Die rechtsextreme Welt zieht’s nach Themar

Hardcore-Neonazis - gut vernetzt und hartnäckig - treffen sich gleich mehrfach im Juli in einer thüringischen Kleinstadt

Schaut man sich die Fotos von dem kürzlichen Themar-»Konzert« an, so fallen drei Dinge auf. Erstens: Es nahmen Vertreter zahlreicher deutscher Neonazi-Gruppierungen teil. Die Anzahl der offen präsentierten außerparlamentarischen Kameradschaften und Netzwerke zeigt eine flächendeckende rechtsextremistische Gefahr und einen ebenso großen Handlungsrahmen für den Rechtsstaat. Man sah eigentlich verbotene Blood&Honour-Gliederungen aus Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg ... Neben diesen »Divisionen« marschierten »Werwölfe aus Württemberg« an und jede Menge Typen vom »III. Weg«. Letzterer wurde umrahmt von Vertretern anderer rechtsextremer Parteien, darunter die NPD. Mit dabei und gleichfalls leicht am Outfit identifizierbar waren zahlreiche Frontläufer der Identitären-Bewegung, die sich bislang von Veranstaltungen à la Themar und den dort vertretenen Gruppierungen deutlich distanzierte. Das sind ideologische und organisatorische Sammlungserscheinungen, die Experten bislang für kaum denkbar gehalten haben. Nun ist von »Schulterschluss« und »Machtdemonstration« die Rede.

Zweitens: Die Teilnehmer kommen aus zahlreichen europäischen Ländern. Es wehten Fahnen aus Frankreich, Belgien, Tschechien, Polen, der Ukraine, aus Russland. Dabei waren auch Italiener, Österreicher, Schweizer.

Drittens: Insbesondere das männliche Klientel war reiferen Alters. Angehörige unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen und Schichten zog es in die Gemeinschaft der 6000 Neonazis. Viele kamen in einer Zeit zur rechtsextremistischen Bewegung, zu der sich unter anderem das noch immer nicht aufgeklärte Terrornetzwerk des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) gebildet hat. Zahlreiche T-Shirts verwiesen demonstrativ auf die Kontinuität zu ähnlichen Gruppierungen, die gleichfalls im Rahmen der Blood&Honour-Bewegung (B&H) und in Verbindung mit ihrem militanten Arm »Combat 18« entstanden.

Wieder aufgetaucht sind beispielsweise B&H-Strukturen aus dem österreichischen Bundesland Vorarlberg. Seit 1996 gab es im Vierländereck Deutschland-Österreich-Schweiz-Liechtenstein Organisationsversuche, die immer wieder unterbunden wurden. Seit 1998 - dem Jahr, in dem das Thüringer NSU-Kerntrio mit Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und der jetzt in München angeklagten Beate Zschäpe abgetaucht war - gab es eine eigenen Blood&Honour-Division Vorarlberg. Die sich mit vergleichbaren Organisationen in Tirol und Wien, aber auch mit Gruppierungen in Deutschland vernetzte.

Nachdem Blood&Honour in Deutschland im Jahre 2000 verboten wurde, nutzten die deutschen Neonazis Vorarlberger Strukturen. Zur Tarnung bildeten sich dort die B&H-Gruppen »Motorradfreunde Bodensee«, die 2009 verboten wurden. Die Ruhe war nur scheinbar, wie sich bei Auftritten von Pegida in Bregenz am Bodensee, aber auch bei Aufmärschen der »Identitären« 2015 in Spielfeld (Steiermark) zeigte. Als ein Auftritt der ungarischen Nazi-Band »Indulat« in Thüringen verboten wurde, verlegte man ihn 2016 kurzerhand nach Vorarlberg. Es ist sicher auch kein Zufall, dass sich Typen wie Ralf Marschner, der als B&H-Mann im Umfeld des NSU lebte und dazu dem Bundesamt für Verfassungsschutz diente, in die Schweiz und nach Liechtenstein zurückgezogen haben.

Beim jüngsten »Konzert« in Thüringen waren Neonazis aus Südtirol relativ auffällig, wie unter anderem österreichische Antifaschisten - siehe die Initiative stopptdierechten.at - namentlich belegen. Die Verbindungen der italienischen B&H-Kader nach Deutschland sind seit Jahren relativ eng. Das weiß auch der deutsche Verfassungsschutz. Seit Jahren. Auch dank italienischer Geheimdienstberichte, die gleichfalls Richtung NSU weisen.

Hintergründe sind weder von deutschen Ermittlern noch von den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen, geschweige denn im Münchner NSU-Prozess aufgeklärt worden. Dabei geht es unter anderem um den dort angeklagten Ralf Wohlleben. Der Ex-NPD-Funktionär soll im März 2009 - so heißt es in einem vertraulichen Schreiben des italienischen Inlandsgeheimdienstes AISI an das Bundesamt für Verfassungsschutz - bei einem Treffen von deutschen Neonazis mit den »Skinheads Tirol - Sektion Meran« und dem »Südtiroler Kameradschaftsring« in Kaltern 20 000 Euro übergeben haben. Das Geld sei für »Kameraden« bestimmt gewesen, »die sich in Schwierigkeiten befinden«, heißt es. Ob das Geld aus Überfällen von Mundlos und Böhnhardt stammt, ist nie untersucht worden.

Ferner werden der 2016 verstorbene Thüringer NPD-Kader Frank Schwerdt und Patrick Paul aus Erfurt als Teilnehmer des Treffens benannt. Auffällig ist, dass sie dort nicht als NPD-Mitglieder, sondern als »Führer« bzw. »Aktivisten« des »Nationalen Widerstands Jena « bezeichnet wurden. Denn auch bei dieser Kameradschaft handelt es sich um einen Zusammenschluss, in dem Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe vor ihrer Flucht aktiv waren.

Auch der in München angeklagte Holger Gerlach, also ein weiterer Mann aus dem NSU-Umfeld, hat mutmaßlich an dem Treffen teilgenommen. Im Brief des italienischen Geheimdienstes wird er als »Führer des Netzwerks Thüringer Heimatschutz« bezeichnet. Das ist jene Organisation, der Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe bis zu ihrem Untertauchen angehörten. Auch in ihnen sahen Sicherheitsbehörden zu lange nur einfache Konzertbesucher.

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