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Ein Satz ist zu wenig

Studie »Die ›Flüchtlingskrise‹ in den Medien«

Ursprünglich sollte die von der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung in Auftrag gegebene und von der Hamburg Media School gemeinsam mit der Uni Leipzig durchgeführte Studie »Die ›Flüchtlingskrise‹ in den Medien« an diesem Montag publiziert werden. Aus Verärgerung über die »(über)pointierte Zuspitzung und bedenkliche Akzentuierung einiger Ergebnisse« in ersten Vorberichten haben die Stiftung und Studienleiter Michael Haller die Veröffentlichung dann aber vorgezogen. Seit Freitag ist die 184 Seiten umfassende Studie im Internet verfügbar und kann als gedrucktes Arbeitsheft kostenlos bestellt werden.

In der »Zeit« hatte Redakteur Jochen Bittner die Ergebnisse der Studie, für die rund 35 000 Medienberichte aus dem Zeitraum von Februar 2015 bis März 2016 erfasst und 1700 Texte analytisch ausgewertet wurden, in dem Satz zusammengefasst: »Zeitungen waren eher Volkserzieher als kritische Beobachter«. In der Vorabmeldung, die von anderen Medien aufgegriffen und teils weiter zugespitzt wurde, lautete der Kernsatz: »Medien haben in der Flüchtlingskrise versagt.« Dass ausgerechnet die Wochenzeitung »Die Zeit«, deren »Dossier« Haller von 1987 bis 1990 leitete und der er die auf Tagesmedien fokussierte Studie exklusiv vorab zur Verfügung gestellt hatte, die detailreiche Arbeit auf einen solch pauschalen Kernsatz verkürzt hat, dürfte den Medienwissenschaftler besonders verdrossen haben. Das Blog »Uebermedien« zitiert Michael Haller mit dem Satz: »Es ist passiert, was ich eigentlich vermeiden wollte. Ich will ja kein Medienbashing betreiben.«

Haller fasste die Studienergebnisse am Freitag in Frankfurt am Main so zusammen: »Statt als neutraler Beobachter die Politik und deren Vollzugsorgane kritisch zu begleiten und nachzufragen, übernahm der Informationsjournalismus die Sicht, auch die Losungen der politischen Elite«. Eine derart regierungskonforme Berichterstattung, wie sie insbesondere im Untersuchungszeitraum vor der Silvesternacht 2015/16 festgestellt wurde, »kollidiert nicht nur mit dem normativen Anspruch des diskursiven Journalismus, sondern auch mit unstrittigen Professionsregeln des Qualitätsjournalismus«, heißt es im Fazit der Studie. Sie habe zur wachsenden Medienskepsis eines Teils der Bevölkerung und zu dessen Entfremdung vom klassischen Journalismus beigetragen.

»Diejenigen«, so ein weiteres Studienergebnis, »die sich in den Behörden und Einrichtungen um die Bewältigung der ungeheuren Aufgaben und Probleme des Vollzugsalltags kümmerten, erscheinen aus der medial vermittelten Sicht der politischen Elite als nicht relevant.« So seien die Personen, die in den berichtenden Texten zu Wort kamen, zu zwei Dritteln Politiker, aber nur zu 3,5 Prozent Vertreter von »Helfergruppen, Einrichtungen, freien Trägern« oder »Initianten, die sich, viele freiwillig, in erster Linie um Flüchtlinge kümmerten«. Mit einem Anteil von lediglich 4 Prozent seien die »Hauptbetroffenen«, nämlich die Migranten, ebenso wenig in den Berichten präsent gewesen. Fast ausschließlich im Zusammenhang mit rechtsradikalen Gewaltakten sei die »Alltagswelt mit ihren Akteuren« zur Sprache gekommen.

Ausgewertet wurden Texte aus den Leitmedien »FAZ«, »Süddeutsche«. »Welt« und »Bild« sowie aus mehr als 80 Regionalzeitungen, aber auch aus den führenden Onlinemedien »focus.de«, »tagesschau.de« und »Spiegel Online«.

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