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Dicke Brüste brauchen Fleischhauers Einverständnis nicht

Über das neue Selbstbewusstsein von Feminist*innen - und eine Angst, die die Seiten gewechselt hat

Wie so viele andere in diesen Tagen hat Jan Fleischhauer ein Problem: Ihn stört der neue Feminismus. Nun ist er natürlich kein Antifeminist, i-wo, eigentlich hat er »nichts gegen den neuen Feminismus«, wie er in seinem letzten Spiegel-Beitrag betont: »wirklich nicht.« Dennoch lässt er sich lang und breit darüber aus, genauer: über die letzte Kolumne von Margarete Stokowski zur Beschäftigung von Frauen mit ihren Körpern. Fleischhauer findet das unpolitisch. Tut doch keinem weh! Zu harmlos, dieser neue Feminismus! Aber ist ihm ja auch egal! Der Autor fühlt sich so wenig von Stokowskis Argumentation gestört, dass es ihm geradezu Schweißperlen auf die Stirn zu treiben scheint.

Zu unpolitisch, zu wenig soziale Ungleichheit, zu wenig Klasse: Diese neue Schlagrichtung der Feminismuskritik vertritt nicht nur Fleischhauer. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, diese Argumentation zu verstehen. Entweder haben die Kritiker wirklich keine Ahnung, wie sehr die individuelle Befreiung erstens Frauen viele Schmerzen nimmt und zweitens vielen Männern tatsächlich weh tut. Oder aber die Kritik an der fehlenden politischen Kampfkraft des Feminismus ist nur ein Vorwand. Und der neue Feminismus ist gar nicht so harmlos, sondern stört viele Männer zutiefst – und provoziert sie deshalb zu antifeministischen Gegenangriffen.

Politische Körper

Nehmen wir einmal an, es sei wirklich noch immer nicht klar, warum (weibliche) Körper ein politisches Thema sind. Obwohl das Recht auf Abtreibung seit Jahrzehnten und dennoch immer wieder neu ein Kampfthema ist. Obwohl die soziale Konstruktion von Geschlecht seit den 90er Jahren ein zentraler Fokus in den Sozialwissenschaften ist. Und obwohl sich ein gesellschaftliches Problembewusstsein für Gewalt an Frauen, Magersucht und die sexistische Werbeindustrie entwickelt.

Nehmen wir zwei Beispiele, die mir Frauen in der jüngsten Vergangenheit aus ihrem Alltag erzählt haben. Eine Freundin, die in einem Hostel arbeitet, erhielt eine Beschwerde eines Gastes darüber, dass sie Achselhaare habe. Ihr Chef – der selbst meist im Tanktop arbeitet, das seine zwei dunklen Büsche betont – ermahnte sie deshalb. Hinzu kommt: Das Hostel hat gerade die Besitzerin gewechselt. Meine behaarte Freundin war durch diese Ermahnung so eingeschüchtert, dass sie beim Probearbeiten bei der neuen Besitzerin in Panik geriet, gefeuert zu werden. Sie traute sich nicht mehr, selbstbewusst aufzutreten; sie traute ihrem eigenen Können nicht mehr.

Anderes Beispiel. Die LINKE-Vorsitzende Katja Kipping erzählte mir von der »Ohrring-Falle«: Wenn sie sich mit einem Mann in einer ernsthaften politischen Auseinandersetzung befinde und er bemerke, dass sie mit guten Argumenten die Oberhand gewinne, kämen Sätze wie: »Deine Ohrringe glitzern ja so schön.« Es sei nicht leicht, das Gespräch dann ernsthaft weiterzuführen.

»Mikromechanismen der Macht« werden in der Soziologie diese Diskriminierungen genannt, die nach Michel Foucault über die Biopolitik mit der Makroebene verbunden sind: Bevölkerungsregulierung, aber auch geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, ökonomische Ungleichheiten und Hierarchien auf dem Arbeitsmarkt werden durch solche scheinbar winzigen Regulierungen weiblichen Auftretens reproduziert. Verkürzt gesprochen: Einschüchterung führt zu Unsicherheit, führt zu geringerer Kampfkraft, führt zu schlechteren Löhnen. Oder: Sich hässlich fühlen führt dazu, froh zu sein, überhaupt einen Partner abbekommen zu haben, führt zu Beziehungen, die trotz patriarchaler Gewalt nicht beendet werden. Oder: Selbstbewusstsein führt zu Befreiung, führt zu sozialen Kämpfen, führt zu mehr sozialer Gleichheit.

Soziale Politik und Sozialpolitik

Andersherum haben gesellschaftliche Strukturen auf der größeren Ebene Auswirkungen auf die Verhaltensweisen auf der Mikroebene. Fehlende Kita-Plätze und bessere Verdienste von Vätern führen dazu, dass Mütter für längere Zeit aus ihrem Job aussteigen, führen dazu, dass Mütter eine engere Bindung zu Kindern bekommen als die Väter, führen zu der Vorstellung, dass Frauen per se eine engere Bindung mit Kindern haben, und dann heißt es: wegen Gebärmutter und Brüsten und so. Biologismen sind prima Fixierer gesellschaftlicher Ungleichheiten.

Körperbilder und damit verbundene sexistische Diskriminierungen sind daher nicht losgelöst von jenen Ausformungen sozialer Ungleichheit, die Leute wie Fleischhauer als »politisch« bezeichnen. Frauenquoten zum Beispiel. Die seien doch eine gute Sache, meint er, warum darüber nicht mehr geschrieben werde? Nun, gute Frage. Tatsächlich kritisieren viele linke Feminist*innen am Popfeminismus die verhältnismäßig weniger starke Auseinandersetzung mit Fragen ökonomischer Ungleichheit.

Eine Antwort könnte sein: Ökonomische Ungleichheit ist insgesamt kein Thema, das gerne in Popmagazinen oder Feuilletons besprochen wird. Das gilt bei weitem nicht nur für den Feminismus, das ist insgesamt ein blinder Fleck gesellschaftlicher Debatten. Hartz IV? Rente? Leiharbeit? Unsexy. Das ist ein Problem. Aber warum sind für Fleischhauer die Feminist*innen daran so besonders Schuld, warum vermisst er dieses Thema nicht auch bei männlichen Journalisten oder in anderen gesellschaftlichen und kulturellen Debatten?

Sexistische Klischees in neuem Gewand

Hier wäre eine mögliche Antwort: Weil Jan Fleischhauer insgeheim doch etwas gegen den neuen Feminismus hat. Wirklich.

Anzeichen dafür sind etwa die sexistischen Klischees, die er in seinem Essay versteckt. Junge Männer, schreibt er, befassen sich ja auch mit ihrem Körper, aber dann »konzentrieren sie sich irgendwann auf andere Dinge, zum Beispiel auf ihre Karriere«, und »Vielleicht sind sie deshalb öfter in Führungspositionen vertreten.« Aha. Was soll das heißen? Wenn nicht, dass Frauen deshalb nicht in Führungspositionen sind, weil sie zu viel Zeit mit ihrem Äußeren verplempern? Ganz altes sexistisches Klischee, nur in neuem Gewand.

Es geht weiter: Jan Fleischhauer hat jetzt eine Tochter. Das Einzige, was er ihr »wirklich einschärfen« werde, ist, »dass sie sich nie von einem Mann finanziell abhängig machen soll.« Ganz guter Vorsatz. Fleischhauers Sorge dreht sich aber nicht um die Folgen befristeter Verträge für Mütter, oder um die Teilzeitfalle, oder darum, dass Frauen zum Mutterschutz gezwungen sind, während Männer im schlimmsten Fall auf Elternzeit verzichten können. Nein. Der Vater meint vielmehr: »Das ist die Falle, in die sich viele Frauen freiwillig manövrieren.« Erstaunt stelle er fest, wie viele gut ausgebildete Frauen »sich aus ihrem Job verabschieden, wenn das erste Kind ins Haus steht«, denn: »Wer drei Jahre seine Karriere unterbrochen hat, muss sich nicht wundern, wenn andere im Unternehmen vorbeiziehen.« Fehlende Kita-Plätze? Väter, die sich weigern, zu Hause zu bleiben? Rollenmodelle, die Druck auf Frauen ausüben, perfekte Mütter zu sein und um Himmels willen keine bösen, kinderfressenden »Karrieristinnen«? Fehlanzeige, so etwas kommt in Fleischhauers Text nicht vor. Weil: Das hat ja alles nichts mit Politik zu tun. Nun, der »neue Feminismus«, würde Fleischhauer ihn verfolgen, ist durchaus in der Lage, dies alles politisch zu analysieren – und die richtigen politischen Forderungen davon abzuleiten.

Der Burkini, der Schweiß und die Prügel

Aber warum hat Jan Fleischhauer etwas gegen diesen neuen Feminismus, der, in all seinen Ausprägungen, so vielfältig, weit verbreitet und selbstbewusst ist wie noch nie? Vielleicht, weil er genau weiß, wie hochpolitisch dieses neue Selbstbewusstsein ist. Und weil genau das ihm den Schweiß auf die Stirn treibt.

Die männliche Kontrolle über weibliche Schönheitsideale war lange fester Bestandteil des Geschlechterverhältnisses – eine Macht, die sich Frauen jetzt erobern. Das ist oft widersprüchlich, wie Fleischhauer bemerkt, mal wird das Recht auf kleine Brüste verteidigt, mal das Recht auf Brustvergrößerung. Der Punkt, um den es geht: Frauen bestimmen über ihre Brüste, niemand sonst.

Wie einige Männer reagieren, wenn ihre Diskurshoheit über weibliche Schönheitsnormen ins Wanken gerät, konnten wir im vergangenen Jahr auf größerer Bühne am Streit über Burkinis beobachten. Da haben sich zum Beispiel rund 50 Männer am Strand von Korsika über die Frage geprügelt, ob Frauen an »ihrem« Strand einen Burkini tragen dürfen oder nicht. Fun Fact: Am ganzen Strand gab es keinen einzigen Burkini. Es war ein Revierkampf unter Männern um die Grundsatzfrage weiblicher Badebekleidung. Während in den 1950er Jahren noch nachgemessen wurde, ob die Länge der Badeanzüge von Frauen korrekt eingehalten wurde, stritten wir uns 2016 also darüber, wie viel Haut am Meer mindestens gezeigt werden muss. Selten wurden burkinitragende Muslima gefragt, was sie davon eigentlich halten. Aber wenn, war die Antwort ziemlich eindeutig: Sie wiesen darauf hin, dass es schlicht ihre Entscheidung sei, was sie tragen.

Die Angst hat die Seiten gewechselt

Der politische Streit über weibliche Körper ist hochaktuell. Und trotzdem fragt sich Fleischhauer, warum 918.000 Menschen Stokowskis letzte Kolumne lasen. Ist das Thema Mainstream geworden, also unpolitisch? Nein, es ist Mainstream, und gleichzeitig hochpolitisch, und genau das zeigt die Stärke, die der Feminismus erreicht hat. Es gibt ein neues Selbstbewusstsein von Frauen, die nicht nur ihr Recht auf mehr Entlohnung, auf weniger Sorgearbeit und auf sexuelle wie auch körperliche Vielfalt erkämpfen. Nein, sie sind sogar so selbstbewusst, dass sie in den USA den Widerstand gegen Trump anführen, dass sie in Polen den Widerstand gegen die PiS anführen. Und das Schlimmste: Sie fragen nicht mehr, ob das ok so ist. Es ist ihnen egal, wie Jan Fleischhauer darüber denkt. Sie haben ihre Angst verloren. Der neue Feminismus braucht das Einverständnis der Männer nicht. »Fürchtet euch ruhig«, antwortet Stokowski auf Fleischhauers Essay. Sie hat Recht: Die Angst hat die Seiten gewechselt.

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