»Man kann froh sein, dass es keine Toten gab«

Zwei Demo-Sanitäter im Gespräch über ihren Einsatz bei den G20-Protesten in Hamburg

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 7 Min.

War der Einsatz bei den G20-Protesten anders als andere Sanitätsdienste?
Elisa: Der Einsatz war auf alle Fälle anders, anders als alle Einsätze, die ich bisher hatte. Es war sehr anstrengend, sowohl nervlich als auch körperlich. Wir waren von sechs Uhr morgens bis nachts um zwei Uhr unterwegs. Nach wenig Schlaf ging es am nächsten Tag gleich wieder los.

Kiko: Einige Mitglieder unserer Gruppe haben als behandelnde Ärzte schon gegen den Tod gekämpft. Trotzdem ist es eine Ausnahmesituation, wenn es gerade ein Uhr nachts ist, man seit sechs Uhr morgens auf den Beinen ist, man eigentlich nur auf den letzten Abtransport wartet. Man denkt an sein Feierabendbierchen und dann geht in dem Hausflur, wo wir gerade noch Patienten behandelt haben, das Licht aus, und man sieht sich plötzlich Männern in Camouflage gegenüber. Das SEK war sehr professionell, sie haben netterweise keine Blendgranate reingeworfen, so wie in alle andere Häuser, weil kurz zuvor Sanitäter das Haus verlassen hatten. Ich habe schon noch das Restvertrauen ins SEK, dass sie mich nicht blind über den Haufen schießen. Aber es ist schon ein beklemmendes Gefühl plötzlich in die Mündung einer automatischen Waffe zu starren.

Wie hat sich die Vielzahl der Proteste und Auseinandersetzungen auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Elisa: In Hamburg ist vorübergehend viel medizinische Infrastruktur einfach zusammengebrochen. Bei kleineren Demos in Berlin kriegst du überall einen Krankentransport hin, Rettungswagen, Notarzt, was halt sein muss. In Hamburg war das nicht möglich. Man konnte noch nicht mal 112 rufen und irgendwen alarmieren.

Kiko: Es ist passiert, dass wir wegen eines akuten Falls 112 angerufen haben und von der Feuerwehr die Reaktion bekamen: »Da können wir jetzt grade nichts machen.« Doch es gab auch positive Ausnahmen, zum Beispiel die Akutambulanz, die ist zwischendurch eingesprungen und hat uns geholfen. Sie haben den Ernst der Lage erkannt. Mit ihnen und den anderen ehrenamtlichen Demo-Sanitätern aus allen Bundesländern haben wir wirklich gut zusammengearbeitet. Und das obwohl wir uns teilweise nicht kannten. In Berlin arbeitet man oft nebeneinander her. In Hamburg brauchte es ein anderes Konzept, weil viele Aktionen so dezentral waren.

Elisa: Anders war aber auch die Solidarität der Menschen drumherum – sei es von Anwohnern, die einfach den G20-Gipfel an sich scheiße fanden, aber nicht mitprotestierten und uns Wasser gaben oder vonseiten der Demonstranten, die sich einfach so bedankten. Die ganze Stadt war sehr solidarisch. In einem Hausflur jemanden zu behandeln, das war da irgendwie relativ selbstverständlich, nicht immer, aber oft.

Und inwiefern war der Einsatz medizinisch anders?
Kiko: Über Verletzungen und Verletztenzahlen können wir prinzipiell nichts sagen, weil dies von der Polizei gegen Aktivisten verwendet werden kann. Aber das, was im Internet an Bildern veröffentlicht wurde, zeigt: In Hamburg sind auch erprobte Notärzte an ihre Grenzen gekommen. Man kann nur froh sein, dass das alles glimpflich ausgegangen ist und dass es keine Toten gab.

Was waren typische Behandlungen, die Sie vorgenommen haben?
Elisa: Bei Demos geht es klassisch um: Augen ausspülen nach Pfefferspray-Einsatz, Platzwunden, Schürfwunden, umgeknickte Füße durch Hinfallen. Das gab es auch in Hamburg. Wenn die Polizei frontal auf eine Menschenmenge zurennt und relativ ziellos auf Leute einprügelt, kommt es auch zu Prellungen, Platzwunden, teilweise auch zu Blutungen und Knochenbrüchen.

Kiko: Anders war das Tränengas. Das wird in Deutschland selten eingesetzt. Zudem gab es diverse Knalltraumata. Auch ein Mitglied unserer Gruppe war davon betroffen. Ich kann mich zum Beispiel nicht mehr an eine so gezielte Massenpanik erinnern, wie sie auf der »Welcome to Hell«-Demo zu beobachten war. Dabei haben sehr viele Leute Prellungen und Quetschungen erlitten, weil die Polizei mit Wasserwerfern, Tränengas und massivem Schlagstockeinsatz in die Seite der Demo reingedrückt hat - an einem Ort, wo es keinen Ausweichkorridor gab, außer eine Kaimauer hinaufzuklettern. Dabei ist es zu Armbrüchen und Brustkorbquetschungen gekommen. Das sind keine schlimmen Verletzungen, aber wenn dann eine Kreislaufinstabilität dazukommt, wird es lebensbedrohlich. Und wenn man dann als Sanitäter 112 nicht mehr erreichen kann, bekommt man Angst. Das war ein ganz, ganz anderes Ausmaß als das, was wir aus Berlin kennen.

Sie sagen, die Infrastruktur sei zusammengebrochen. Wie war die Zusammenarbeit mit der Feuerwehr bzw. anderen Rettungsdiensten im Allgemeinen?
Kiko: Ich werde mich mein Lebtag daran erinnern, dass wir einen liegepflichtigen Patienten hatten, der von Gelb zu Rot, das heißt also von noch stabil zu instabil hätte überschwenken können. Wir haben ihn vor dem Rettungswagen abgeliefert, doch von dem Mitarbeiter - ich sage jetzt nicht, für welche Organisation er arbeitet – kommt nur: »Nein, wir sind nicht für euch da, wir sind für die Leute von der Polizei da.« Ich habe ihn dann am Kragen gepackt und gesagt: »Der ist von der Polizei, wir wurden von der Polizei alarmiert, weil ihr nicht durchgekommen seid, nehmt den endlich mit.«

Elisa: Ich habe kein einziges Mal an dem Wochenende hauptamtliche Rettungsdienste gesehen. Ich glaube, die waren komplett überfordert. Sie kamen nicht durch, weil einfach alles gesperrt war und ich glaube, sie waren auch von der Besetzung her nicht wirklich auf einen solchen Einsatz vorbereitet. Wenn wir nicht dagewesen wären, hätte es in diesen Tagen mehr Schwerverletzte gegeben. Es ist schockierend, dass da sonst niemand da war.

Braucht es deswegen auch bei zukünftigen Veranstaltungen Demo-Sanitäter wie Sie?
Kiko: Ja. Die Rettungsdienste sind generell auch bei kleinen Demos immer pampig zu Demo-Sanitätern, weil sie sich einbilden, die Struktur, die Strategie oder die Qualifikation derer zu kennen, die da unterwegs sind. Wir haben viele qualifizierte Ärzte, erfahrene Sanitäter und natürlich auch erfahrene Ersthelfer, die in einer Rettungskette absolut nicht fehlen dürfen. Die dann noch mit flapsigen Sprüchen abzuspeisen, finde ich unmöglich. Das ist dann noch mal eine zusätzliche Belastung, anstatt eine Entlastung, wofür der Rettungsdienst eigentlich da sein sollte.

Und wie war das Verhältnis mit der Polizei, wie hat die auf Sie reagiert?
Kiko: Sehr unterschiedlich. Da gab es Polizisten beispielsweise aus Schleswig-Holstein, die sehr zuvorkommend waren, schon aus der Entfernung ein Spalier gebildet haben, dass man durchkommt, obwohl man sich noch nicht mal ausgewiesen hat. Auf der anderen Seite war da die Berliner Bereitschaftspolizei, die vor allem bei der »Welcome to Hell«-Demo die Demo gestürmt hat und uns bekannte Sanitäter attackiert hat. Und auch die Aggression, die teilweise auch verbal an den Tag gelegt wurde, war an manchen Stellen unprofessionell.

Elisa: Wir haben eine Sonderstellung im Vergleich zu Demonstranten, weil wir eindeutig gekennzeichnet sind. Oft wurden wir durchgelassen. Mal wurde man auch abgewiesen, aber es hat eigentlich ganz gut funktioniert. Und dann gab es Situationen, in denen wir eine Behandlung hatten und man von den Polizisten noch mal auf den Patienten raufgeschubst wurde.

Bitte erklären Sie uns etwas genauer, warum Sie keine Verletzten-Zahlen rausgeben.
Kiko: Ich würde der Öffentlichkeit gern genau sagen, wie viele verletzt wurden und was alles genau passiert ist. Aber es ist bereits vorgekommen, das das LKA oder BKA Aussagen von Sanitätern bei Ermittlungen und Verfahren gegen Demonstranten genutzt haben. Wenn wir also Beschreibungen rausgeben würden, hätten wir in Zukunft Vertrauensprobleme. Abgesehen davon gibt es den § 203, der sagt ganz klar, dass wir ein Patienten-Schweigegeheimnis haben, als Ersthelfer und Arzt.

Sie verstehen sich als autonome Demo-Sanitäter?
Elisa: Wir arbeiten unabhängig, bieten Support von der Szene für die Szene oder sympathisieren zumindest. Deswegen gibt es von den meisten Demonstrationsteilnehmern und -teilnehmerinnen vielmehr Grundvertrauen in uns. Wenn es uns nicht gäbe, dann würden sich viele nicht in medizinische Behandlung begeben, weil sie nicht ihren Namen sagen wollen oder denken Ärzte behandeln sie nicht ohne Namensangabe oder Krankenversicherungskarte.

Kiko: Wenn ich nach meiner persönlichen politischen Einstellung gefragt werde, sage ich immer: »Ich versuche die Menschenrechte von allen Menschen zu verteidigen. Damit habe ich schon genug Arbeit. Und deswegen sind wir da draußen«.

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