerechtigkeit profitieren. Aber der Vater von U. R. Ananthamurthy (1932 - 2014) war seiner Herkunft nach auch ein Brahmane und hat es doch nicht zu Reichtum gebracht. »Ein Autodidakt, der es geschafft hatte, dem Priesteramt zu entgehen, der die vielen Examen privat abgelegt hatte, sich selbst Astronomie, Astrologie und Mathematik beigebracht hatte und sich letztlich, um seinen Lebensunterhalt zu sichern, in die Feinheiten der Gesetzgebung vertiefte.«

An diesen Vater könnte man denken, wenn man die Erzählung »Himmel und Katze« liest. Die letzten Stunden von Jayatirtha Acharya, ein Brahmane auch er: Sein Jugendfreund war zu ihm geeilt, ein Kommunist aus Kerala, und auch jene Frau hatte sich der Familie zum ersten Mal gezeigt, die seit zwanzig Jahren seine Geliebte war. Der Freund massierte sanft die Stirn des Kranken, während er das politische System beschimpfte. Und nach dem Tod wartete er die Verbrennungszeremonie nicht ab.

Die Geschichte lebt von den, oft unausgesprochenen, Gedanken des Sohnes, der aus Delhi angereist ist, wo er sich mit Frau und Kind schon von der traditionellen Lebensweise entfernt hat. Marx’ Zitat vom »Idiotismus des Landlebens« kennt er wohl. Aber ganz so einfach ist es nicht. Wie viele Zweifel und Überlegungen des Autors in dieser Erzählung stecken, man wird es nur merken, wenn man auf Zwischentöne lauscht, hinter die genauen Beschreibungen schaut.

»Die indische Tradition der Ästhetik lehrt mich, dass dhvani, Andeutung, die Seele der Lyrik ist, und vakrokti, indirekte Kommunikation, der einzige Weg zur Wahrheit.« So bekannte Ananthamurthy in seinem Essay »Schriftsteller sein in Indien«. Obgleich er in Kannada schrieb und die Verwurzelung im Dorfleben seiner Heimat für unabdingbar hielt, war er in westeuropäischer Literatur geschult und hat durch zahlreiche Gastprofessuren das Leben in Westeuropa und den USA durchaus kennengelernt. Zeitlebens grübelte er den möglichen Wegen für sein Land nach und sah sich als »Ghandian socialist« nicht auf Seiten gewaltsamer Umstürze.

Das Kastensystem bedeutet Diskriminierung. Wie repressiv es selbst für Brahmanen ist, wird von Ananthamurthy immer wieder zur Sprache gebracht. Grausamkeit gegenüber Frauen: Besonders in der Erzählung »Ghatashraddha. Totenritual für eine Lebende« kommt einem das aus der Sicht eines Kindes erschreckend nahe. Und in der Titelerzählung »Sonnenpferdchen« scheint ein Traum auf, der mindestens seit der Romantik (aber eigentlich schon in den Volksmärchen) auch in Europa lebendig ist: der Taugenichts als Weiser, der reine Tor als Verkörperung göttlicher Einfalt. Aber das »Sonnenpferdchen«, das wohl ein Grashüpfer ist, bricht den Bann von Zorn und Hochmut, von der »Verblendung des Geldes« und religiösen Traditionen wohl nur für einen Moment. Die Träume sind das eine, die harte Realität ist das andere. Wenn einer nicht zu wirtschaften versteht, so beschrieben in der Erzählung »Der Schweigende«, stürzt er sich und seine Familie ins Unglück. Selbst die Priester werden kein Erbarmen mit ihm haben.

Eine fremde Welt, die uns die Übersetzerinnen Heidrun Brückner und Katrin Binder da vor Augen führen. Man kann dem Verlag Lotos Werkstatt nur dankbar sein, sich so um eine Literatur zu bemühen, die sonst auf dem deutschen Buchmarkt kaum Raum findet. Dabei haben Schriftsteller wie U. R. Ananthamurthy, wie er selbst es wusste, europäischen Lesern manche historische Bezüge voraus.

Hochmut und Unwissenheit hindern uns doch allzu oft, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Wir empören uns über Diskriminierungen in anderen Ländern und vergessen, wie ähnliches einst auch bei uns selbstverständlich war.

Die Hindus haben das Kastensystem, wir hatten die Ständeordnung. Aber diese Vergangenheit ist uns fern, während, so Ananthamurthy, das Mittelalter »im Bewusstsein eines indischen Schriftstellers … eine unmittelbare Erfahrung« ist. Chaucer, Langland, Shakespeare, Dickens und Camus sind daher Zeitgenossen für ihn, so weit sie für einen Europäer historisch auseinanderliegen mögen.

U. R. Ananthamurthy: Sonnenpferdchen. Erzählungen. Übersetzt von Heidrun Brückner und Katrin Binder, die auch ein Nachwort schrieb. Lotos Werkstatt, 195 S., br., 12,95 €.

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