Eine Gier, die alles zerstört

Nicola Lagioia ist hierzulande noch unbekannt. Das dürfte sich mit »Eiskalter Süden« ändern

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Ein Anfang wie in einem Kriminalroman. Eine Frau läuft am frühen Morgen nackt und blutüberströmt durch ein Villenviertel der süditalienischen Hafenstadt Bari. Auf der Straße weicht ihr ein Kleintransporter aus und überschlägt sich. Als die Frau am nächsten Tag tot vor einem Parkhaus gefunden wird und im Krankenhaus bei dem Fahrer des Transporters zwei Männer auftauchen und nach seinen Wünschen fragen, ist klar: Hier soll etwas vertuscht werden.

Aber der Anfang täuscht. Nicola Lagioias Roman »Eiskalter Süden« lässt schnell die Grenzen des Krimigenres hinter sich. Wie Dostojewski in »Verbrechen und Strafe« interessiert sich Lagioia nicht so sehr für die Aufklärung der Tat. Vielmehr steht die Vorgeschichte im Zentrum des Buches. Die philosophisch-ethischen Fragen, die bei Dostojewski so wichtig sind, spielen bei Lagioia allerdings so gut wie keine Rolle. Dem italienischen Autor ist das realistische Erzählen wichtiger und der Mord an Clara Salvemini Anlass für das Por᠆trät einer maroden Gesellschaft.

Im Zentrum dieses Porträts steht die Familie Salvemini. Claras Vater, Vittorio Salvemini, hatte in den 1970er Jahren in Bari sein Baugeschäft zu einem europäisch agierenden Unternehmen ausgebaut. Auch hier denkt der Leser schnell an Korruption und Mafia. Und wieder befindet er sich auf der falschen Spur. »Eiskalter Süden« ist auch kein Mafia-Thriller.

Die Spannung des Buches ergibt sich nicht aus der Frage, wer den Machtkampf gewinnt oder wer wen umbringt. Lagioia erzählt die Geschichte der Salveminis so, als wüsste sein Erzähler nicht viel mehr als die Frau und die Kinder des Familienpatriarchen. Ganz langsam, erst nach und nach, wird die Wahrheit durch die Erzählung deutlicher. Und die Spannung entsteht durch die Frage, wie jeder einzelne in dieser Familie mit einer Situation fertig wird, die von Gefühllosigkeit, Geldgier und entfesselter Sexualität geprägt ist.

Für Michele, Claras Halbbruder, ist es besonders schwer. Seine Mutter, die bei seiner Geburt starb, war die Geliebte Vittorio Salveminis. Sein Vater und seine Frau nehmen ihn zwar in die Familie auf, aber er wird schlechter behandelt als sein Bruder und seine zwei Schwestern. Die Einzige, die Mitleid mit ihm hat, ist Clara. Doch Michele beginnt mit der Pubertät psychische Probleme zu entwickeln.

Und Clara, die ihren Bruder liebt, stürzt sich in sexuelle Abenteuer. Auf Anraten der Ärzte zieht Michele aus Bari weg nach Rom, wo er als Journalist gelegentlich in den großen Zeitungen Artikel veröffentlicht. Er ist es dann, der versucht, den Tod seiner Schwester aufzuklären.

Nicola Lagioia ist hierzulande noch unbekannt. Das dürfte sich mit »Eiskalter Süden« ändern. Mit großer erzählerischer Kraft und epischer Breite entwickelt er die Geschichte der Salveminis und ihres Umfelds. Dabei entsteht ein Bild der süditalienischen Gesellschaft, in der das Streben nach Reichtum, Macht und Sex das Leben bestimmt, eine Gier, dessen prominentester Ausdruck Silvio Berlusconi und seine Wahl zum italienischen Ministerpräsidenten war. Sie zerstört nicht nur die, die all das nicht haben - die Armen -, sondern auch die Reichen und Mächtigen. Die Familie, die in Italien angeblich das Wichtigste ist, wird dabei zum sicheren Opfer.

Als Claras Bruder Ruggero, der Arzt ist, die ärztliche Schweigepflicht für die Geschäfte seines Vaters bricht, heißt es: »Die Blutsverwandten werden nie müde, uns ins Verhör zu nehmen. Sie legen ihre Stimme in unserem Innern ab. Sie ist es, die in ihrer Abwesenheit zu uns spricht.«

Nicola Lagioia: Eiskalter Süden. Roman. Aus dem Italienischen von Monika Lustig. Secession Verlag, 525 S., geb., 28€.

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