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Kürzungen gefährden Erfolge gegen HIV

Forscher diskutieren auf der Aidskonferenz in Paris über neue Resistenzen und neue Medikamente

Im April dieses Jahres haben sich auf den Philippinen 629 Menschen mit HIV infiziert. Davon waren 80 Prozent oder 629 Personen zwischen 15 und 34 Jahre alt. 609 hatten sich über ungeschützten Sexualverkehr mit dem Virus angesteckt. 343, also mehr als die Hälfte der Neuinfizierten, waren schwule Männer.

Diese Zahlen sind typisch für die HIV-Epidemie auf den Philippinen. 62 Prozent der 55 000 HIV-Neuinfektionen im Jahr 2016 wurden laut der Nationalen Jugendkommission des Landes bei Jugendlichen diagnostiziert, besonders gefährdet sind schwule Männer. Aus den neuesten, auf der internationalen Konferenz der HIV-Wissenschaftler in Paris veröffentlichen weltweiten Zahlen der HIV- und Aids-Fälle geht hervor, dass die Philippinen zu den sehr wenigen Ländern gehören, in denen die Zahl der HIV-Infektionen massiv steigt.

Niccolo Cosme ist aktiv im Kampf gegen HIV auf den Philippinen. Seine Organisation »Red Whistle« führt Aufklärungsveranstaltungen durch, verteilt Kondome und Infobroschüren, bietet Beratung und HIV-Schnelltests an. Einfach ist das auf den mehrheitlich katholischen Philippinen mit einer sehr einflussreichen Bischofskonferenz nicht. »Die Kirche ist das größte Hindernis«, sagt der 37-jährige hauptberufliche Werbefotograf »neues deutschland«. »Sie verhindert Sexualaufklärung und verdammt Kondome mit der Behauptung, sie förderten die Promiskuität.«

Doch ausgerechnet das arme, von ethnischen und religiösen Konflikten gebeutelte Myanmar beweist, dass man die Verbreitung von HIV wirkungsvoll eindämmen kann. Lange Zeit war Myanmar das südostasiatische Schlusslicht bei der Aidsbekämpfung. In den vergangenen sechs Jahren aber hat es beachtliche Erfolge erzielt. Mit 26 Prozent ist die Rate der HIV-Neuinfektionen dort seit 2010 doppelt so stark gesunken wie in den meisten anderen Ländern der Region. Die Zahl der Aids-Todesfälle ist um 52 Prozent zurückgegangen. Von den rund 230 000 HIV-Positiven in Myanmar werden inzwischen 57 Prozent mit Medikamenten behandelt. Das sind vier Mal so viel wie noch 2010. Für Oussama Tawil, Landesdirektor von UNAIDS in Myanmar, sind diese »phänomenalen« Erfolge der Beweis, dass man viele Leben retten kann, wenn der politische Wille da ist.

Mit den 57 Prozent der HIV-Infizierten, die medikamentös behandelt werden, ist Myanmar allerdings noch ein Stück entfernt vom international von UNAIDS und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gesetzten Aidsbekämpfungsstandard 90 - 90 - 90. Laut den Zielen sollen bis 2020 90 Prozent aller Menschen mit HIV weltweit durch einen HIV-Test ihren Status kennen; davon sollen wiederum 90 Prozent in medikamentöser Behandlung sein und bei 90 Prozent davon soll die Behandlung die Virenzahl unter die Nachweisgrenze gedrückt haben.

Ein massives neues Problem auf dem Weg zu diesem ambitionierten Ziel wird derzeit auf der Aidskonferenz in Paris diskutiert: Resistenzen. Laut einer in diesem Jahr veröffentlichten Untersuchung der WHO wurde in sechs von elf in Afrika, Asien und Lateinamerika untersuchten Ländern bei mehr als zehn Prozent der HIV-Positiven in antiretroviraler Therapie ein HI-Virenstrang entdeckt, der gegen einige der wichtigsten Aidsmedikamente resistent ist.

Resistenzen entstehen, wenn die Medikamente nicht regelmäßig eingenommen werden. Gründe dafür können Unverträglichkeiten, Nebenwirkungen, verfrühte Freude über scheinbare Behandlungserfolge oder aber auch Probleme beim Nachschub der Medikamente sein - sei es, dass der Weg bis zum nächsten Arzt sehr weit ist oder der Betroffene in einem Konfliktgebiet lebt. Resistenzen aber stellen ein doppeltes Problem dar: Der einzelne Betroffene kann an Aids erkranken, aber er kann auch andere mit dem resistenten Virus infizieren.

Nichtsdestotrotz hat es in den vergangenen zwei Jahrzehnten große Erfolge im Kampf gegen Aids gegeben. Durch erfolgreiche Prävention wurde die Verbreitung von HIV massiv gebremst. Medikamente können das Virus in Schach halten. Erfolgversprechende Impfstoffe sind kein bloßes Wunschdenken mehr. Erstmalig beschäftigen sich auf der Konferenz von Paris Forscher und Krebsexperten mit der Frage, ob Krebsmedikamente auch gegen Aids wirksam sein könnten.

In Sicht ist auch eine neue Therapie: Monatsspritze statt täglicher Pillen. Das hat ein internationales Forscherteam mit deutscher Beteiligung auf der Konferenz in Paris berichtet. Zulassungsstudien für die Injektionstherapie laufen bereits.

Eine seltenere Anwendung könnte dazu führen, dass Patienten sich zuverlässiger an Therapien halten. Dies würde auch die Entstehung von Resistenzen gegen Wirkstoffe erschweren. »Diese Resultate verdienen große Aufmerksamkeit, schreiben Mark Boyd von der University of Adelaide und David Cooper von der University of New South Wales in Sydney in einem Kommentar für das Wissenschaftsmagazin «Lancet».

Jedoch offenbart eine aktuelle Untersuchung von UNAIDS und der Kaiser Family Foundation, dass die Regierungen weltweit ihre finanzielle Unterstützung der HIV-Forschung Schritt für Schritt zurückfahren, darunter auch die USA als größter Einzelgeldgeber. Die gleiche Entwicklung zeigt sich im Bereich der Forschung zu Prävention, wie eine aktuelle Untersuchung des Netzwerkes Global Advocacy for HIV Prevention zeigt. Aids-Experten befürchten, dass der Rotstift bei der Aidsforschung die erreichten Erfolge gefährden oder gar in ihr Gegenteil umkehren könnte.

Luiz Loures, stellvertretender Direktor von UNAIDS, mahnt deshalb: «Wir können nicht zulassen, dass das Erreichte durch fehlende finanzielle Mittel einen Rückschlag erleidet. Investiert jetzt und wir können Aids bis 2030 ein Ende setzen.»

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