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Wie sich Themar auf das nächste Nazi-Konzert vorbereitet

Themarer Einwohner werden am Samstag erneut von Rechtsextremen heimgesucht

Der Flyer, mit dem für dieses Hass-Konzert geworben wird, sieht aus wie so viele andere Flyer, mit denen Neonazis zu dem einladen, was sie als »politische Kundgebung« tarnen. Mit dem Segen von Verwaltungsgerichten, was viele Menschen - gerade im südthüringischen Themar - kaum noch nachvollziehen können. »Rock für Identität« steht nun also oben auf diesem Stück Papier. Direkt darunter sind die Namen der Bands aufgelistet, die bei diesem Festival spielen sollen, unter anderem »Sturmwehr«, »Frontkraft« und »Faust« - Neonazi-Gruppen also, deren Namen schon nahelegen, dass keine romantischen Balladen dargeboten werden. Es wird wieder einmal um den angeblichen Untergang Deutschlands und den möglichst brutalen, weißen Widerstand dagegen gehen.

Und doch ist dieses Rechtsrock-Konzert etwas Besonderes. Nicht wegen der Gestaltung des Flyers. Nicht wegen dem, was dort an Hass zu erwarten ist - das ist ziemlich gewöhnlich. Es findet zwei Wochen nach einem anderen Konzert am selben Ort statt. Damals waren 6000 Rechtsextreme an den Rand des Ortes Themar gekommen, der nicht einmal 3000 Einwohner hat. Zudem waren etwa 1000 Polizisten in der Region gewesen, um Straftaten zu verhindern. Was sie dann aber nicht taten. Auch nicht, als kurz vor Ende des Konzertes Dutzende, vielleicht Hunderte Neonazis im Festivalzelt immer wieder »Sieg Heil« brüllten und dazu mehrfach den rechten Arm nach oben warfen.

Politiker der LINKEN und von den Grünen sagen, nach ihrer Einschätzung sei dieses Konzert das größte Hass-Festival auf deutschem Boden seit 1949 gewesen. Immerhin: Die Menschen in Themar - das ist deutschlandweit anerkannt worden - hatten sich mit all ihrer Kraft gegen das Konzert gewehrt. An zahlreichen Punkten in der Innenstadt hatten sie Protestveranstaltungen organisiert, zu denen mehrere Hundert Demokraten gekommen waren.

Was in absoluten Zahlen - noch dazu gegen 6000 Rechtsextreme gerechnet - nicht viel und nicht groß klingt, war tatsächlich eine ganze Menge, wenn man weiß, dass Themar mitten im ländlichen Raum des Freistaats liegt. Dort so viele Menschen zum Protest gegen Rechtextreme zu mobilisieren, ist bedeutend schwerer, als 1000 Gegendemonstranten in Erfurt oder Jena auf die Straße zu bringen. Auch, wie das die stellvertretende Vorsitzende der Thüringer Jusos, Romy Arnold, gesagt hatte, weil Gesicht zu zeigen dort bedeutet, auch gesehen zu werden. »Und zwar auch von Leuten, von denen man das eigentlich nicht möchte.« Und so lautet die große Frage, vor der die Menschen in Themar nun stehen: Wie viele Rechtsextreme werden diesmal kommen, um Hass dröhnen zu lassen? Angemeldet sind für dieses Konzert von den Veranstaltern nach Angaben der Behörden 750 Teilnehmer.

Doch selbst in Thüringer Sicherheitskreisen glaubt man, dass die Zahl der »Konzertbesucher« sehr wahrscheinlich wieder deutlich über der 1000er-Marke liegen wird. Möglicherweise werden es sogar doppelt so viele. Immerhin, sagen zum Beispiel Polizisten, sei das Konzert vor zwei Wochen als riesiger Erfolg in der Szene gefeiert worden. Vor allem, weil die Rechtsextremen trotz der Proteste in der Innenstadt auf ihrem Festivalgelände relativ ungestört ihren faschistischen Gewaltfantasien anhängen konnten. Hat das also zu einem Hype in der Szene geführt, der nun Neonazis dazu treiben wird, auch »Rock für Identität« zu besuchen?

Die Antwort auf diese Frage kann erst am kommenden Samstag gegeben werden.

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