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Frauen im TV: Ab jetzt Benjamine Blümchen?

Die Studie zur Rollenvergabe im Fernsehen zeigt, dass sich etwas ändern muss - und dass Änderungen erkämpft werden müssen

  • Von Carolin Wiedemann
  • Lesedauer: 3 Min.

Bisher war die Schauspielerin Maria Furtwängler nicht als Feministin bekannt. Dass sie gemeinsam mit anderen eine umfangreiche Studie zu Geschlechterverhältnissen in Film und Fernsehen in Deutschland in Auftrag gegeben hat, könnte das nun ändern. Die Art und Weise, mit der Furtwängler Claus Klebers Machoismus im ZDF-Interview zu jener Untersuchung zurückwies, tut es auf jeden Fall.

Die Studie zeigt, dass in 67 Prozent der Sendungen Männer eine Hauptrolle haben, Frauen nur in 33, und dass im Kinderprogramm auf jede weibliche Hauptfigur vier männliche kommen. Mit diesen Ergebnissen hatte der Journalist Kleber kein Problem. Mit der Studie dagegen schon - das war spätestens an der Stelle klar, als er erst spöttisch und dann noch einmal beleidigt fragte: Frau Furtwängler, wollen Sie das deutsche Publikum umerziehen? Furtwängler antwortete zweimal mit großer Gelassenheit, dass sie niemanden umerziehen will, sondern darauf vertraue, dass die Zahlen etwas in Bewegung setzen würden.

Doch ob das Bewusstsein allein helfen wird, wie Furtwängler es hofft? Der Grund, dass die Geschlechterverhältnisse auf der Leinwand so sind, wie sie sind, ist sicher nicht, dass das Publikum es eben genauso will, so wie Kleber behauptet. Dass etwa kleine Kinder wollen, dass Löwen, Robben und Elefanten männlich sind. Der Grund ist aber auch nicht, dass die Menschen dieses Ungleichgewicht auf der Leinwand nicht bemerkt hätten, wie Maria Furtwängler im Glauben an die Wirkungsmacht ihrer Zahlen nun vermittelt. Schon in den 1970er Jahren gab es genau so eine Studie - und nichts hat sich seitdem getan. Damals veröffentlichte der Medienforscher Erich Küchenhoff eine Untersuchung mit der Überschrift: »Männer handeln, Frauen kommen vor«.

Solange in den Positionen, die über die TV-Inhalte entscheiden, solange in den Fernseh- und Filmredaktionen, vor allem auf den oberen Hierarchieebenen, selbst überdurchschnittlich viele Männer sitzen, solange eher Männer als Frauen als Drehbuchautoren erfolgreich sind, wird sich wahrscheinlich nichts ändern. Diejenigen, die Ungerechtigkeit im Geschlechterverhältnis selbst erfahren, nehmen sie schließlich schneller wahr. So können sie auch leichter gegen Rollenklischees in der Berichterstattung oder in den Filmscripts vorgehen und dagegen, dass noch immer viel weniger Frauen als Männer durch Berichterstattung und Interviews als Expertinnen anerkannt werden und die Welt erklären dürfen.

Furtwängler bedauert, dass zu viele Menschen sich über diese »Unwucht« gar nicht empören, sondern mit den Schultern zucken, auch Frauen. Das mag aber gerade daran liegen, dass sie den Eindruck haben, die sexistischen Verhältnisse seien festgefahren. Und es mag auch daran liegen, dass man eher akzeptiert, dass die Leinwand männlich dominiert ist, wenn man schon als Kind lernt, dass Tiere, Roboter und Blumen zu 80 Prozent männliche Vornamen und Stimmen haben.

Apropos dominiert: Das war eines von Claus Klebers Lieblingswörtern. Entgegen der Untersuchung sieht er nämlich angeblich mit eigenen Augen, dass Frauen das Programm bereits dominieren. Und jetzt wollen Sie auch Benjamin Blümchen noch gendern, sagte Kleber voller Empörung zu Furtwängler. Den Elefanten will er sich aber nicht auch noch wegnehmen lassen vom sogenannten Genderwahn. Darin zeigt sich die Strategie der Machtsicherung: Diejenigen, die ihren Anspruch an Teilhabe ausdrücken, werden als maßlos dargestellt und damit als Gefahr für die bestehende Ordnung. Frauen sollen sich endlich einmal zufrieden geben - das wäre wohl Klebers Fazit.

Das Fazit der Studie dagegen ist, dass sich etwas ändern muss und dass es dafür Entscheidungen und Kämpfe braucht. Allein zu kämpfen ist anstrengend und meistens unsinnig. Anders als in den 1970er Jahren gibt es bereits diverse Initiativen wie etwa »ProQuote Regie«, die von den Sendern und im Bereich der Filmförderung fordern, immer auch Regisseurinnen vorzuschlagen. Maria Furtwängler verlangt keine Quoten, doch sie skandalisiert den Missstand. Dank ihrer Prominenz erzeugt das Druck - und nebenbei hat sie die schwache Strategie der Gegner entlarvt.

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