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Klischee mit Wunderlampe

Die Märchenfigur Aladin zeigt einmal mehr, dass es voneinander abgetrennte Kulturräume schlicht nicht gibt, meint Fabian Köhler

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Einen wirklich authentischen Aladin könnte nur ein Franzose mit chinesischem Migrationshintergrund abgeben. Aussehen wie Tom Cruise müsste er außerdem. Alles andere wäre Rassismus. Falls Sie sich wundern, welches wirre Zeug der Kolumnist hier schreibt: Disney hat kürzlich die Hauptbesetzung der geplanten Realverfilmung seines Zeichentrickklassikers Aladin angekündigt. Monatelang hatten Kritiker die Produktionsfirma zuvor mit präventiven Rassismusvorwürfen und Forderungen überhäuft, wonach der Straßenräuber mit seiner Wunderlampe auf jeden Fall mit einem »Middle Eastern Actor« besetzt werden müsse.

Nachdem nun der weithin unbekannte aber zumindest ägyptischstämmige Mena Massoud für die Rolle des Aladin gewonnen werden konnte, gelang es Disney gerade noch, den nächsten »Cultural Approriaton«-Skandal abzuwenden. Der Vorwurf, Vertreter einer (in der Regel weißen) Mehrheitskultur würden ihre Dominanz ausnutzen, um sich Teile der Kultur einer Minderheit anzueignen und sie dadurch abzuwerten, ist mittlerweile zum Dauerthema in popkulturellen Debatten vor allem in den USA geworden. Doch immer häufiger schießen die Kritiker dabei über ihr Ziel hinaus und verraten nicht selten, wie groß ihre eigenen kulturellen Klischees sind. Die Aladin-Debatte ist so ein Fall.

Denn wirklich »Middle Eastern« (übrigens keine kulturelle Selbstbezeichnung, sondern ein Begriff aus dem US-amerikanischen Militärsprech) ist an Aladin so ziemlich gar nichts. Die kulturelle Uneindeutigkeit beginnt schon bei der Entstehungsgeschichte. Zwar gilt »Aladin und die Wunderlampe« heute als fester Bestandteil der berühmtesten arabischen Märchensammlung Tausendundeine Nacht. Doch verfasst hat die Erzählung kein arabischer Geschichtenerzähler, sondern der französische Orientalist Antoine Galland, der damit Anfang des 19. Jahrhunderts die hohe Nachfrage seiner Landsleute nach orientalischen Märchen befriedigen wollte.

Auch Aladin selbst ist diverser als es das Kulturverständnis der Kritiker einer »Cultural Approriaton« zulässt. Gleich im ersten Satz der Geschichte wird Aladin als Schneiderssohn beschrieben, der nicht in Kairo oder Bagdad, sondern »in einer großen Stadt in China lebte«, bevor er mit Dschins Hilfe die schöne Tochter des Sultans eroberte.

Allerdings ist es ohnehin unwahrscheinlich, dass die Einforderer größerer kultureller Sensibilität ihr Aladin-Bild tatsächlich aus den Geschichten von Tausendundeiner Nacht haben. Eher schon aus dem 1992 erschienenen Zeichentrickfilm von Disney. Dort lebt Aladin (die Disney-Version schreibt sich mit Doppel-d) in der fiktionalen Stadt Agrabah. Deren Einflüsse sind unverkennbar islamisch, arabisch - und indisch. Nicht zufällig erinnert Disneys Version des Sultanspalastes an das Taj Mahal aus der Hauptstadt des einstigen Mogulreiches Agra, die auch Namensgeber für Disneys Agrabah war.

Und auch an Disneys Inszenierung von Aladin selbst ist nichts, was besondere kulturelle Authentizität beansprucht. Der Walt-Disney-Biograf Bob Thomas verriet einmal, dass sich Disneys Zeichner von Aladin weite Pumphosen beim US-amerikanischen Rapper MC Hammer abschauten. Hauptinspirationsquelle für Aladins Äußeres seien darüber hinaus nicht arabische Straßenjungen, sondern der Schauspieler Tom Cruise aus den USA gewesen.

Die schlechte Nachricht für alle »Cultural Approriaton«-Kritiker, die Aladin bisher für ein authentisches Abbild einer »Middle Eastern Culture« hielten: Disneys Figur ist nicht nur einem westlichen Orient-Klischee, sondern auch noch einem lebenden Hollywood-Klischee nachempfunden. Die gute Nachricht hingegen: Die französisch-chinesisch-indisch-arabisch-US-amerikanische Patchwork-Figur Alad(d)in zeigt einmal mehr, dass es voneinander abgetrennte Kulturräume schlicht nicht gibt. Nicht einmal in den Fiktionen von Disney.

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