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Ein Glück, dass es den Schrecken gibt

»Der weiße Freitag« - Adolf Muschg schreibt über Goethe, das Abenteuer und den Tod

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Vor Felswänden verengt sich die Welt, an ozeanischen Stränden weitet sie sich. Diese Differenz gibt der Schweiz, dem Land weitab von freiliegenden Horizonten, einen merkwürdig schillernden Charakter - zwischen gequält geschlossener Gesellschaft und bohrender Sehnsucht nach Öffnung, zwischen aggressivem Binnenstolz und flatternden Fluchtträumen. Max Frisch schrieb von »Schweizer Zwangsneurosen, ständig Freiheit mit Fessel zu verwechseln«, Friedrich Dürrenmatt sah »alpine Souveränität und stubenfeine Biederkeit« als »Komplementärpaar des Gesellschaftlichen hierzulande«, und Adolf Muschg sieht im prononciert behaupteten nationalen Selbstbewusstsein der Eidgenossen oft genug nur den »Deckmantel für einen Mangel an Entwicklungsbereitschaft«.

Wer in die Berge geht, strahlt etwas aus, das sich jeder Definition entzieht. Goethes Faust sagt es so: »Wenn du es nicht erfühlst, du wirst es nicht erjagen.« Ja, Goethe. Den hat Adolf Muschg bei sich, als er ins Krankenhaus muss. Den Bericht des Dichters von seiner Schweiz-Reise 1779 - er überquerte damals mit seinem Herzog Carl August den Furka-Pass im Wallis. Neun Stunden an einem 12. November im Neuschnee: »Der weiße Freitag«. Fast 2500 Meter hoch geht der spätherbstliche Weg.

Goethe ist jung - und hätte dabei leicht sterben können. Muschg dagegen lebt seine späte Zeit - der Krebskranke wird nach einem argen Treppensturz verstärkt zu den letzten Fragen gedrängt. Er liest Goethe - und ist sich eines Problems bewusst: Man liest einen Dichter am oberflächlichsten, wenn man über ihn schreiben möchte. Denn man hält dann nur Ausschau nach dem, was einem für diesen Zweck dienen kann. Muschg wehrt sich gegen diese Praxis. »Eine Figur muss so weit weg sein wie Parzival, damit sie sich mit der Illusion fortgesetzter Nähe behandeln lässt.«

Diese Nähe wird gestiftet vom erwähnten - Tod. Das beamtete Genie aus Weimar setzte sich einer extremen Erfahrung aus, und jenen Frösten, die allem Leben spotten, entstieg er als ein Neuerweckter. Muschg schreibt den medizinisch untermauerten Satz »Ich werde sterben«, und die Lektüre Goethes bindet auch ihn stärker denn je ans Dasein. Frappierend, wie dem Schweizer die Verquickung seiner eigenen Existenz mit der des großen Deutschen gelingt. Sehr frech, könnte man sagen, sehr anmaßend, ja, aber darin so frei, so souverän. So raffiniert in der Kopplung von Reiseerzählung und Auslegung, von Gedankenroman und fiktiven Dialogen. Das unterscheidet eben den Poeten vom Publizisten: Im Poeten löst eine Wahrnehmung weiter- und neuerzählende Fantasien aus, in unsereinem höchstens Deutung.

So ist das Fabulieren für Muschg auch eine biografische Vergewisserung. Der Sohn eines so wohlhabenden wie strengen Pietisten aus Zollikon greift schon in jungen Jahren zur großen »Rettungsphantasie« seines Daseins: zur Kunst. Denn der Vater stirbt früh, so erweisen sich Lesen und Fantasieren als Hilfe zur Selbsthilfe - beim Leben mit einer Mutter, die von schweren Verzweiflungsschüben gefoltert wird. Der Traum vom Schriftsteller, dieses Sehnen nach Gegenwelten, ist unbezwingbar und übersteht auch die Existenz einer Lehrerschaft in Zürich und einer Lektorenzeit in Japan. Später wird Muschg schreiben: »Jedes große Kunstwerk ist ein gebrochenes Schweigen, das seine Erinnerung bewahrt.« Gebrochen wird in der Kunst das Schweigen über die quälendste Last: dass der Mensch zumeist ein Wesen ist, über das andere mehr zu sagen haben, als man selber für zuträglich hält.

Es ist ein bestürzend offenes Buch. »Ich habe nicht gelernt, mein Leben zu genießen, eher es zu rechtfertigen.« Das ruft nun, am Ende des Daseins, zu dimmenden Verfahren. Muschg schildert die Reduzierung seines Hausbesitzes, er zieht mit seiner Frau ins Atelierhaus, das Schreibzimmer liegt jetzt im Keller, und im Garten ist ein Spiegelsystem angelegt, das alles Schöne draußen, vor allem den Himmel, gleichsam hinab in die Dichterzelle »überträgt«. Reduktion ist Konzentration. Ist eine Besinnungsart. Muschg nennt sein Buch eine »Erzählung vom Entgegenkommen«. Nicht nur, weil eine eigene Furka-Überquerung ins Spiel kommt, allerdings auf gespurter Route, sondern vor allem, weil er sich Goethe fragend nähert: Muss die ehrliche Suche nach Konturen der Existenz nicht mehr und mehr akzeptieren, dass Existenz vor allem eines heißt - Unschärfe und Mehrdeutigkeit? Kunst »tanzt auf genau der Stelle, wo uns nicht zu helfen ist«. Mit genau dieser Wahrheit hilft sie.

Immer wieder wird die Erzählung zum Essay. Zum Ort schönster Sätze: »Alle Bäume haben eines gemeinsam: Sie sind zu groß für das Grundstück, aber zuständig für unseren Anteil am Himmel.« Goethe und die Aufklärung, die Aufklärung und unsere Geröllhalde der gebrochenen Fundamente. Infolgedessen bleibt die Grundlage der Menschlichkeit, so Muschg, »das Erschrecken des Menschen über sich selbst«. Denn einzig der apokalyptische Einschlag bleibt ernst zu nehmender Lehrer des sich (nur immer kurz!) besinnenden Menschen. Flüchtlinge etwa - »sie laufen nicht nur um ihr armes Leben, sondern auch um unser privilegiertes, und was wir ihnen tun, wird uns getan werden - entweder mit Schrecken und Mitleid, oder nur noch mit Schrecken. Was wir Terrorismus nennen, ist der Anfang davon.«

Goethe muss erfahren, was ihm Muschg in diesem Buch nachsagt: »Der Winter in den Bergen ist kein Gedicht.« Glücklich macht nicht, dass man etwas überstanden hat. Glück stellt sich ein, indem man etwas überstehen muss. Es ist zugleich der Augenblick, da das Glück am weitesten entfernt bleibt. Das Unbegreifliche des abenteuerlichen Geistes besteht darin, dass man eine Verabredung mit dem Äußersten trifft, obwohl man genau weiß, dass den ursprünglichen Horizont der Existenz niemand wirklich erweitern kann. Und dass man sterben wird. »Aber erhielte einer ausnahmsweise Unsterblichkeit geschenkt, sie verböte sich schon aus Anstand gegenüber den Toten.«

Die Furka-Überquerung Goethes gleicht einem Vorgriff auf dessen Italien-Reise. Dieser Sehnsucht also nach Flucht - nur nicht wieder und immer weiter nach vorn. Der Dichter auf dem Weg, Meister seiner selbst zu werden. Wann ist der Mensch das? Der dreißigjährige Goethe und der über achtzigjährige Muschg - und ein Entgegenkommen im Brennpunkt des Bewusstseins: Wie lernt man leben? Wahrscheinlich in dem Moment, da man sich diese Frage stellt. Wahrscheinlich in dem Moment, da dir diese Frage endlich und endgültig abhandenkommt. Überquerungen? Untergrabungen. Der Gipfel ist nicht oben, nein, der Gipfel liegt in dir selbst, durchsteig also die Leere, die steinernen Schwellen im Innern.

Adolf Muschg: Der weiße Freitag. Erzählung vom Entgegenkommen. C. H. Beck, 252 S., geb., 22,95 €.

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